zum Hauptinhalt
Bei Westwind starten die Flugzeuge direkt über die Häuser von Selchow.
© Stefan Jacobs
Tagesspiegel Plus

Ein Jahr Hauptstadtflughafen: „Die Jungen sind längst weg“ – ein Dorf am BER stirbt aus

Kein Ort liegt so nahe an den Startbahnen des BER wie Selchow. Ein Ortsbesuch, ein Jahr nach der Eröffnung des Hauptstadtflughafens.

Es ist höllisch laut an diesem bunten Herbsttag in Selchow. Der Mann mit dem Laubbläser und sein Kompagnon im dieselnden Minitraktor machen einen solchen Lärm, dass man die Flugzeuge kaum noch hört. Was bemerkenswert ist, denn Selchow liegt fast zwischen den Startbahnen in deren westlicher Verlängerung.

Keine andere Siedlung befindet sich so nahe am BER wie das 650 Jahre alte Dorf, das seit 2003 zur Gemeinde Schönefeld gehört. „Selchow wird aussterben“, hatte der Ortsvorsteher und langjährige Bürgermeister Lutz Ribbecke ein paar Tage vor der Eröffnung des Flughafens vor einem Jahr prophezeit. „Das Dorf ist tot.“

Gemessen an dieser Prognose scheinen Selchows Vitalfunktionen nach einem Jahr Flugbetrieb auf beiden Bahnen recht stabil: Die Gärten der noch bewohnten Grundstücke sind gepflegt, an einem Mehrfamilienhaus steht ein Gerüst, auf zwei anderen werkeln Dachdecker.

Am nördlichen Ortsrand genießen ein paar Biker und Rentner die Herbstsonne in den Liegestühlen vor dem Hofladen-Restaurant „45 über Null“. Dort gehört die Lage in direkter Verlängerung der Nordbahn zum Unterhaltungsprogramm: Spektakulär dröhnen die Maschinen den Gästen direkt über die Köpfe – allerdings erst ab Montag wieder, weil jeweils zum Monatsbeginn die Startbahn gewechselt wird, um den Lärm zu verteilen, solange coronabedingt so wenig Flugbetrieb herrscht.

Nebenan, durch den Tunnelmund der Bahntrasse zum Terminal vom Hofladen getrennt, legen die Hühner die Eier fürs Bauernfrühstück. Auf halber Strecke an der Dorfstraße döst die mächtige Feldsteinkirche in der Sonne, auf den Wiesen der Keidel-Ranch am südlichen Ortsrand fressen sich die Pferde Kraft an für den Halloween-Ausritt am Sonntag.

Das Idyll um die Ranch in Selchow ist eher optischer als akustischer Natur.
Das Idyll um die Ranch in Selchow ist eher optischer als akustischer Natur.
© Stefan Jacobs

Abgesehen vom Seniorenclub sind die Ranch und die Kirche die einzigen Attraktionen in dem Ort, der noch nie besonders schön im touristischen Sinne war, aber in den Nachkriegsjahren immerhin mehr als 500 Einwohner hatte. Jetzt, nachdem vor Jahren ein paar Häuser für den Flughafen abgerissen wurden und einige Leute sich mit taktischem Geschick teuer haben herauskaufen lassen, sind noch 174 übrig.

Einer von ihnen steht vor seinem schlichten Haus am südlichen Ende der Dorfstraße. Also da, wo die startenden Flugzeuge in geraden Monaten wie dem Oktober von der Südbahn aus plötzlich und dröhnend über den grauen Hallen des neuen Messegeländes am Himmel erscheinen. „Mich stört das nicht“, sagt der Mann am Gartenzaun. „Ich wohne seit 50, nee, 60 Jahren hier. Was soll denn noch kommen?“ Dreimal so viel Flugverkehr vielleicht, wenn die Corona-Delle ausgebügelt ist? „Na und?“

Sein Nachbar, ebenfalls schon lange in Rente und vom Lärm des Laubsammelduos an den Zaun gelockt, klingt ähnlich: Die russischen Maschinen früher seien noch lauter gewesen – und schlimmer als Fluglärm seien Leute, die einfach ihren Müll in den Wald kippen. Berliner seien das, sagt der Mann. Beweise hat er keine.

Die Feldsteinkirche ist das älteste Gebäude in Selchow.
Die Feldsteinkirche ist das älteste Gebäude in Selchow.
© Stefan Jacobs

Wenn etwas tot wirkt in Selchow, dann das neue Messegelände, von dem nicht nur die dunkelgrauen Hallen, sondern auch der Name „Berlin ExpoCenter Airport“ in maximalem Kontrast zum alten Bauerndorf Selchow mit seinen ein- und zweistöckigen Steinhäusern stehen. Immerhin parken auf der Covid-Station der Lufthansa hinterm Flughafenzaun nicht mehr 20 Maschinen wie vor einem Jahr, sondern nur noch zwei.

Aber das Dorf, tot? Ortsvorsteher Lutz Ribbecke bleibt bei seiner Prognose: „Die Jungen sind längst weg und die Alten, die noch da sind, bleiben da. Wo sollen sie denn hin?“ Selchow könne gar nicht anders, als auszusterben: Wohnungsneubau werde nicht genehmigt, die vielen leer stehenden Wohnungen würden nicht mehr vermietet, und von den Bauarbeiten an den Häusern solle man sich nicht täuschen lassen: „Das sind Schallschutzmaßnahmen. Also nichts, was die Leute selbst bezahlen oder investieren würden, um ihre Häuser langfristig zu erhalten.“

Da Selchow schon an den alten Schönefelder Flughafen grenzte, war der wesentliche Effekt der BER-Eröffnung die Inbetriebnahme der zuvor nicht vorhandenen Südbahn. Die mache sich vor allem bei Ostwind sehr unangenehm bemerkbar, berichtet Ribbecke – durch das rückwärtige Aufheulen und Dröhnen der Triebwerke beim Start. „Und noch ein bisschen mehr Kerosingestank als vorher haben wir auch“, berichtet der 60-Jährige, der als Busfahrer arbeitet – also in einem Beruf, in dem Ruhezeiten gesetzlich vorgeschrieben sind. Die dauern am BER von 23.30 Uhr bis 5.30 Uhr. Da es ein paar Ausnahmen gibt, hat die Nacht hier bestenfalls sechs Stunden. Und das Aussterben? Dauert Jahrzehnte, sagt Lutz Ribbecke. Aber aufzuhalten sei es nicht.

Zur Startseite