Foto-Ausstellung in Mitte : Die Lichtspielhäuser des Richard Thieler

Der Berliner Fotograf Richard Thieler hat die Außenansichten von Kinos abgelichtet. Nun stellt die Galerie Poll seine Aufnahmen aus.

Sarah Kugler
Das Outpost in Berlin-Zehlendorf.
Das Outpost in Berlin-Zehlendorf.Foto: Richard Thieler

Die Aufnahme des Alliierten-Kinos Outpost an der Clayallee ist eine Besonderheit. Richard Thieler musste ein wenig anders als sonst vorgehen, konnte nicht frontal fotografieren – der geringe Abstand zwischen Gebäude und Zaun sowie die zwei hintereinander gelegten Leuchtschriften waren schuld.

Etwa 500 noch geöffnete, aber auch ehemalige Lichtspielhäuser hat der Berliner Fotograf in den letzten neun Jahren aufgenommen, 45 Motive sind noch bis Ende Februar unter dem Titel „Capitol, Gloria, Schauburg. Kino-Fotografien von Richard Thieler“ in der Galerie Poll in Mitte zu sehen. Der Schwerpunkt liegt auf Kinos in Berlin und Umgebung.

Das großformatige Bild vom Outpost fällt dabei wegen der besonderen Perspektive sofort auf – und wegen des Flugzeugs im Vordergrund. Das Kino selbst scheint in den Hintergrund gerückt. Keine Absicht, wie Richard Thieler sagt, sondern purer Pragmatismus. Denn an der Vorderseite des Gebäudes, das seit 1998 als Alliierten-Museum fungiert, ist immer noch der Name des ehemaligen Kinos in großen Leuchtbuchstaben zu lesen. Weiter vorne steht die Tafel, auf der früher die aktuellen Filmtitel angekündigt wurden. „Fotografiert man direkt von vorne, überlappen sich die Schriften“, erklärt Richard Thieler.

Das Schauburg-Kino, Dresden, 2016.
Das Schauburg-Kino, Dresden, 2016.Foto: Richard Thieler

Der Abstand zu den Objekten ist dem Fotografen wichtig: Der Name des Kinos muss immer auf dem Bild zu sehen sein, kleinere Details sollen die Betrachter aber selbst entdecken. „Jeder verbindet ja seine ganz eigene Geschichte mit den Kinos, erkennt vielleicht Kinoplakate wieder“, sagt Thieler.

1963 in Berlin geboren, arbeitet er seit Anfang der neunziger Jahre als Fotograf. Seine Kino-Motive waren bereits in mehreren Ausstellungen zu sehen. Angefangen hat alles mit einem Besuch in einem Cinestar-Kino, er fotografierte eine interessante Tür.

Doch die Fassaden interessierten ihn bald mehr. „Im Kino selbst verschwindet man, es wird dunkel im Saal, wie der aussieht, interessiert letztendlich nicht“, sagt Thieler. Außen gebe es aber bunte Leuchtschriften, Plakate oder auch interessante Graffitis.

Das Lichtblick-Kino, Berlin, 2013.
Das Lichtblick-Kino, Berlin, 2013.Foto: Richard Thieler

Wie etwa bei dem Titelbild seiner aktuellen Ausstellung: Es zeigt das Lichtblick-Kino in der Kastanienallee, augenscheinlich an einem Sommerabend. Eine junge Frau sitzt in einem kurzärmeligen Kleid auf der Eingangsstufe, im Foyer stehen Kinobesucher. An der Hauswand kleben Plakatreste und eine Cartoonfigur.

„Die ist mir häufiger begegnet, in ganz verschiedenen Formen“, erzählt Richard Thieler. Überhaupt gefalle es ihm, dass kein Kino aussehe wie das andere – und jedes seine Geschichte erzählt. Das Union-Kino in Genthin in Sachsen-Anhalt wird zum Beispiel von einem Ehepaar betrieben, das auch im Gebäude wohnt. Nur so könnten sie das kleine Kino halten. Die Katze hat es sogar mit auf das Bild geschafft, als eines der kleinen Details, die Thieler so gerne auf seinen Fotos versteckt.

Etwa 50 Kinos fotografiert Thieler im Jahr, meistens an den Wochenenden. Seine Aufnahmen sind international, sie entstehen in Deutschland, aber auch in den USA, Ungarn, Polen. Für jedes Bild nimmt er sich viel Zeit, recherchiert vorher, inspiziert die Umgebung, bis er schließlich sein Stativ aufbaut.

Der Zoo Palast, Berlin, 2011.
Der Zoo Palast, Berlin, 2011.Foto: Richard Thieler

„Irgendwann bemerken einen die Leute gar nicht mehr, sie werden selbstverständlich Teil des Bildes“, sagt Thieler. Oft verschwimmen sie in der Bewegung, meistens sind die Kinofotografien aber menschenleer. Zum Teil, weil die Kinos schon längst verlassen und halb eingefallen sind, wie etwa die Schauburg im Brandenburger Jüterbog.

In anderen Fällen, wie etwa beim Scala in Werder (Havel) steht Thielers Foto symptomatisch für kleine ländliche Kulturorte, die nur mäßig besucht sind.

Authentizität ist Richard Thieler wichtig. Er möchte keines der Kinos beschönigend darstellen, sondern die Stimmung vor Ort einfangen – und die Geschichten hinter den Häusern erfahren. Überhaupt interessiert ihn der Wandel in der Kino- und auch Fotobranche: Von klassischen hin zu hochmodernen Filmprojektoren, vom Film hin zur Digitalfotografie.

Intimes Kino, 2014.
Intimes Kino, 2014.Foto: Richard Thieler

Seit Jahren schon betreut er Sommercamps, in denen er Jugendlichen unter anderem das analoge Fotografieren beibringt. „Es gab sehr interessante Reaktionen, als sie auf einmal mit 36 Bildern auf einem Film auskommen mussten.“

Um den Blick der Ausstellungsbesucher auf die speziellen Lichtverhältnisse – besonders die der nächtlichen Aufnahmen – zu lenken, präsentiert Thieler einige seiner Kino-Bilder in speziellen Leuchtkästen. Dabei werden die Fotos von hinten angestrahlt und sehen wie große Fernsehbildschirme aus. Und so haben die Kinos bei Richard Thieler selbst ihren großen Auftritt.

Kino-Fotografien von Richard Thieler: Noch bis 24. Februar in der Galerie Poll, Gipsstr. 3 in Berlin-Mitte.

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