60 Rollstuhlsportler plötzlich ohne Halle

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Flüchtlinge in Sporthallen : Die Sportler quält Ohnmacht und Hilflosigkeit
Speziell betroffen. Für die Rollstuhlfahrer von Pfeffersport ist die Situation, wie für alle Querschnittsgelähmten in Vereinen, besonders schwierig. Barrierefreie Hallen sind schwer zu finden.
Speziell betroffen. Für die Rollstuhlfahrer von Pfeffersport ist die Situation, wie für alle Querschnittsgelähmten in Vereinen,...Foto: Sven Darmer/Davids

Der Tag, an dem die Flüchtlingsnot den gewohnten Alltag des Vereins jäh beendete, war der 3. November 2015. Am Abend hörte Pisarz, dass die wichtigste Halle des Vereins, in der Malmöer Straße in Prenzlauer Berg, innerhalb von zwei Stunden geräumt werden müsse. Flüchtlinge seien schon unterwegs. Auf einen Schlag hatten 772 seiner Sportler ihren Trainingsort verloren – die Halle wurde ausschließlich von Pfeffersport genutzt. Unter den 772 Betroffenen waren 60 Rollstuhlfahrer. „Rollis“ nennen sie sich selber.

Es ist ja schon schwierig, für Fußgänger Ausweichhallen zu finden. Bei Rollstuhlfahrern wird die Suche ein Job zum Verzweifeln. Die Halle Malmöer Straße ist ideal für Rollis. Sie hat einen barrierefreien Zugang, behindertengerechte Toiletten, einen Aufzug, das Spielfeld ist gut zu erreichen. 15 Kinder und Jugendliche sowie 45 Erwachsene im Rollstuhl, Anfänger und Profis, hatten dort bisher Basketball trainiert. Im Bereich Pankow, dem Einzugsgebiet, das für die Pfefferwerk-Rollis infrage kommt, gibt es sieben andere barrierefreie Hallen. Eine weitere davon ist mit Flüchtlingen belegt. Zwei andere, in Karow, werden von anderen Vereinen genutzt. Zwei weitere, in Französisch Buchholz, darf Pfeffersport nur für Ligaspiele nutzen. Bleiben für den Trainingsbetrieb die Seelenbinder- und die Schmelinghalle. Und nun? Vier Tage nach der schlechten Nachricht sollte Pfeffersport einen großen Pokalwettbewerb für Rollstuhlbasketballer ausrichten. Zweit- und Erstligisten hatten sich angemeldet, aus dem ganzen Bundesgebiet. Aber jetzt lebten 120 Flüchtlinge in der dafür vorgesehenen Halle.

Pisarz drückt sich in die Lehne seines Rollstuhls und lacht bitter. „Da wird man nervös. Am Tag danach stand ich nur noch unter Strom.“ Er legte den Telefonhörer kaum noch weg, innerhalb von 24 Stunden hatte er tatsächlich Ersatz gefunden, eine Halle in Französisch Buchholz.

Die neuen Mitglieder mussten zwei Monate ohne Halle auskommen

Eine Atempause, mehr nicht. Er stand ja jetzt vor einer Flut anderer Probleme. Wohin mit den Rollis, die neu dazu gestoßen sind? Wohin mit den Routiniers, die im Ligabetrieb spielen? Wo sollen die trainieren, wo ihre Heimspiele austragen?

Für die Einsteiger hatte er erst mal keine Antworten. „Die sind auf offener Strecke stehen geblieben“, sagt Pisarz. Sie blieben zwei Monate lang stehen. Pisarz bemühte sich, die Rollis in der Schmelinghalle in Prenzlauer Berg unterzubringen, dort bietet der Verein schon lange verschiedene Kurse an. Aber so eine Integration dauert. Übungsleiter müssen informiert werden und ihre Zustimmung geben, betroffene Mitglieder müssen von den Änderungen erfahren, außerdem wurden weitere Kurse in andere Hallen ausgelagert.

