Flanieren im Umland : Wo Potsdamer den Sommer genießen

Die Stadt ist nach 20 Uhr öd und leer? Ein Vorurteil, das sich hält. In der warmen Jahreszeit jedoch sind überall in Potsdam Flaneure unterwegs. Ein Stimmungsbild.

Sarah Kugler
Hach, die Havel. Schön ist es in Potsdam rund ums Jahr, im Sommer aber ganz besonders.
Hach, die Havel. Schön ist es in Potsdam rund ums Jahr, im Sommer aber ganz besonders.Foto: Sebastian Gabsch

An der Alten Fahrt, dem Wasserlauf in der Potsdamer Innenstadt, wurde die Zeit zurückgedreht – zumindest musikalisch. Aus einem großen Ghettoblaster ertönt „Mädchen“ von Lucilectric. Genau, jener Popsong aus dem Jahr 1994, der mit dem eingängigen Refrain „Weil ich ein Mädchen bin“ von einer Blumenschaukel aus gesungen wurde und eigentlich nur noch der Generation Viva bekannt sein dürfte. Denkste. Bei Potsdams Teenagern scheint er gerade wieder angesagt zu sein, an den warmen Sommerabenden dieser Woche war er wiederholt aus mobilen Boxen zu hören.

Nicht nur an der Alten Fahrt, sondern auch am Havellauf am Potsdamer Yachthafen in Potsdam West. Nur zwei Orte, an denen Brandenburgs Landeshauptstadt allabendlich lebendig bleibt – allen Vorurteilen zum Trotz. Denn eigentlich werden Potsdam hochgeklappte Bordsteine ab 20 Uhr nachgesagt. Zumindest in Berlin ist das nicht nur gelegentlich zu hören. Sogar über theoretisch mögliche Picknicke auf der nächtlichen Zeppelinstraße wird gewitzelt – immerhin eine mehrspurige Hauptverkehrsstraße. Und ja, vielleicht sind die ab einer bestimmten Uhrzeit sogar möglich. Doch wer im Sommer von einer abendlich unbelebten Stadt spricht, guckt nicht richtig hin.

In der Charlottenstraße ist viel los

Schon in der Charlottenstraße im Zentrum sind an den warmen, regenfreien Sommerabenden viele Menschengruppen anzutreffen. Sie sitzen in oder vor der 11-Line, einer Bar, der „Olga“, einem linken Szenetreff, oder einfach auf einer Hauseingangstreppe. Überall klimpern Bierflaschen – ein Konzept, das sich bis nach Potsdam West rund um die Geschwister-Scholl-Straße hineinzieht. Hier sitzen die Nachtschwärmer nicht so gedrängt, die Durchmischung ist aber ähnlich: Studenten, junge Leute oder solche, die innerlich welche geblieben sind.

Gesprochen wird über alles Mögliche. Von Schillers Theatertheorien bis hin zu den richtigen Vorhängen für die neue Wohnung. Was banal klingt, wird für ein Pärchen zur heiklen Diskussion. Sie, schwanger im höheren Monat, möchte farbenfrohe Gardinen mit einer gewissen Leichtigkeit. Er, mit zerknautschtem Shirt, hätte es im Schlafzimmer gerne blickdicht. „Damit die Sonne morgens nicht so blendet.“ Dabei sei es doch so schön, von der Sonne geweckt zu werden, ist ihr Einwand. Er zuckt mit den Schultern und murmelt etwas von „dafür gibt es Wecker“, was sie wiederum mit einem ironischen „sehr romantisch“ kontert.

Im Park Sanssouci ist nach Einbruch der Dunkelheit Schluss

Sehr viel harmonischer wirkt ein Paar am Grünen Gitter vom Park Sanssouci. Die beiden sind etwas verlegen, gerade werden sie vom Pförtner aus dem bereits abgeschlossenen Park entlassen. „Nächstes Mal achten Sie besser auf die Zeit, ne“, sagt der nur. Für die Verliebten hat sich das späte Wandeln anscheinend gelohnt: „Wir haben Glühwürmchen gesehen, total schön.“ Nach Einbruch der Dunkelheit ist laut Parkordnung eigentlich Schluss. Doch sie sind nicht die einzigen, die noch in den Potsdamer Parks unterwegs sind.

