Forschung in Berlin : Dem Islam auf der Spur

Fred M. Donner sucht in Berliner Papyrusarchiven nach den Ursprüngen der Religion.

Hoffen auf den großen Fund. Auf Einladung der American Academy forscht der Historiker Donner derzeit in Berlin.
Hoffen auf den großen Fund. Auf Einladung der American Academy forscht der Historiker Donner derzeit in Berlin.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Kann es sein, dass sich wichtige Dokumente über die Anfänge des Islam in Berliner Archiven verbergen? Fred M. Donner hält das für wahrscheinlich. Der Professor für nahöstliche Geschichte an der Universität von Chicago ist deshalb glücklich, einige Monate als Stipendiat der American Academy in Berlin verbringen zu können. Er forscht über die Anfänge des Islam und hofft, auf Schriften aus dem 7. Jahrhundert zu stoßen, die Auskunft geben, wie die Menschen zu jener Zeit dort gelebt haben. Es geht auch darum herauszufinden, was später als Projektion Aufnahme in den Koran gefunden hat. Vor allem interessiert es den Historiker, wie die Gemeinschaften in Arabien – Muslime, Juden, Christen – miteinander umgegangen sind.

Papyrus-Schätze lagern in Berlin

Papyrus von antiken Müllhalden war lange Zeit beliebt bei ägyptischen Bauern – als Düngemittel für die Felder. Das änderte sich im 19. Jahrhundert, als sich herumsprach, wie viel Geld man damit machen kann, indem man die Blätter verrückten Europäern verkauft. Aus irgendeinem Grund, den die Bauern damals nicht verstanden, waren die Besucher ganz scharf auf das Zeug. In dem trockenen Klima hatten die Papyrus-Blätter 1200 oder 1300 Jahre überstanden, ohne zu verrotten.

Ein Teil der Papyrus-Dokumente, die dem Dünger-Schicksal entronnen sind, lagert heute im Archäologischen Zentrum in der Geschwister-Scholl-Straße, gleich neben dem Grimm-Zentrum in Mitte. Sie sind der Grund, warum Fred M. Donner hier ist. Aus steinernen Inschriften wisse man, dass der Polytheismus, der Glaube an mehrere Götter, im 5. Jahrhundert abgelöst worden ist durch verbreiteten Monotheismus.

Forschung und Spurensuche

Bis ins Jahr 400 hinein glaubten viele Menschen an altorientalische Gottheiten, den Sonnengott etwa oder den Mondgott. Die Juden und Christen, die damals in Arabien lebten, praktizierten bereits den Monotheismus. Donner vermutet, dass der Islam zunächst als religiöse Bewegung innerhalb dieses vergleichsweise neuen theologischen Konzepts begonnen habe. Dann, nimmt er an, habe er sich langsam abgegrenzt von den beiden anderen monotheistischen Religionen. Besonders das christliche Konzept der Dreifaltigkeit wird an mehr als 30 Stellen im Koran als inakzeptabel angegriffen, weil der davon ausgeht, dass es nur einen Gott geben kann. Ohne göttlichen Sohn. Gelobt werden hingegen christliche Mönche für ihre Frömmigkeit. Es gibt für den Historiker, der selbst um strikte Neutralität bemüht ist, eine Reihe von Widersprüchen, die er erforschen will.

Mit der Forschung hat Donner schon 2008 begonnen, bei einem Studienaufenthalt in Wien, wo in der Nationalbibliothek 65 000 Papyri lagern, von denen 25 000 so aufbereitet sind, dass er sie auswerten konnte. Ungefähr 40 waren aus dem 7. Jahrhundert, darunter Liebesbriefe, Eheverträge, Testamente, Quittungen, sogar Einkaufslisten. Vieles war nicht datiert. Um an Informationen über die Frühzeit des Islam zu kommen, um wissenschaftlich zu erforschen, wie diese Religion wurde, was sie ist, braucht es schon detektivische Spürarbeit.