"Die Hälfte der Jugend kommt nicht mehr zum Training", sagt Christoph Pisarz, Leiter der Rollstuhl-Sportabteilung des SV Pfefferwerk.
"Die Hälfte der Jugend kommt nicht mehr zum Training", sagt Christoph Pisarz, Leiter der Rollstuhl-Sportabteilung des SV...Foto: Sven Darmer/Davids

Pisarz hatte Urlaub im Januar, den hat er dringend gebraucht. In der Geschäftsstelle sitzt er neben Jörg Zwirn, einem der beiden Geschäftsführer von Pfeffersport, zuständig für die Organisation. Zwirn stupst Pisarz an und lacht: „Er sieht schon wieder besser aus, an Weihnachten war es viel schlimmer.“ Bei Zwirn hat der Stress tiefe Furchen ins Gesicht gezogen, ein Dreitagebart liegt unter den müden Augen.

Die Rollis, die im Ligabetrieb spielen, konnte Christoph Pisarz schließlich im Training der Alba-Berlin-Rollis integrieren. Er hat mal für Alba gespielt, die Kontakte halfen. Doch jetzt fahren beim Training bis zu 40 Athleten durch die Halle. „Jeder von uns macht in einer Woche nur noch 100 Korbwürfe“, sagt Pisarz. „Früher waren es 600.“

Rollstühle müssen ständig von Bernau nach Berlin transportiert werden

Dies ist freilich nur ein kleines Problem, verglichen mit den Schwierigkeiten, die der Umzug noch erzeugte. Denn in der Halle Malmöer Straße lagerten 35 Sportrollstühle in einem speziellen Raum. Die Rollis trainieren ja nicht mit ihren Alltagsstühlen. Die Sportstühle kosten zwischen 5000 und 8000 Euro pro Stück, Pfeffersport hat einen Sponsor, der viele von ihnen bezahlt.

Die Rollstühle durften die Mitglieder noch aus der Halle holen, aber jetzt standen sie da. Wohin mit ihnen? In die Schmelinghalle? „Wochenlang“, sagt Pisarz, „haben die Hallenwarte dort nach einer Lösung für uns gesucht. Vergeblich.“ Die fand sich letztlich in Form einer Doppelgarage. Die gehört dem Vater eines Rollis. Sie hat nur ein Problem, diese Garage. Pisarz hebt die Brauen. „Sie liegt in Bernau.“ Seit September 2015 besitzt Pfeffersport den Transporter. „Und der“, sagt Pisarz, „ist ständig im Einsatz.“ Die Rollstühle werden am Mittwoch in Bernau eingeladen und nach Berlin gefahren, dort ausgeladen, nach dem Training im Transporter verstaut, am nächsten Morgen werden die Stühle wieder zur Halle gebracht. So pendelt der Bus bis Sonntag. Dann geht’s wieder mit den Stühlen nach Bernau. 700 Kilometer ist der Bus mit den Rollstühlen inzwischen gefahren.

"50 Prozent der Kinder kommen nicht mehr ins Training"

Damit war das Transportproblem gelöst. Aber nicht jenes der Einzelfallhelfer. Viele der Rollstuhlbasketballer benötigen einen Helfer, der sie zum Sport bringt. Auf die verschobenen Trainingszeiten konnten sich manche nicht einstellen. „Einige Fahrdienste sind sehr unflexibel, wenn es Änderungen gibt“, sagt Pisarz. Und wenn die Helfer nicht bereitstehen, dann fällt der Sport eben aus. „40 bis 50 Prozent aller Kinder und Jugendlichen kommen nicht mehr zum Training“, sagt Zwirn.

Am 30. November 2015 war dann auch noch die zweite Halle weg, die Pfeffersport genutzt hatte. Auch hier zogen Flüchtlinge ein. In der Halle hatten Rolli-Kids trainiert, nun musste auch für 14 Kinder und Jugendliche eine Alternative gefunden werden. Schließlich brachte der Abteilungsleiter die Talente in der Seelenbinder-Halle unter. Auch ihre Rollstühle lagern nun in Bernau.

Pisarz, der muskulöse Typ, sackt bei der Erinnerung an diese Zeiten einen Moment lang regelrecht zusammen. „Man kann es nicht in Worte fassen, was es für einen Aufwand bedeutet, diese Probleme zu lösen. Als wir dachten, wir hätten eine Ausweichhalle für einen Teil der Rollis gefunden, da war plötzlich diese Halle auch belegt.“ Eine Halle, die nun Unterkunft für 180 Flüchtlinge ist. Und jetzt, sagt Pisarz, jetzt „hat man immer Angst, dass so etwas noch mal passiert“.

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