Flüchtlinge in Berlin : Kritik am geplanten Ankunftszentrums des Senats

In Reinickendorf sollen ab 2019 die Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge entstehen. Politikern und Anwohner sind skeptisch. Ein Besuch.

Wechselhafte Geschichte: In der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik war bereits Klaus Kinski Patient.
Wechselhafte Geschichte: In der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik war bereits Klaus Kinski Patient.Foto: imago/Schöning

Auf Bonnies Ranch grasen fünf Ponys. Friedlich stehen sie unter den bunt verfärbten Baumkronen auf ihrer Koppel. Vom Großstadtlärm ist auf dem Areal der früheren Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Reinickendorf wenig zu hören. Josephine Reyher steht bei den Pferden und füttert sie. Sie sieht die Oase in der Metropole bedroht: „Es ist für alle Menschen anstrengend geworden, hier zu leben.“

Müll, Lärm, Streit – alles habe sich verschlechtert, seit hier mehr als 600 Flüchtlinge untergebracht sind. Reyher ist Krankenschwester, arbeitet seit 1990 auf dem Gelände, das im Volksmund Bonnies Ranch genannt wird. Vivantes betreibt hier eine Psychiatrie, daneben befindet sich ein Maßregelvollzug. Aushilfsweise kümmert sich Reyher auch um die Pferde. Die gibt es hier seit über 30 Jahren. Kinder, Spastiker, Menschen mit geistiger Behinderung können mit ihnen eine sogenannte Hippotherapie machen. Auch für die Tiere sei die neue Situation stressig, sagt Reyher: Manche der Geflüchteten hätten „wenig Respekt und sind laut.“ Einmal, erzählt Reyer, haben Flüchtlinge nachts sogar versucht, auf den Pferden zu reiten.

Bald sind hier doppelt so viele Flüchtlinge

Nach dem Willen des Senats sollen hier bald noch mehr Flüchtlinge auf dem Gelände untergebracht werden. Für ein sogenanntes Tempohome mit Platz für 256 Menschen sind bereits Container aufgestellt worden. Ein Betreiber wird noch gesucht, Anfang 2019 wird wohl eröffnet.

Zudem wurde am Dienstag bekannt, dass auf dem Areal bis Ende 2019 das zentrale Ankunftszentrum Berlins entstehen soll. Jeder neu ankommende Flüchtling – im Moment sind es rund 700 pro Monat – soll sich dann in Reinickendorf registrieren, medizinisch untersuchen lassen und auf das Asyl-Aufnahme-Gespräch vorbereiten. Rund zwei Wochen sollen die Neuankömmlinge bleiben, dann werden sie auf die 27.600 Plätze in der ganzen Stadt verteilt. Das Tor zu Berlin, so der Plan, liegt fortan in der Oranienburger Straße 285.

Auch Flüchtlinge fühlen sich unwohl

In der Nachbarschaft sind darüber nicht alle begeistert. „Ich fände es schöner, wenn die Menschen eingebunden werden“, sagt Dagmar Görn-Abdraboh, die seit acht Jahren im Kiez wohnt. Ein Problem mit den neuen Nachbarn habe sie nicht – im Gegenteil. „Die haben Angst vor meinem Hund“, sagt die 59-Jährige und zeigt auf einen kleinen, alten Cocker Spaniel. Kritisch sieht sie nur die zunehmende Vermüllung.
Karim Ziaar, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, wohnt in der Sammelunterkunft. Ideal findet er das nicht. „Wenn ich lernen möchte, sind die Kinder oft sehr laut“, sagt der 28-jährige Iraner. Sein Zimmer muss er sich mit drei anderen Männern teilen, bald will er nach Neukölln ziehen. Aus politischen Gründen habe er seine Heimatstadt Shiraz verlassen. Dass er Asyl bekommt, bezweifelt er trotzdem. Deshalb hofft er, bald eine Ausbildung zum Elektromechaniker beginnen zu können, um doch bleiben zu können.

CDU und AfD wollen schneller abschieben

Menschen wie Ziaar möchte die AfD konsequent abschieben. Der integrationspolitische Sprecher, Hanno Bachmann, kritisiert die neue Idee des Ankunftszentrums. „Wir halten ein Ankerzentrum für das richtige und gebotene Konzept.“ Die von Innenminister Horst Seehofer (CSU) geforderten Zentren sehen vor, dass Asylbewerber für die Dauer ihres Verfahrens in großen, zentralen Sammelstellen bleiben. Alleinstehende maximal 18, Familien sechs Monate. Die Idee dahinter: Wird ein Asylantrag abgelehnt, kann der Antragsteller schneller abgeschoben werden. Linke Parteien halten das für integrationsfeindlich. Die AfD sieht das anders: „Die, die nicht bleiben dürfen, muss man auch nicht integrieren“, sagt Bachmann.
Kritik kommt auch von der CDU. Weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das Asylanträge gestellt und bearbeitet, nicht ebenfalls auf das Areal zieht, spricht Fraktionschef Burkard Dregger von einer „krassen Fehlentscheidung“. Dem Senat wirft er ideologisches Kalkül vor: „Es geht darum, Asylverfahren zu verlangsamen und zu behindern.“

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