Frohe Weihnachten : Warum viele Menschen das Fest nicht feiern

Rund 17 Millionen Deutsche feiern kein Weihnachten, behauptet eine Umfrage. Was bewegt Menschen, die auf Baum, Lieder, Plätzchen und Geschenke verzichten?

Antje Waldschmidt
Ein als Weihnachtsmann verkleideter Berufskletterer.
Ein als Weihnachtsmann verkleideter Berufskletterer.Foto: Foto: Gregor Fischer/dpa

Für viele ist Weihnachten das schönste Fest des Jahres. Doch nicht jeder kann diese Euphorie teilen. Rund 17 Millionen Deutsche über 18 Jahre feiern Weihnachten nicht, will das Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov in einer repräsentativ erhobenen Studie herausgefunden haben. Doch kann die Zahl der Weihnachtsverweigerer tatsächlich so hoch liegen? Und was bewegt Menschen, die auf Baum, Plätzchen, Lieder und Geschenke Heiligabend und an den Weihnachtsfeiertagen einfach verzichten?

Zum einen fällt Weihnachten besonders häufig bei Deutschen mit Migrationshintergrund aus. Wer zu Hause etwa die muslimischen Feste begeht, für den spielt Weihnachten vielleicht gar keine Rolle. Doch Deutsche mit Migrationshintergrund machen nur rund 20 Prozent der Nichtfeiernden aus. Für die restlichen 80 Prozent sind die Gründe keine religiösen.

Manfred Spitzer, Ulmer Psychiater und Sachbuchautor („Einsamkeit“), erklärt das folgendermaßen: „Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Gemeinschaft, gefeiert vor allem in der Familie.“ Männer feiern statistisch seltener als Frauen, zudem lassen überdurchschnittlich viele junge Leute das Fest ausfallen. Die Ursache dafür sieht Spitzer darin, dass Familien heute später gegründet werden als früher. Nichts mit Weihnachten anfangen können seiner Ansicht nach oft auch jene, die keine Kinder haben oder allein leben. „Diese Menschen haben entweder ein anderes Wertegefüge als in Familien lebende Menschen oder fühlen sich dadurch belastet, dass sie diese Werte nicht leben können“, sagt Spitzer.

Für viele sei Weihnachten ein Stressfaktor

Das kann auch Uwe Müller bestätigen, der seit 30 Jahren die Kirchliche Telefonseelsorge in Berlin und Brandenburg leitet. So nehme gerade in der Vorweihnachtszeit das Thema Einsamkeit zu. „Die Extremform erleben natürlich Menschen, die das erste Mal Weihnachten alleine sind, weil sie einen geliebten Menschen verloren haben. Oft wissen diese nicht, ob sie überhaupt feiern sollen.“

Noch ein zweites Thema ist bei Uwe Müllers Seelsorgern in der Vorweihnachtszeit relevant: Erwartungswidersprüche. Für viele sei Weihnachten ein großer Stressfaktor, weil so viel organisiert werden müsse, „das ganze Familiending eben“, sagt Müller.

Wirklichkeit und Erwartungen liegen Weihnachten weit auseinander. „Dem Weihnachtstreffen mit der Familie wird eine überwertige Bedeutung zugemessen, dass alles perfekt klappen und harmonisch sein muss.“ Doch die perfekte Familie haben die wenigsten. Mit Enttäuschungen ist zu rechnen. Der Druck, der von der Werbe- und Medienwelt in der Vorweihnachtszeit aufgebaut wird, ist dabei nicht zu unterschätzen. So hat sich Weihnachten im Laufe der Jahrzehnte immer mehr von einem Fest der Besinnung zu einem des Konsums entwickelt. So manch einer zieht sich deshalb freiwillig aus der ganzen Angelegenheit zurück.

Arche lädt Bedürftige an Heiligabend ein

Doch es gebe auch viele, die Weihnachten gerne feiern würden, es als Geringverdiener aber nicht so können, wie sie sich das wünschen würden, sagt Wolfgang Büscher, Sprecher des christlichen Kinder- und Jugendwerks Arche. Besinnlichkeit hin, Lieder her – Geschenke gehören eben doch dazu. „Für die Familien, die zu uns kommen, ist ab dem 20. des Monats Schluss mit dem Geld, weshalb Weihnachten bei unzähligen Familien der Armut wegen ausfällt“, sagt Büscher.

Für Familien, die sich nicht in der Lage sehen, selbst ein Weihnachtsfest auszurichten, gibt es aber Hilfsangebote. Auch in diesem Jahr lädt die Arche an Heiligabend Bedürftige wieder zu einem Weihnachtsfest ins Hofbräu Berlin ein. „Wir mussten die Liste Freitag bei 1001 Gästen schließen, da wir nicht mehr Plätze zur Verfügung haben. Für viele Familien ist das Weihnachtsfest in der Arche das einzige.“

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