Wann kippt ein Stadtteil?

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Friedrichshain : Der härteste Baum von Berlin
Sein Stamm ist merkwürdig verdreht. Hat er versucht, sich abzuwenden?
Sein Stamm ist merkwürdig verdreht. Hat er versucht, sich abzuwenden?Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Nur einige Meter vom Baum entfernt wurde jemand abgestochen. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht die Polizei vor meinem Haus sehe oder das Blaulicht eines Krankenwagens. Dieses Gebiet ist sicher gut auszuhalten für Menschen, die gelassener sind als ich oder härter, so hart wie der Baum, und für Touristen und Erasmus-Studenten geht es auch, weil ihre Aufenthaltszeit begrenzt ist und sie alle erst Anfang 20 sind. Aber ich bin 34.

Vor dem Baum sitzt heute nur einer. Grüner Hoodie, roter Irokesenschnitt. Ich frage ihn, wie er heißt.

Er sagt: From Poland.

Ich sage: No, your name.

Er sagt: Sebastian.

Was für ein zarter Name. Ein Blütenblatt hat sich in seinem Iro verfangen.

Um ihn herum stinkt es nach Ammoniak, so stark, dass einem schwindelig wird

Über Sebastians Kopf in der Baumkrone zwitschern Vögel und summen Bienen. Der Anblick der Warschauer Straße und diese Naturgeräusche lassen sich nicht zu einem stimmigen Gesamteindruck übereinanderlegen. Was hilft, ist der Geruch um den Baum herum: beißender Ammoniakgestank, mir wird schwindelig.

Im Licht des späten Nachmittags funkeln die tausend Scherben im Boden um den Baum, und jede seiner Blüten leuchtet wie eine Kerze. Ein Akkordeonspieler stellt sich in einiger Entfernung hin und leiert seine Lieder. Ein dürrer Punk kommt auf einem klapprigen Rad angeeiert, stoppt und ruft: „Hör uff zu spielen! Touristen braucht keen Mensch!“ In der Ferne prangt über allem die Fernsehturmkugel, unsere Sonne, um die wir kreisen, jeder sein eigener Planet.

Wann kippt ein Stadtteil? Und wann bemerken das die Anwohner?

Für mich begann es damit, dass mich ein Taxifahrer nicht zu Hause absetzen wollte. „Nix gut, Revaler“, sagte er und schüttelte den Kopf. Also zog ich meinen Rollkoffer die letzten hundert Meter zu Fuß nach Hause. Macht mir nichts. Eigentlich. Aber nun ist es so, dass ich, wenn ich diesen Koffer dabeihabe, darauf angewiesen bin, möglichst direkt vor meiner Haustür aus dem Auto zu steigen. Seine harte Schale ist nämlich so strahlend weiß wie die Blüten des Baumes.

Die Punker können sich mein Gesicht nicht merken

Eigentlich habe ich das Weiß nur auf Anraten eines Freundes gewählt, der meinte, dass ich den Koffer dann immer blitzschnell auf dem Gepäckband am Flughafen erkennen würde. Die meisten Koffer sind schwarz und man muss hastig auf die Kofferanhänger gucken, um herauszufinden, ob es der eigene ist, während die Dinger auf dem Förderband weiterrollen, das macht mich immer ganz nervös. Hartschale habe ich genommen, damit man sich auch mal draufsetzen kann beim Warten.

Ich erzähle Ihnen das, weil ich möchte, dass Sie wissen, dass ich eher praktisch veranlagt bin. Aber der Koffer schreit TUSSI!

Mit einem Rollkoffer über die Warschauer Brücke – das ist Provokation. Mit einem WEISSEN Rollkoffer über die Warschauer Brücke – das ist Selbstmord. Ähnlich wie die einstmals weißen Wände von Friedrichshain provoziert mein unschuldiger Koffer zum Besprühen, Bespucken und Dagegentreten. Die Punker halten mich für eine Touristin und motzen mich an.

Jeder hier trägt schwarz. Wie Krähen

Also lasse ich mich vor der Haustür absetzen. Der Taxifahrer, der das verweigerte, setzte bei mir etwas in Gang: Plötzlich veränderte sich mein Blick auf den Stadtteil und die Leute. Er wurde selektiv. Bald schon fielen mir auch andere Sachen auf. Zum Beispiel, dass ähnlich wie mein weißer Koffer auch mein roter Wintermantel in Friedrichshain völlig deplatziert ist. Jeder hier trägt schwarz. Wenn ich an der Fußgängerampel warte, sieht die Menschenmenge auf der gegenüberliegenden Seite aus wie ein Krähenschwarm, der bei Grün plötzlich losflattert.