Verstehen als Lebensaufgabe

Fred Donner kann nicht nur die alten Handschriften entziffern, er spricht auch fließend Deutsch. Das hat weniger mit seinen Großeltern zu tun, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Elsass nach New Jersey ausgewandert sind, sondern mit einem Mentor, der ihm dringend riet, Deutsch zu lernen. Ein Crashkurs in München hat ihn dann gleich ins 3. Semester befördert, so gut war er. Als er 1969 zum US-Wehrdienst eingezogen wurde, hat ihm das vielleicht das Leben gerettet. Er kam nicht nach Vietnam, sondern wurde wegen seiner Sprachkenntnisse zu den amerikanischen Truppen nach Bayern geschickt, nach Herzogenaurach für einen nachrichtendienstlichen Einsatz. Noch war der Kalte Krieg in vollem Gang.

Das Leben dort glich aber nicht den Abenteuern, die man aus Spionagefilmen kennt, erzählt Donner. Was da von den Konversationen ostdeutscher Panzerfahrer abgehört wurde, war meist ziemlich langweilig und banal. Manchmal hörten sie auch die Ansagen der Taxizentrale in Halle. In den anderthalb Jahren immerhin perfektionierte der heute 73-Jährige sein Deutsch und nutzt seitdem jede Chance, es zu praktizieren. Er hat dann auch noch ein Jahr in Erlangen orientalische Philologie studiert, hat außerdem eine Weile im Libanon gelebt.

Hoffnung auf Glücksfunde

Als er vor zehn Jahren von seinem Studienaufenthalt in Wien zurückkehrte nach Chicago, suchte er in der universitätseigenen Sammlung für Kurse in Epigrafie und Paläografie, dem Studium alter Schriften, geeignete Dokumente für die Studenten. Plötzlich stieß er auf ein Dokument aus dem 7. Jahrhundert, in dem es sehr konkret um Geldangelegenheiten ging. Auf solches Glück hofft er auch hier in Berlin.

Ganz genau wisse man nicht, wie der Koran entstanden ist. Die gängige Auffassung ist, dass er innerhalb von 20 Jahren nach dem Tod des Propheten als unabänderliches Wort Gottes aufgeschrieben worden ist. Was aus späteren Berichten eingeflossen ist, das müsse alles noch erforscht werden. Wenn ein Brief beginnt mit der Formel „Im Namen Gottes“ und endet mit dem Wunsch „Frieden und die Gnade Gottes seien mit dir“, dann sei das zunächst mal nur ein Hinweis darauf, dass es sich um einen monotheistischen Schreiber gehandelt habe. Ob der Schreiber jüdischen, christlichen oder islamischen Glaubens war, bleibe offen.

Eine Leidenschaft voller Herausforderungen

Fred Donner selber hat keinerlei religiöse Interessen. Er ist aber christlich erzogen worden und findet auch, dass die Menschheit im Grunde zwei interessante Erzeugnisse hervorgebracht hat: Sprache und Religion. Religionen sind für ihn „voller verrückter Ideen“.

Die Papyri zu lesen, bedeutet jeden Tag eine neue Herausforderung. Die Steininschriften, die man bis zum Jahr 400 kennt, sind mit einem anderen Alphabet und in anderen Sprachen verfasst. Es gibt Papyri in koptischer Sprache oder auf Altägyptisch. Der Prophet ist 632 gestorben. Manche Pergamente lassen darauf schließen, dass Teile des Korans schon vorher verfasst worden sein könnten. Er nimmt an, dass irgendwann religiöse Führer entschieden haben: Wir sind anders als Christen und Juden.

Die Arbeit im Archäologischen Institut ist mühsam: Kostbare Dokumente sind unter Glas gefasst, aber das spiegelt oft. Das macht die ohnehin schon schwer zu lesenden Schriften noch ein bisschen unleserlicher. Aber irgendwann könnte man durch diese Arbeit mehr erfahren darüber, wie es kam, dass der Monotheismus drei Religionen hervorgebracht hat, die eigentlich dem Frieden, der Freiheit und der Verehrung eines Gottes gewidmet waren. Und die trotzdem über die Jahrhunderte so viele Grausamkeiten in die Welt gebracht haben.

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