Räumung der Hallen sollte im Sommer erfolgen

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Flüchtlinge in Sporthallen : Die Sportler quält Ohnmacht und Hilflosigkeit
Voll, eng, provisorisch. Weil ihre großen Hallen belegt sind, müssen mehrere Handballteams des SV Pfefferwerk gleichzeitig trainieren – wie hier in der Esmarchstraße in Prenzlauer Berg.
Voll, eng, provisorisch. Weil ihre großen Hallen belegt sind, müssen mehrere Handballteams des SV Pfefferwerk gleichzeitig...Foto:Florian Boillot/Davids

Diese Angst kann ihm keiner nehmen. Die Politik verspricht nur, möglichst viele Alternativen zu Sporthallen zu suchen. Dieter Glietsch, der Berliner Staatssekretär für Flüchtlingsfragen, sagt, dass „mehrere hundert Menschen täglich sofort untergebracht werden mussten, um Obdachlosigkeit zu vermeiden“. Das sei nur durch die Belegung von Sporthallen möglich gewesen. Allein zwischen 1. und 18. Februar kamen 2868 neue Flüchtlinge nach Berlin, das sind im Schnitt rund 200 pro Tag. Sie brauchen ein Dach über dem Kopf. Selbst wenn Alternativstandorte gefunden werden, können sich die Sporthallen also erst einmal nicht leeren.

Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) sagt, Notunterkünfte in Sporthallen seien stets „die letzte Option“. Die Hallen seien die ersten Gebäude, die frei würden, wenn es eine Alternative gebe. Und wann gibt es die? Gute Frage. Niemand kann, niemand will sie beantworten. Mitte Januar hatte Glietsch erklärt, er wolle im Sommer mit der Räumung der Hallen beginnen. Inzwischen redet er nur noch von einem „überschaubaren Zeitraum“.

An der Basis, beim SV Pfefferwerk, haben sie natürlich Verständnis für die Notlage der Flüchtlinge. „Wir wollen keine Obdachlosigkeit“, sagt Janine Rosenheinrich. Sie ist in der Geschäftsführung für Finanzen zuständig. Aber die 38-Jährige sieht auch den Alltag in den mit Flüchtlingen belegten Sporthallen. „Menschenunwürdig“ nennt sie die Bedingungen. „Alles ist beengt, den Flüchtlingen fällt die Decke auf den Kopf. Schon deshalb sind Sporthallen ungeeignet.“

„Da fliegen die Bälle durch die Luft wie die Rosinenbomber bei der Berliner Blockade.“

Vereinsmitglieder sind in die Hallen gegangen, um diesen tristen Alltag ein wenig aufzuhellen. Sie machten Sport mit den Bewohnern, hörten zu. Pfefferwerk hatte schon im Herbst 2015 eine Spendenaktion für Flüchtlinge eingerichtet, 2000 Euro kamen zusammen. Inzwischen aber benötigt der Verein seine Ressourcen für andere Themen.

Janine Rosenheinrich verzieht den Mund. Für sie hat es einen zynischen Beiklang, dass man ausgerechnet die Hallen ihres Vereins belegt. Denn Pfeffersport bietet nicht nur seinen Mitgliedern umfassende Angebote, sondern im gleichen Maß auch Flüchtlingen. „Viele dieser Angebote werden von denen angenommen“, sagt sie. „Und dann nimmt man uns einen Teil dieser Angebote weg.“

Und zugleich pfercht man die Hobbyathleten zusammen. Bei den Handballern, sagt Geschäftsführer Jörg Zwirn, trainierten teilweise vier Teams gleichzeitig in einer Doppelsporthalle. „Da fliegen die Bälle durch die Luft wie die Rosinenbomber bei der Berliner Blockade.“