Jede zweite dieser Krähen hat eine Bierflasche in der Kralle. Bier ist das Öl im Getriebe von Friedrichshain. Es erzeugt den Ärger, den es später wieder vergessen macht. Der Laden bei mir um die Ecke mahnt in schnörkeliger Kreideschrift: „Bier ist mehr als nur ein Frühstücksgetränk.“ Bier gehört zur Party. Und Friedrichshain ist der Partybezirk. Man bildet hier gern zusammengesetzte Substantive mit dem Wort „Party“. Die Tram, die hier fährt, M10, ist die Partytram. Der Kaiser’s-Supermarkt bei mir gegenüber, Tag und Nacht geöffnet, war der Partykaisers, solange es ihn gab.

Eine Almosen-Flatrate? Leider zu kompliziert

Auf meinem Weg zum Partykaisers und auf meinem Weg aus dem Partykaisers heraus muss ich viele Fragen beantworten, sie beginnen meistens mit „Hastemal“. Wobei, neuerdings sagen die Punker auch: „Willst du mir was schenken?“ Das klingt nach gewaltfreier Kommunikation, vielleicht hat ein PR-Fachmann sie beraten. Wenn ich mit Klopapier unter dem Arm aus dem Party-DM direkt neben dem Partykaisers komme, fragen sie „Krieg ich ’ne Rolle ab?“

Das Problem ist, dass ich jeden verdammten Tag mehrmals an den Punkern vorbei muss und sie sich einfach nicht erinnern können. Manchmal will ich einen von denen am Kragen seiner Nietenlederjacke packen, sein Gesicht ganz dicht an meines heranziehen und ihn anzischen: Präg dir endlich meine verdammte Fresse ein, ich hab schon oft genug bezahlt!

Könnte kontraproduktiv für meine Zukunft sein.

Auch über die Option, ihnen alle paar Wochen einen Zwanzig-Euro-Schein in die Hand zu drücken, habe ich bereits nachgedacht, eine Art Flatrate quasi. Aber da stehen ja nicht immer dieselben. Ich müsste dann also ein Plakat mit meinem Foto neben die Tür vom Partykaisers hängen, damit jeder punkige Neuankömmling sieht, dass ich bereits Vielzahler bin. Aber dann wird das Plakat vielleicht abgerissen. Das wird doch alles zu kompliziert!

Also antworte ich brav draußen vorm Partykaisers jeden Tag aufs Neue auf die Frage „Hastemal“ mit „Nein“, so wie ich drinnen im Partykaisers jeden Tag aufs Neue die Frage „Sammeln Sie Treuepunkte?“ mit „Nein“ beantwortet habe, solange es den Partykaisers gab. Man gewöhnt sich an alles.

Der Fehler der Zivilstreife: Sie bleibt an der Ampel stehen

Apropos Gewöhnung: Die Punker haben hier ihren festen Bereich. Wenn ein anderer zum Betteln ins Revier kommt, gibt es Stunk. Einmal sehe ich, wie eine Frau mit Kopftuch die Passanten auf Englisch um Kleingeld bittet. Da schreit einer der Punker sie an: „Du nix sprechen Deutsch?! Wir hier sprechen Deutsch!“ Jawoll, hier wird gefälligst auf Deutsch gebettelt! Das ist ein ordentliches Partyrevier!

Man sieht hier übrigens kaum Rentner einkaufen. Zu gefährlich, zu nervenaufreibend. Wenn sich mal ein Greis in den Supermarkt verirrt, dann wird er weggeschubst, mitsamt seinem Einkaufswagen beiseitegeschoben von der Jugend, die er stört, weil er so langsam ist und jede Weintraube einzeln anguckt. No Stadtteil for old men.

Die Kinder in Friedrichshain wiederum lernen von klein auf, streetsmart zu sein. Ein Vater hier zum Beispiel hat sich für seine Kinder das sogenannte „Vulkan-Hüpf-Spiel“ ausgedacht, das er jeden Morgen mit ihnen auf dem Weg zur Kita spielt. Ziel des Spiels: Nicht in die Lava treten. Mit Lava ist die Kotze gemeint.

Vor meinem Haus halten heute mal wieder ein paar der auffällig unauffälligen Transporter, die ich mittlerweile schon gut kenne. Die Polizisten in Zivil, die aus ihnen steigen, kenne ich langsam auch ganz gut. Ihre Verkleidung: Typ von der Straße, Baggypants, dicke Jacken, Basecaps. Sie unterhalten sich laut und lachen. Sie laufen auf die Warschauer zu, am alten Partykaisers vorbei. Ich laufe hinter ihnen her und beobachte sie ein wenig. Schon machen sie einen klassischen Schauspieler-Anfängerfehler. Sie fallen aus ihrer Rolle und bleiben ernsthaft an einer roten Fußgängerampel stehen! Obwohl die Straße frei ist! Fünf bullige Typen, mit denen man sich nicht anlegen möchte – bleiben an einer roten Fußgängerampel stehen!

Mitte 30 ist das klassische Einstiegsalter für Longboardfahrer

Ihre Hände zucken nervös, sie wippen mit den Beinen. Ich kann mir den inneren Kampf in jedem Einzelnen von ihnen vorstellen, gefangen zwischen Rolle und Gewissen. Entbindet die Rolle von der Straßenverkehrsordnung?