Nachtbader am Heiligen See im Neuen Garten versuchen regelmäßig, sich vor den Parkwächtern zu verstecken – meist mit mäßigem Erfolg. Denn die mit Taschenlampen ausgerüsteten Nachtwächter sind hartnäckig. Wer es dennoch schafft zu bleiben, kommt nicht nur in den Genuss eines einsamen Bades, sondern bei klarem Himmel auch eines leuchtenden Sternenhimmels ohne innerstädtische Lichtverschmutzung.

Geselligere Nachtschwärmer sind in der Schiffbauergasse gut aufgehoben. Der große Andrang ist hier noch nicht angekommen, vom Geisterortstatus, welcher dem Kulturareal am Tiefen See nachgesagt wird, ist aber auch nichts zu spüren. Wer kein Filmliebhaber ist und nicht das derzeitige Angebot des Waschhaus-Kino-Open-Air-Programms nutzt, sitzt am Wasser und guckt dabei noch bis Ende Juli auf Rainer Gottemeiers Lichtinstallation „Lichte Horizonte“. Seine blau leuchtenden, auf dem Wasser aufrecht schwimmenden Stäbe müssen sich aus mehreren Mündern den Vergleich mit Lichtschwertern aus dem „Star Wars“-Universum gefallen lassen. Schön sind sie trotzdem und bringen durch ihre Farbe eine Illusion der Kühle mit sich.

Hinter Kaufland in der Zeppelinstraße geht es ruhiger zu

Den ein oder anderen übermütigen – und eventuell nicht mehr ganz nüchternen – Erwachsenen drängt es trotz Wärme zur Bewegung. Auf dem neuen „Floßpiraten“-Spielplatz vor Ort werden Trampolin und Röhrenrutsche ausprobiert, Brandblase an der Hand inklusive. „Ich habe beim Rutschen versucht abzubremsen, das war nicht so klug“, gibt ein Mann zu und lacht. Er ist schon in den Vierzigern, aber „das innere Kind habe ich mir erhalten, und das soll auch so bleiben.“

Die Teenager, die hinter dem Potsdamer Yachthafen die Schaukel des dortigen Havel-Spielplatzes belagern, sind auf ihr inneres Kind noch nicht stolz. Sie versuchen es eher hinter Coolness zu verstecken. Ein merkwürdiges Ritual des „Taufens“, das offensichtlich nichts mit der christlichen Tradition, dafür aber viel mit Alkohol zu tun hat, spielt dabei eine übergeordnete Rolle. Darauf angesprochen zuckt ein 17-Jähriger nur mit den Schultern. „Keine Ahnung, was das sein soll, die gehören nicht zu uns.“ Klare Rangordnung also. Miteinander angestoßen wird ab und zu trotzdem. Auch mit Vorbeigehenden, egal welchen Alters.

Näher an der Stadt, direkt hinter Kaufland in der Zeppelinstraße, geht es etwas ruhiger zu. Das romantische Zweierdate mit der Havel ist hier zwar auch nicht möglich, aber immerhin ruhige Gespräche. Auch über städtische Aufregerthemen. Etwa das Zubauen der Grünflächen „mit Wohnungen, die sich eh keiner leisten kann“.

Mitten in den Ärger hinein erklingt er dann wieder: der 90er-Sound von „Weil ich ein Mädchen bin“. Ein bisschen anders diesmal, irgendwie moderner. „Das ist von Enyadres, die hat das letztes Jahr rausgebracht“, erklärt eine 15-Jährige. Aha, eine Coverversion also. Aber von wem jetzt genau? „Na Enyadres, von Youtube, und von Musical.ly“. Ob die in ihrem Video wohl auch kokett auf einer Blumenschaukel sitzt? Die Recherche ergibt: nein. Sie liegt lieber im Bällebad. Der Ohrwurm bleibt trotzdem und schwärmt gemeinsam mit all den nachtaktiven Potsdamern durch die Stadt.

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