Fotos aus Ost-Berlin : Die Gesichter der DDR-Fabrikarbeiter

Kohleverklebte Kleidung, in der Pause wird Skat gespielt. Eine Ausstellung gibt Einblick in die Fabriken Ost-Berlins in den 70er und 80er Jahren.

Helena Davenport
Eine Arbeiterin im VEB Elektrokohle will sich noch schnell die Haare schick machen.
Eine Arbeiterin im VEB Elektrokohle will sich noch schnell die Haare schick machen.Foto: Günter Krawutschke

Just in dem Moment, als Günter Krawutschke abdrückte, hob sie ihren Arm über den Kopf, in der Hand einen kleinen Kamm. Nur eine Andeutung aus Spaß? Oder wollte sich die rundliche ältere Damen mit den großen Ohrclips, den goldenen Schneidezähnen und dem freundlichen Gesicht tatsächlich gerade die Haare kämmen?

Eine amüsante Vorstellung, schließlich stand sie gerade im Volkseigenen Betrieb (VEB) Elektrokohle in Lichtenberg, einem der schmutzigsten Betriebe Ostberlins. Betrachtet man Krawutschkes Fotografie von ihr, die derzeit mit 49 weiteren im Deutschen Technikmuseum ausgestellt wird, meint man, die Arbeiterin laut lachen zu hören. „Moment mal, ich muss mich erst schick machen“, habe sie gesagt, erinnert sich der Berliner Fotograf. Dabei sei sie schwarz gewesen wie ein Rabe.

Am heutigen Mittwoch wird „Gesichter der Arbeit“ mit Fotografien aus Ostberliner Industriebetrieben, die Krawutschke von 1971 bis 1986 aufgenommen hat, eröffnet. Rund ein Jahr ist die Ausstellung in der „Großen Galerie“ im vierten Stockwerk des Museumsneubaus zu sehen.

Mit der aktuellen Ausstellung will das Museum Berlins Industriegeschichte, die sich vor allem im Osten der Stadt ereignete, in Erinnerung rufen. Gleichzeitig will es mit diesem Rückblick einen Beitrag in der Diskussion um die Frage leisten, wie Arbeit in Zukunft aussehen soll, erklärte der stellvertretende Museumsdirektor Joseph Hoppe.

Krawutschkes Bilder ermöglichen einen intimen Einblick in eine Arbeitswelt, die nur wenige Jahre nachdem die Fotos entstanden sind, schon der Vergangenheit angehören sollte. Intim deswegen, weil sie den Alltag ungefiltert zeigen. Die Arbeiter vertrauten dem Bildreporter, der für die Berliner Zeitung fotografierte, und weil er sich Zeit nahm, durfte er sie auch in den Pausen ablichten, bei einer Runde Skat im Transformatorenwerk zum Beispiel, bei einer Brigadefeier oder während einer Rede von Erich Honecker.

In Fabriknähe wurde weiße Wäsche grau

Zunächst sollte diese Bilder, die Krawutschke nebenher machte, keiner sehen – zu gelöst würden die Arbeiter wirken. Mitte der Achtziger habe die DDR ihre Haltung dann gelockert, erzählte Krawutschke, sodass er die Bilder publizieren durfte. Nostalgisch wirken seine Schwarz-weiß-Fotografien keineswegs, stattdessen strotzen sie vor Leben.

Wie muss sich die Arbeit in den Berliner Metallhütten- und Halbzeugwerken in Niederschöneweide und Oberschöneweide angefühlt haben? „Maloche“ heißt ein Foto, auf dem ein junger Arbeiter mit Hosenträgern sich das Gesicht vom Staub befreit. Und ist der mittlere Skatspieler gerade am Gewinnen, oder warum schaut er so verschmitzt?