Der Verein profitiert nicht vom EM-Triumph der Handballer

In der Reha-Sporthalle, beim Training der zweiten Männermannschaft, können sie sich solche Szenen lebhaft vorstellen. „Viele haben unter diesen Umständen keine Lust mehr zu trainieren“, sagt Robert Tesch, der Außenspieler. „Auch in unserer Mannschaft nicht.“ Das Training ist zu Ende, Tesch und einige aus der Gruppe sitzen noch auf einer Bank. Neben Tesch hat sich Marcel Rönnebeck gehockt, ein stämmiger Typ, dem das verschwitzte T-Shirt am Oberkörper klebt. Er hat Anfang Februar den Sieg der deutschen Handballer bei der Europameisterschaft geeiert, wie die anderen in seinem Team. Aber jetzt, in der kleinen Krankenhaus-Halle, verbindet er denn Triumph mit Frust. „Es gibt einen EM-Hype bei den Kids“, sagt Rönnebeck. „Aber wir als Verein können die Euphorie gar nicht nutzen bei diesen miserablen Bedingungen. Was wollen wir denn den Kindern bieten?“

2000 Euro Verlust wegen fehlender Kletterwand

Janine Rosenheinrich würde darauf gern eine befriedigende Antwort geben. Sie hat bloß keine. Soll sie etwa als Erfolgsmeldung verkünden, „dass wir gerade die Beiträge aussetzen“? Weil sie dazu gezwungen sind? Auf ihrem Schreibtisch steht ein Foto von ihr und zwei Vereins-Mitarbeitern, alle drei als rote Teufel verkleidet, das Maskottchen des Vereins. Das Bild entstand bei einem Vereinsfest, sie lachen in die Kamera. Das war im Sommer 2015. Die Halle Malmöer Straße war noch frei.

„Sporthallen sind für Flüchtlinge nicht geeignet," sagt Janine Rosenheinrich, Geschäftsführerin des SV Pfefferwerk.
„Sporthallen sind für Flüchtlinge nicht geeignet," sagt Janine Rosenheinrich, Geschäftsführerin des SV Pfefferwerk.Foto: privat

Aber jetzt ist Winter, in der Halle leben 120 Menschen, und Janine Rosenheinrich, die studierte Betriebswirtin, hat auch damit zu tun, 20 frustrierte erwachsene Mitglieder der Pfeffersport-Klettergruppe bei Laune zu halten. In der Malmöer Straße konnten die sich an einer Kletterwand hochziehen. Aber in Berlin sind öffentliche Hallen mit solchen Wänden selten. Also ist die Geschäftsführerin auf eine private Kletterhalle in Pankow ausgewichen. Aber in der wollen nur die 20 Kinder und Jugendlichen der Gruppe klettern, der Verein zahlt ihnen den Eintritt. Die Erwachsenen lehnten diese Lösung ab. Eine andere Alternative kann Janine Rosenheinrich derzeit aber nicht bieten. Also sind die Betroffenen erst mal beitragsfrei. „Allein durchs Klettern haben wir bisher 2000 Euro Verlust“, sagt die 38-Jährige. Insgesamt, wenn man alles zusammenrechnet, sind es bisher 5000 Euro.

Der Verein muss Ausweichhallen anmieten

Und der Verein muss ja nicht bloß den Eintritt fürs Klettern bezahlen, er muss auch Ausweichhallen für andere Sportler anmieten. Das St. Joseph-Krankenhaus gibt seine Sporthalle auch nicht gratis an Pfeffersport ab. Der Verein hat auch für sein Eltern-Kind-Turnen eine Halle angemietet. Sonst hätten 300 Bambini keine organisierten Spielstunden mehr. „Gut, alle geben uns die Hallen für einen schmalen Taler“, sagt Rosenheinrich. Sie blättert durch einen Aktenordner. Bei den Tankrechnungen für den Transporter bleibt sie hängen. „Ganz schön heftig“, sagt sie. Rund 1000 Euro sind bis jetzt zusammengekommen. Aber der größte Posten sind die Materialkosten. Pfeffersport musste vieles neu kaufen, Rollbretter, Bälle, Tücher, alles, was fürs Training nötig ist. In der Malmöer Straße war zwar alles da, sie haben die Sachen auch ausgeräumt. Aber jetzt benötigen sie Material an mehreren Ausweichstandorten zugleich. Mehrere tausend Euro hat der Verein bisher dafür bezahlt.

