
© Olivia Grobosch
Fünf Jahre Berliner Behindertenparlament : „Barrieren mit E-Rollern sind für Menschen mit Sehbehinderungen schlimm“
Das Behindertenparlament tagt diesen Samstag wieder im Abgeordnetenhaus. Gründer Christian Specht und seine Assistentin Julia von Schick über die größten Hürden und die wichtigsten Ziele.
Stand:
Seit 2021 gibt es das Berliner Behindertenparlament. Es setzt sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein und vertritt diese gegenüber Politikern und Behörden. Das Besondere: Alle Berliner:innen mit Behinderungen können sich am Behindertenparlament beteiligen. Diesen Samstag tagt das Behindertenparlament im Abgeordnetenhaus. Ein Gespräch mit Christian Specht, dem Gründer des Berliner Behindertenparlamentes, und seiner Assistentin Julia von Schick.
Wie entstand die Idee für ein Behindertenparlament?
Christian Specht: In Bremen ist eine Bewegung entstanden, die mich total begeistert hat. Ein Mitarbeiter und ich haben recherchiert, welche Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen existieren, da sind wir auf Bremen gestoßen. Dort habe ich dann den Kontakt zum Behindertenparlament aufgenommen. Die waren komplett anders aufgestellt als wir in Berlin. Da dachte ich mir, es muss irgendwas passieren hier. Berlin braucht unbedingt ein Behindertenparlament. Ich habe mich dann mit verschiedensten Akteur:innen aus Politik und Zivilgesellschaft getroffen, die mir beim Aufbau geholfen haben.
Was sind die größten Probleme für Menschen mit Behinderungen in Berlin?
Christian Specht: Bürgersteige sind ein großes Problem, man kommt oft mit dem Rollator nicht hoch.
Julia von Schick: Das klingt jetzt so selbstverständlich, aber gestern sprachen wir über abgesenkte Bürgersteige bei Behindertenparkplätzen. Man würde ja eigentlich denken, dass das logisch ist. Aber auch die Barrieren mit E-Rollern sind für Menschen mit Sehbehinderungen schlimm, vor allem, wenn die umgestoßen auf dem Boden liegen. Da kommen Personen mit einem Rollator oder Rollstuhl nicht durch. Das Thema Mobilität spielt da auch eine riesige Rolle, die BVG mit barrierefreien Zugängen.
Es gibt eine Menge Themen, wo wir uns denken: „Oh, das ist ja auch noch da.“ Auch das Thema Arbeitsmarkt beschäftigt uns sehr. Stichwort Inklusionsarbeit, wie integriere ich Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt oder generell in Schulen. Und bevor ich es vergesse: barrierefreie Webseiten. Viele Menschen vergessen, dass barrierefrei sich nicht nur auf eingeschränkte Mobilität bezieht. Auch Dinge wie leichte Sprache oder Audiodateien für gehörlose Personen gehören dazu.
Christian Specht: Ich bin auch neuerdings Teil der Bezirksverordnetenversammlung in Friedrichshain-Kreuzberg und habe da auch meine Schwierigkeiten. Leider sind diese Versammlungen nicht barrierefrei – und sie sind sehr zeitintensiv, weil natürlich viel Fachsprache verwendet wird, die für mich oft unverständlich ist.
Wie funktioniert das Berliner Behindertenparlament?
Julia von Schick: Bei unserer jährlichen Auftaktveranstaltung, dieses Jahr war das am 6. Mai, entstehen die Fokusgruppen. Diese Gruppen erarbeiten die Anträge. Sie bestehen aus bis zu 30 Personen, die engagiert und konzentriert die gesamten Themen einbringen und erarbeiten. Diese werden dann Richtung September in einem Antrag formuliert. Die Expert:innen haben alle eine sichtbare oder unsichtbare Behinderung, dabei kommen die Probleme natürlich aus erster Hand. Danach wird auf dem Parlamentstag richtig diskutiert und abgestimmt. Der Parlamentstag ist total wichtig, denn hier versammeln sich auch vielerlei Senator:innen, mit denen wir in einen Dialog treten.
Bei welchen Themen kommen Sie nicht weiter oder werden dabei behindert?
Julia von Schick: Es gibt große Themen wie zum Beispiel die Werkstätten oder Bildung, das sind zwei Klopper. Das sind Themen, die natürlich strukturell bedingt sind. Beispielsweise, dass mehr Lohn gefordert wird. Diese Themen dauern immer total lang.
Worauf sind Sie stolz?
Christian Specht: Ich bin stolz, dass das Behindertenparlament zustande gekommen ist. Denn es gibt immer wieder Begegnungen, wo der ein oder andere sagt: Das wird sowieso nichts! Mich freut auch, dass wir Mitglieder haben, die alle hoch motiviert mitwirken. Wir schenken damit den Leuten Sichtbarkeit, das macht uns zufrieden. Auch im digitalen Bereich gewinnen wir Präsenz. So ist ein Vertreter des Behindertenparlaments im Rundfunkrat und vertritt dort die Interessen der Menschen mit Behinderungen.
Welche Ziele haben Sie sich für das kommende Jahr gesetzt?
Christian Specht: Ich würde mir ein Parlament auch in Brandenburg wünschen. Dann könnten wir uns alle mehr vernetzen. Auch mein eigenes Büro im Abgeordnetenhaus wäre ein tolles Zeichen Richtung Inklusion.
Julia von Schick: Wir hatten das Thema zwar schon, aber wichtig ist, dass unsere Mitglieder mehr Sichtbarkeit bekommen. Sie besitzen eine Expertise, die gehört werden muss. Wir freuen uns darüber, wenn alle dranbleiben und auch in das sechste Jahr mit uns ziehen. Davon lebt das Behindertenparlament, ohne die Menschen sind wir nichts.
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