Gastro-Unternehmen Eßkultur Berlin : "Nadelneue Rettungschürzen" als letzte Hoffnung

Über zwei Jahrzehnte hat die gelernte Krankenschwester Birgitt Claus ihren Gastro- und Kulturbetrieb Eßkultur Berlin aufgebaut. Jetzt kämpft sie um alle 70 Jobs

Birgitt Claus, Gründerin und Inhaberin der Eßkultur Berlin: Wegen der Corona-Krise wurden die Betriebsstätten geschlossen, also nähte sie Mundschutzmasken und Rettungsschürzen.
Birgitt Claus, Gründerin und Inhaberin der Eßkultur Berlin: Wegen der Corona-Krise wurden die Betriebsstätten geschlossen, also...Foto: Eßkultur Berlin

Für Birgitt Claus schließt sich leider ein Kreis: Sie war schon einmal, vor 21 Jahren, „Sozialhilfeempfängerin“, wie man damals sagte. Aus der Arbeitslosigkeit heraus gründete die gelernte Krankenschwester ein Unternehmen. Und seither, bis zu diesem Winter, veranstaltet sie erfolgreich Lesungen und Kochkurse, begleitet kulinarische Bildungsreisen und betreibt mit ihrer Firma Eßkultur Berlin ein Restaurant, drei Cafés und die teilöffentliche Kantine im Tagesspiegel-Verlagshaus am Anhalter Bahnhof.

Doch seit sechs Wochen geht fast nichts mehr, die finanziellen Reserven sind fast aufgebraucht. Weder habe sie Soforthilfe vom Land bekommen, das vornehmlich Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern hilft, noch das Kurzarbeitergeld der Agentur für Arbeit. Also musste Claus 30 der 70 Angestellten kündigen. Und sie hat für sich selbst Arbeitslosengeld beantragt.

Dabei hat sie weiter mehr als genug zu tun. Statt zu kochen, näht, veredelt und verkauft sie nun Masken und „Rettungsschürzen“, gebrauchte zum Preis von 15 Euro oder „nadelneue“ für 30 Euro. Schon in ihrer Kindheit begann sie zu nähen, wenn alles ausweglos schien, sagt Claus. „Im Moment müssen ja alle Leute selber in der Küche stehen“, begründet sie die jüngste Geschäftsidee. „Da braucht man so was doch.“ Jetzt näht sie bereits neue Schürzen. Das Datum des Zahlungseingangs stickt sie auch noch dazu, bevor sie sie verschickt.

„Vielleicht lachen wir ja irgendwann darüber“, sagt die 56-jährige gelernte Krankenschwester. Zuletzt sei ihr aber zu oft zum Heulen gewesen. Weil sie ja nichts für die Pandemie kann, nun auf staatliche Hilfe und einen Bankkredit angewiesen wäre, beides aber deshalb nicht bekomme, weil sie die beiden vergangenen Jahre betriebswirtschaftlich ausnahmsweise nicht mit schwarzen Zahlen beenden konnte. Als Grund nennt sie einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt nach einem Verkehrsunfall und einen Diebstahl einer fünfstelligen Bargeldsumme: In den Wochen vor Corona sei es wieder rund gelaufen, beteuert sie.

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Ihre Eßkultur hätte ab Anfang Januar auch täglich Speisen direkt an die Bundesregierung liefern sollen – genauer: an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in der Stresemannstraße. „Aber auch die haben gerade keinen Bedarf“, erklärt Claus. Und auch die Berlins Landesregierung sei derzeit offenbar keine Hilfe: Als sie vergangene Woche den offenen Brief (hier als PDF) von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) an die „Berliner Gastronom*innen“ gelesen hatte, sei sie fassungslos gewesen.

Birgitt Claus betreibt unter anderem die Kantine des Tagesspiegels, ein Restaurant in Dahlem und das Café im Jüdischen Museum Berlin.
Birgitt Claus betreibt unter anderem die Kantine des Tagesspiegels, ein Restaurant in Dahlem und das Café im Jüdischen Museum...Foto: Eßkultur Berlin

Pop hatte unter anderem mitgeteilt, dass sie derzeit noch kein konkretes Datum für eine Wiedereröffnung nennen könne. Claus antwortete mit einem offenen Brief auf ihrer Homepage und sieben Fragen, darunter der, warum Schönheitschirurgen „systemrelevant“ seien, aber Kantinenbetreiber nicht.

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Also heißt es improvisieren und hoffen. Birgitt Claus verkauft nun werktags von 12 bis 15 Uhr an ihrem Standort in Dahlem am Restaurant und Beduinenzelt in der Takustraße 38/40 (14195 Berlin) Kuchen, Tartes Kekse, Masken und Schürzen, die die Kunden möglichst über die Homepage (www.esskultur-berlin.de) vorbestellen sollten.

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