Berlin : Frischer Wind am Alexanderplatz

Besonders in den Westbezirken gilt das östliche Zentrum noch immer als wenig attraktiv Mit der Umgestaltung und den vielen neuen Einkaufsmöglichkeiten dürfte sich das ändern

Christian van Lessen

Gegen den Wind war nichts zu machen. Der pfeift über den Alexanderplatz wie eh und je, nimmt in der Windschleuse zwischen Bahnhof, Berolinahaus und Galeria Kaufhof richtig Schwung, als habe man dahinter riesige Ventilatoren versteckt. Ein historisches Phänomen, schon Alfred Döblin beklagte 1929 in seinem Alexanderplatz-Roman die lausige Zugluft: „Es gibt Wind, der pustet zwischen die Häuser rein und auf die Baugruben. Man möchte sich in die Kneipen verstecken.“

Doch ansonsten hat sich hier vieles verändert, und es wird immer mehr. Denn der Alex putzt sich mächtig heraus: Seine Umgestaltung – neues Pflaster, neue Beleuchtung – soll im Sommer fertig sein. Die Tramlinie „Alex 2“ wird vermutlich im Mai eröffnet, das Einkaufszentrum „Alexa“ steht vor dem Start. Die Senatsbehörde für Stadtentwicklung erwartet, dass im Sommer die Arbeiten für die Tiefgarage vor dem Hotel Park Inn starten. Und am Haus des Lehrers für ein 30 Meter hohes Büro- und Geschäftshaus der Immobiliengruppe Hines.

Der Hamburger Peter Schatz ist mit einer Kamera unterwegs. Er fotografiert nicht das Berolina- und das Alexanderhaus, nicht den Kaufhof oder den Brunnen der Völkerfreundschaft, der gerade repariert wird. Schatz lichtet steinerne Sitzbänke ab, die an U-Bahn-Eingänge gebaut wurden. Mitunter quillt ein Fugenband heraus. Das stört den Landschaftsarchitekten, der zu den Planern des neuen Platzes gehört. Er will sicherstellen, dass kleinste Fehler schnell beseitigt werden.

Die Umgestaltung ist Laien auf den ersten Blick kaum ersichtlich, zumal noch viele Baufahrzeuge rollen, zahlreiche Löcher gegraben und Zäune gezogen wurden, auch um das Gelände der künftigen Hines-Baustelle. Das Unternehmen beteiligt sich mit der Galeria Kaufhof und der Deutschen Interhotel an den über acht Millionen Euro hohen Kosten.

Es gibt kaum Grün und keine freistehenen Bänke. Der Fachmann weist darauf hin, dass die alten Betonplatten von gelbem Granit abgelöst wurden. Dass ein paar Bäume gefällt werden mussten, weil der Senat einen „steinernen Platz“ wünschte wie früher. Dass die Bänke jetzt eben in die Bahneingänge eingearbeitet sind. Schatz freut sich, dass er hier, an einem „der größten und bedeutendsten Plätze Deutschlands“, mitarbeiten kann. Auf diesen Platz könne Berlin stolz sein, sagt er – und lobt die Atmosphäre.

Noch allerdings steht der Alex vor allem in den Westbezirken im Ruf, wenig attraktiv zu sein. Gleichwohl werden verblüffend hohe Passantenzahlen registriert, gleich hinter Kurfürstendamm und Tauentzienstraße. Erst kürzlich haben ihm die Experten des Maklerunternehmens Kemper’s als Einkaufszone das größte Potenzial der Stadt vorausgesagt. Kaufhof, C & A und Saturn sind wichtige Anziehungspunkte. Rund 87 000 Quadratmeter Verkaufsfläche werden gebaut oder geplant. Der Platz wird sich – da sind Marktexperten zuversichtlich – als Zentrum des Ostens behaupten.

Allein der quirlige Bahnhof und das Hotel mit seinen 40 Stockwerken hinter neuer Fassade vermitteln Weltstädtisches. Die Läden am Platz gehen gut, das Kaffeehaus ist beliebt, wie Marietta Grothe aus Prenzlauer Berg bestätigt. Während Schatz fotografiert, steht sie an der Haltestelle der Straßenbahnen, schaut auf den Platz und freut sich, dass der „Schandfleck Berolinahaus“ schöngeputzt worden ist. Aber sie, die den Platz seit Jahrzehnten kennt, trauert einer alten Imbissgaststätte nach und den Bäumen. „Es könnte alles hier schöner sein,“ sagt sie. Aber mindestens einmal in der Woche kommt sie her, „zum Bummeln.“ Sie blickt um die Ecke des Platzes, wo jenseits der Grunerstraße das „Alexa“-Einkaufszentrum hervorlugt, das in wenigen Monaten fertig ist. Marietta Grothe findet es „zu wuchtig“, andere Passanten stimmen ihr zu. Die rötliche Farbe des recht fensterlosen Baus irritiert . „Sieht aus wie eine Fabrikhalle“, sagt ein älteres Paar.

Scheußlich, nicht weltstadtgerecht empfinden Fußgänger die alte Alex-Straßenunterführung im Bereich der Straßenbahnhaltestellen. Sie ist von oben bis unten beschmiert, voller ekliger Pfützen, der Weg dorthin kostet Überwindung, dazwischen harrt ein Blumenhändler aus.

Immer wieder kreuzen Punker mit ihren Hunden den Platz, kümmern sich demonstrativ nicht um deren Hinterlassenschaften. Scientologen werben an einem Stand, auffallend viele Wurstverkäufer laufen umher, auf dem Platz werden Mützen und allerlei Schnickschnack verkauft – und anscheinend hin und wieder rätselhafte Geschäfte abgewickelt.

Der Fahrer eines M48er-Busses der BVG, der vor dem Park-Inn-Hotel Pause macht, sagt, als Endstation sei ihm die andere Seite in Zehlendorf viel lieber. Von dort komme kaum ein Fahrgast hierher. Die meisten seien Touristen und stiegen erst am Potsdamer Platz ein.

Noch sind die Steinbänke vielen Passanten fremd, sie wirken kalt und werden nur zögerlich angenommen. Eine Frage der Zeit. Denn der Alex ist im Kommen.

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