Ob er dieses Geld komplett zurückbekommt, ist unklar. Die Senatsverwaltung für Sport und Inneres hat zwar einen Sondertopf eingerichtet, aber aus dieser Quelle werden bis jetzt bloß Mieten für Ausweichquartiere und Fahrtkosten bezahlt. Die Vereine erhalten Abschlagszahlungen, die Endabrechnung erledigt die Senatsverwaltung für Finanzen. „Wir müssen unsere Ausgaben erst mal vorstrecken“, sagt Rosenheinrich.

Zehn Übungsleiter haben den Verein verlassen

Bei einem Jahresumsatz des Vereins von 800.000 Euro sind solche Vorleistungen nicht existenzgefährdend. Dennoch wird die Geschäftsführerin auf offenen Rechnungen sitzen bleiben. Denn Pfeffersport bietet in Schulen und Kitas Sport-AGs an. „Die sind total begehrt“, sagt Rosenheinrich. 90 Euro bezahlen Eltern im Schuljahr für ihr Kind.

„Im Gegenzug“, sagt sie und liest aus einem Vertrag des Vereins mit einer Schule, „verpflichten wir uns, die AGs zu gewährleisten.“ Dummerweise sollten einige dieser AGs in den Hallen stattfinden, die nun mit Flüchtlingen belegt sind. Fünf Gruppen sind schon ersatzlos gestrichen. „Die Eltern haben aber bereits bezahlt“, sagt Rosenheinrich. „Da kommt man ins Rödeln.“ Der Verein muss das Geld zurücküberweisen – und letztlich auf die Einnahmen verzichten.

„Das Schlimmste ist die Ungewissheit“

Das nächste Problem sind die Übungsleiter. Oft Studenten, die mit dem Vereins-Honorar ihre Kasse aufbessern. Aber die geänderten Trainingszeiten kollidieren häufig mit ihren Semesterplänen. Entweder wechseln sie deshalb zu einen anderen Klub oder sie trainieren gar nicht mehr. „Zehn Übungsleiter sind schon weg“, sagt Rosenheinrich. 50 bis 60 Trainer sind von der Flüchtlingssituation betroffen. Damit die nicht auch noch gehen, werden sie mit anderen Aufgaben im Verein beschäftigt. „Wir müssen sie halten und bezahlen“, sagt Rosenheinrich. „Sonst haben wir keine Trainer mehr, wenn die Hallen wieder offen sind.“

Wie viele Mitglieder werden aus Frust austreten? Das ist so eine Frage, die keiner beantworten kann. 15 bis 20 hat der Verein seit Beginn der Hallenbelegung verloren. „Allerdings wollten die sowieso gehen“, sagt Rosenheinrich. „Mit dem Hinweis auf die belegten Hallen ist noch keiner weg.“ Bis jetzt wirkt noch der Appell der Geschäftsführung. In einem offenen Brief an alle Mitglieder hatten Zwirn und Rosenheinrich gebeten, man möge den Verantwortlichen „Zeit geben“.

Aber wie lange? Je länger Hallen belegt sind, umso geringer wird die Bereitschaft der Vereinsmitglieder, zugunsten von Flüchtlingen auf den gewohnten Sport zu verzichten. „Das Schlimmste ist die Ungewissheit“, sagt Janine Rosenheinrich. „Niemand weiß, wie es weitergeht.“

Auch LSB-Direktor Brandi nicht. Trotzdem hat er einen Fahrplan vor Augen. „Bis zum Frühsommer müssen die ersten Hallen freigegeben werden“, fordert er. Und wenn nicht? Tja, wenn nicht. Da wird Brandi auf einmal ganz still. Dann sagt er, erheblich leiser, erheblich weicher: „Dann bin ich, ehrlich gesagt, ratlos.“

Dieser Text erschien in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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