Während sie ihre inneren Kämpfe ausfechten und ich weiß, dass sie mir nichts tun können, wenn sie ihre Tarnung nicht gänzlich ruinieren wollen, laufe ich an ihnen vorbei und bei Rot über die Straße. Einer ruft mir ein lasches „Das macht man nicht!“ hinterher.

Aber ich habe es eilig, ich muss zum Yoga. Noch ein kurzer Blick zum Baum: Wie geht es ihm heute? Ein paar 40-Jährige auf Skateboards rollen an ihm vorbei. Mitte Dreißig ist in Friedrichshain das klassische Einstiegsalter für Longboardfahrer. Sie halten kurz an und legen den Punks ein paar Kippen in den Almosen-to-go-Plastikbecher. Außerdem stellen sie ihnen ihre leeren Bierflaschen vor die Füße. Heutzutage kann man ja überall sein Altglas stehen lassen und sich dabei noch als guter Mensch fühlen. Schön ist das.

Abends laufe ich von meinem Krankenkassen-Yoga-Präventionskurs nach Hause. Wenige Minuten zuvor noch hat uns die Yoga-Lehrerin gesagt, wir sollten uns wie Seegras wiegen, und unsere Fußsohlen sollten sich küssen. Ich bin also tiefenentspannt, muss aber nun am Partykaisers vorbei, durch die Partymenschen und Partyhunde hindurch. Neben mir partypisst einer gegen eine Wand, er dreht mir nicht den Rücken zu, keine Höflichkeiten hier. Kriegt eh nicht mit, dass ich da bin. Ich sehe seine geschlossenen Augen und die Wodka-Schwamm- Haut im Schatten. Vor meinem Haus flackert Blaulicht, ein paar Polizisten drücken drei Männer gegen die Hauswand, Arme und Beine gespreizt, dann werden sie abgetastet. Zum Tagesabschluss gerate ich in eine Razzia. Namaste.

Mach dich bereit, Friedrichshain

Ich will noch einmal nach dem Baum schauen, im Dunkeln starrt es sich leichter. Aber die Tage werden immer länger, die Sonne mag nicht mehr untergehen, sie will nichts mehr verpassen. Die letzten weißen Blüten heben sich gegen den Abendhimmel ab. Bald werden sie vollends verschwunden sein. Hinter dem Baum stehen als Touristenattraktion Metallröhren, aus denen Flammen emporschießen, Rauchschwaden steigen auf und werden violett und rot und grün angeleuchtet von den wechselnden Lichtern der Klubs.

Die Temperaturen sind schon mild. Aber abends wird der Wind kühl, und die Luft riecht nach Regen. Sebastian hat jetzt seine Freunde dabei, unter ihnen auch eine Frau in Lederjacke mit grün gefärbten Haaren, die einzige Frau in der Runde. Sie schreit auf Sebastian ein, der stoisch dahockt, zwei schwarze Hunde umkreisen sie aufgeregt, kläffen und springen Passanten an. Das Geschrei geht unter im Geheul der Sirene eines Krankenwagens, der vorbeidonnert. Und ganz sicher ahnen Sebastian und die Frau nichts von dem fiesen Plan des Straßenbauamtes, das Pflastersteine bestellen und die Trinker schon bald von ihrem Stammplatz unter dem Baum vertreiben wird.

Die Partytram rattert über die Warschauer und bringt weitere Zwanzigjährige in Schwarz. Sie sehen aus wie eine Armee. Mach dich bereit, Friedrichshain, dir steht wieder eine deiner Nächte bevor.

Seine einzige Chance: Ausharren. Bis sich die Zeiten ändern

Am Sonntagmorgen ist keiner mehr da. Kein Dealer, kein Penner, kein Punker. Der Regen hat über Nacht die letzten Blüten wie weißes Konfetti in den Gulli gewaschen. Ich stehe vor dem Baum, einen Becher Kaffee in der Hand. Ich werde wegziehen, ich bin zu zart für Friedrichshain.

Während ich über meinen Umzug nachdenke, ist mein Freund, der Baum, zum Bleiben verdammt, er ist eine Immobilie. Seine einzige Chance: Ausharren. Bis sich die Zeiten ändern. Das tun sie überall einmal.

Der Lotus ist die heilige Pflanze im Buddhismus. Er wächst selbst im dreckigsten Sumpf und erhebt sich aus dem Schlamm, aus „Avidya“, der Unwissenheit. Das macht ihn zum Symbol des Lebens und der Hoffnung. Im Frühling kann einem der Baum vorkommen wie ein wunderschöner Lotus. Dann erzählt er denen, die zuhören wollen, etwas vom Überleben in der großen Stadt Berlin, wo sie hässlich und hart ist. Schönheit ist überall möglich.

Dieser Text erschien zuerst am 10. Juni 2017 im gedruckten Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin.

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