Drei Männer sitzen sehr entspannt in einer riesigen Werkhalle des Transformatorenwerks Oberschöneweide und spielen Karten.
Drei Männer sitzen sehr entspannt in einer riesigen Werkhalle des Transformatorenwerks Oberschöneweide und spielen Karten.Foto: Günter Krawutschke

Bernd Lüke, der die Ausstellung kuratiert hat, erzählte am Dienstagvormittag, dass ihm jemand von der Zeit, zu der in Lichtenberg Graphitprodukte hergestellt wurden, berichtet habe – wer in der Nähe des Geländes seine Wäsche morgens zum Trocknen raushing, konnte damit rechnen, dass sie abends grau war. Mit der Ausstellung möchte Lüke nicht nur auf verschwundene Arbeitswelten aufmerksam machen, sondern auch für Gesprächsstoff sorgen, einen Austausch über Arbeit zwischen Menschen aus Ost und West anregen.

Die schwere, dreckige Arbeit sei für die Leute Normalität gewesen, erzählte Krawutschke, der 1940 in Straßfurt, Sachsen-Anhalt, geboren wurde, und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig seine Ausbildung gemacht hat. Ihn habe es beeindruckt, wie fleißig und diszipliniert die Leute ihren Verpflichtungen nachgingen.

Unmut darüber habe nicht geherrscht, sagte er, nur manchmal hätten sie sich geärgert – dann, wenn sie an ihrer Arbeit gehindert wurden, weil Materialien nicht rechtzeitig oder sogar gar nicht geliefert wurden. Manchmal habe er nach einem Besuch in einem der Betriebe noch am Morgen danach den schwarzen Staub in der Nase gehabt. „Da muss man sich einmal vorstellen, dass sich jemand jeden Tag dort aufhält“, sagte der Fotograf bei einem Gang durch den Ausstellungsraum. Er habe sich immer gefragt, was das für Menschen sind, die dort arbeiten.

Wo früher die Fabrik stand, ist heute das Dong Xuan Center

Schon kurz nach ihrer Privatisierung Anfang der Neunziger, wurden die meisten Betriebe geschlossen. Im besten Fall erhielten die Arbeiter neue Jobs, oder gingen in Rente. Für viele ging die neu gewonnene politische Freiheit aber mit Langzeitarbeitslosgkeit einher. Im VEB Elektrokohle waren rund 3000 Beschäftigte tätig, bis der Betrieb 1997 schloss. Heute befindet sich das vietnamesische Shoppingcenter Dong Xuan in der Herzbergstraße 128-139. Rund 300 Händler bieten dort ihre Ware an, ob Kleidung oder Lebensmittel.

Gesichter der Arbeit
Ein Arbeiter des VEB Kühlautomat Berlin gestaltet eine Wandzeitung anlässlich des VIII. Parteitags und des 25-jährigen Bestehens der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).Alle Bilder anzeigen
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06.03.2019 09:35Ein Arbeiter des VEB Kühlautomat Berlin gestaltet eine Wandzeitung anlässlich des VIII. Parteitags und des 25-jährigen Bestehens...

„Berlin ist deindustrialisiert worden“, sagte Lüke. Neues ist dabei entstanden, in sanierte Fabrikhallen sind Start Ups eingezogen, oder aber die Flächen werden mittlerweile als Luxuswohnungen genutzt. Allerdings sind viele Orte auch Industriebaracken geblieben. „Es ist noch nicht einmal vierzig Jahre her, aber die Welten aus Krawutschkes Fotografien scheinen schon jetzt aus einer anderen Zeit“, sagte Lüke. Man könne spüren, dass die abgebildeten Menschen mit ganzem Herzen dabei sind.

Es sei schwierig gewesen, eine Bildauswahl zu treffen, sagte Hoppe – gerade weil Krawutschke die Freiräume der Arbeiter aufgespürt und sie darin abgelichtet hat, in unbeschwerter Atmosphäre, in Gemeinschaft und in lustigen Momenten. Schließlich wolle man keine Helden der Arbeit zeigen und die DDR-Zeit damit glorifizieren, erläutert Hoppe. Krawutschke macht zwar deutlich, dass die Arbeit in den Betrieben nicht nur mit Drangsalie verbunden war, den Menschen stellt er dabei in den Vordergrund.

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