Freier Theater-Kinderchor in Wedding : „Wir machen keine Kinderkacke“

Schubert, Sinatra, Seeräuber-Jenny: Der Theater-Kinderchor in Wedding experimentiert mit vielem. Am Samstag tritt er im City Kino auf.

Judith Lehmann (am Klavier) und Katharina Vrubliauskaite bei der Chorprobe mit den Kindern im Sprengelkiez.
Judith Lehmann (am Klavier) und Katharina Vrubliauskaite bei der Chorprobe mit den Kindern im Sprengelkiez.Foto: Sven Darmer

Zuerst ist es noch laut. Kinder quatschen, wuseln umher, einige schminken sich im Bad, Väter und Mütter verabschieden sich. Doch dann verstummt der Geräuschteppich, der den kleinen Raum mit den bunt bemalten Wänden des "Intergalaktischen Kulturvereins" im Weddinger Sprengelkiez eingenommen hat, schlagartig. Die Chorprobe beginnt.

"Die Kinder kommen müde hier an, teilweise nach Zehn-Stunden-Schultagen", sagt Katharina Vrubliauskaite. "Aber sobald das Musikalische losgeht, sind sie da, präsent." "Auch hier wird ganz klar gearbeitet", ergänzt Judith Lehmann. "Es wird viel gefordert, weil es eben gar nicht egal ist, was am Ende dabei herauskommt."

Vor drei Jahren hat die studierte Chorleiterin Lehmann, 38 Jahre, bunter Schal, rosa Chucks, den Freien Theater-Kinderchor Berlin gegründet. Und was dabei herausgekommen ist, erstaunt sie selbst manchmal noch. Der Chor hat schon bei einer ZDF-Filmproduktion mitgewirkt, bei der Inszenierung von "Emil und die Detektive" am Atze-Musiktheater, er hat beim Radioeins-Parkfest gesungen und ist in den "Gärten der Welt" aufgetreten. Sogar aus China gab es eine Einladung.

Stimmbildung, Schauspieltraining und breit gefächerte Literaturarbeit

Was macht diesen Kinderchor so besonders? "Wir machen keine Kinderkacke", sagt Lehmann. "Sondern wirklich Musik." Stimmbildungsarbeit geht hier mit Schauspieltraining und breit gefächerter Literaturarbeit Hand in Hand. Die Kinder und Jugendlichen von fünf bis 16 Jahren, die in drei verschiedenen Altersgruppen unterrichtet werden, performen den Frühlingstraum von Schubert, aber auch Bang Bang von Nancy Sinatra.

Unkonventionell ist auch Lehmanns Herangehensweise: Da wird mal im Liegen gesungen, da werden szenische Darbietungen in die Musikstücke eingebaut, Klassik mit Pop verbunden.

Dabei war Lehmanns persönliche Erziehung zu Musik eine ganz andere. Sie kommt aus einem klassisch musikalischen Elternhaus. "So richtig mit Chorschule, sauber singen, Töne treffen", erzählt sie. "Und ich musste immer ganz viel davon." Ihr eigener Weg in diesen drei Jahren seit der Chorgründung war deshalb für sie auch "eine Art musikalische Befreiung"

[Ein längeres Interview mit den beiden Chorleiterinnen ist im Mitte-Newsletter des Tagesspiegels erschienen. Sie können es hier lesen und hier den Newsletter kostenlos abonnieren.]

Lehmann sagt: "Wenn ein anderer Chorleiter auf meine Arbeit schaute, würde er denken: Was macht die denn? Ich stehe nicht klassisch vor dem Chor und dirigiere. Ich versuche, nicht die traditionellen Ideal-Anforderungen an die Kinder zu stellen, aber ich nehme die Arbeit sehr ernst, ich nehme vor allem die Kinder ernst und wie unterschiedlich sie sind. Und ich gehe davon aus, dass sie ganz viel können. Und dass in der Beziehung und beim Arbeiten ganz viel kommt."

Jeder übernimmt Verantwortung, fast alle singen auch solo

Das geht auf. Fast alle Kinder singen inzwischen auch solo. Und die, die sich nicht trauen, übernehmen andere verantwortungsvolle Aufgaben wie die Moderation. Seit einem Jahr unterstützt Katharina Vrubliauskaite Lehmann bei der Chorarbeit. Die studierte Sozialarbeiterin leitet die schauspielerischen Elemente der Bühnenshow an. "Ich nehme den Chor als sehr offen wahr und das merken auch die Kinder", sagt die 29-Jährige. "Auch, dass es von uns allen abhängt, was dabei rauskommt."

Von einem Verantwortungsgefühl, das in die Gruppe übergeht, spricht auch Lehmann. Viel entstehe aus einer intensiven Beschäftigung mit jedem einzelnen Kind - soweit das bei einer Probe pro Woche und einer Chorfahrt im Jahr eben möglich ist. "Wir suchen für jeden seine Rolle", sagt Lehmann. "Und dadurch sind alle so involviert."

Zu sehen ist das am Sonnabend, 25. Januar, um 16 Uhr im City Kino Wedding. Dann wird das selbst gebaute Segel gehisst und in musikalische See gestochen. Die Zuschauer erwartet Gesang und Schauspiel, klassische und nicht-klassische Elemente, Jazz, Gospel und die Seeräuber-Jenny aus der "Dreigroschenoper", aus der auch der Titel des Konzerts stammt: "Und das Schiff mit acht Segeln und 50 Kanonen wird entschwinden mit mir…"

Begleitet werden die Kinder von professionellen Musikern wie dem Cellisten Nikolaus Herdieckerhoff. Auch die berühmte Do-Re-Mi-Szene wird auf die Bühne gebracht. Alles - außer Kinderkacke.

Das Konzert findet am Sonnabend, 25. August, um 16 Uhr im City Kino Wedding in der Müllerstraße 74 statt. Der Eintritt ist frei, Spenden werden gern gesehen.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen Tagesspiegel Plus 30 Tage gratis!

0Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben