Berlin : Gaukler Stadt der

Jongleure, Feuerschlucker, Diaboloschleuderer, Einradfahrer – an schönen Tagen sieht man sie überall in den Straßen Berlins. Wie leben diese Künstler? Wie überleben sie? Und was machen sie im Winter? Einblicke in eine Welt, in der Freiheit fast alles bedeutet.

„Die Berliner Polizei

ist die beste in ganz Europa“

Lucas, 19, menschliches Didgeridoo

„Wenn ich nicht zum Jonglieren

gekommen wäre, wäre ich jetzt tot.“

Michael Wolf, 39, Gaukler

„Ich war immer die Tänzerin.

Ich will, dass die Leute träumen“

Anna-Jorinde Pursche, 21, Akrobatin

„Gaukler zu sein bedeutet

innere Unabhängigkeit und Freiheit“

Götz Martiny, 35, Geschäftsführer

„Auf der Straße lernst du

die gute Seite der Menschen kennen“James, 39, reisender Diaboloist

Da schwebt eine Kugel in der Luft. Durchsichtig, den Himmel spiegelnd, das Straßengrau und das Licht der Scheinwerfer. Im Hintergrund ein Hochhaus, Parteizentrale, die Kugel schwebt noch immer – ein Kopf, Nacken, eine Schulter gleiten unter ihr hinweg. Man sieht einen ausgestreckten Arm, der unter der Kugel entlanggezogen wird wie ein Tuch. Zehn Sekunden, zwanzig? Plötzlich ist die Kugel weg. Das Licht springt um, die Autos fahren an, der Ort wird wieder zur Straße.

DIE NAMENLOSEN

Da steht ein junger Mann auf dem Bürgersteig, Anfang zwanzig, mit den nach vorn gerollten Schultern eines Turners und dem ruhigen Blick eines Wanderers.

Toll.

„Danke.“

Kommen Sie aus Berlin?

„Nein.“ Er zögert. „Aus Brasilien.“

Er steht vor dem Schaufenster einer Bäckerei. Die Ampel ist wieder rot, die Autos halten, er blickt zum freien Übergang, zu seiner Sekundenmanege, eine winzige Falte in der Stirn.

Halte ich Sie auf?

„Nein, nein. Ich übe nur. Das ist nur Training.“

Er sei erst einige Wochen in der Stadt, in den Sommermonaten ziehe er durch Europa, um an Workshops teilzunehmen, im Winter lebe er in Brasilien. Gerade war er in Tschechien und hat neue Tricks von einem Star der Szene gelernt. Es gibt Codes für jeden Wurf, so dass man sie aufzeichnen kann wie die Noten einer Komposition.

Wie heißt dieser Star denn?

Er schaut auf meinen Block, lächelt bedauernd. Auch seinen eigenen Namen will er nicht nennen. Ich schlage vor, einen Fantasienamen unters Foto zu schreiben. Foto? Sein Blick wird müde, als hätte ich nichts verstanden, keinen Schimmer von den Regeln seiner Zunft. Einen Lidschlag später steht er auf der Straße, und die Kugel schwebt wieder.

Jonglierer, Feuerschlucker, Diaboloschleuderer, Einradtreter. Erwartet man nichts, sieht man sie überall. An Ampeln und auf Plätzen. Im Mauerpark, auf der Touristenschleuse am Hackeschen Markt oder den Fußgängerbrücken an der Warschauer Straße. Berlin, Stadt der Straßenkünstler, steht es nicht so in den Reiseführern? Sobald man sie sucht, sind sie wie vom Erdboden verschluckt. Niemand im Kreuzberger Viktoriapark, wo sonst die Kontaktjongleure Stangen über ihre Gummikörper rollen lassen. An der Warschauer Straße schrammelt nur ein zerknitterter Cowboy aus Edinburgh auf seiner Gitarre. Immerhin, am Hackeschen Markt, vor einem Steakhaus: eine zierliche Frau, die Kunststücke mit ihrem Hut vollführt und dazu Grimassen schneidet. Die Essenden schauen kaum auf, aber die Kinder zwingen ihre Eltern, stehen zu bleiben. Die Frau kommt aus Argentinien. Auf die Frage, ob sie bereit wäre, auch in dieser Reportage aufzutreten, sagte sie nur: If you pay.

Nicht der richtige Tag heute. Vielleicht zu viel Wind.

Jonglieren bedeutet: Werfen - und Fangen. Und bedeutet: Werfen - und Nichtfangen. Wir sagen dazu „droppen“. Am besten gewöhnt ihr euch schon mal daran. Denn seid euch sicher: wenn ihr Jonglieren lernen wollt, werdet ihr Tausende Bälle droppen.*

DER MOMENT

Regen, tagelang. Als die Sonne wieder da ist, hat sich das Laub verfärbt und das Licht ist weicher, glitzernder. Die letzten schönen Tage, kalt, aber herrlich. Ein Hof in der Zossener Straße in Kreuzberg. Hier versteckt sich ein Laden: Just Juggling. In den Regalen Hunderte Bälle, Kugeln, Keulen, Fackeln, Messer, Ringe, Einräder, Tücher. All die Dinge, mit denen jene, die mit ihnen umzugehen wissen, die Zeit austricksen. Oder uns, die wir daran gewöhnt sind, ihr zu gehorchen.

An diesem Vormittag sitze ich auf der Bank vor dem Laden unter einem schiefen Sonnenschirm und warte. Der Rest geschieht von allein. Da kommen sie schon: Alejandro aus Mexiko, Rucksack auf dem Rücken, Einrad auf der Schulter. Oder Wolf, der Gaukler, der später sagen wird: Ohne das Jonglieren wäre ich längst tot. Auch Anna-Jorinde Pursche schaut vorbei, die ihre Kindheit auf Mittelaltermärkten verbrachte – nein, wird sie sagen, ich wurde nicht im Badezuber gezeugt! Und, großer stiller Auftritt: James. Schiebt sein Fahrrad mit Anhänger in den Hof. Neununddreißig. Stammt aus Schottland, wohnte als Kind auf einer griechischen Insel, hat in Hamburg Philosophie unterrichtet – und lebt jetzt mit seinem Fahrrad und seinem Diabolo auf der Straße. In den nächsten Tagen will er die Elbe entlang nach Hamburg fahren und muss noch seinen Anhänger winterfest machen, dem Brett mit Rädern ein Zeltdach überziehen.

Vielleicht. Mal sehen. Hängt vom Wetter ab.

Was man in den Gesprächen auch immer wieder hört:

Ampeln: An der Ampel Jonglieren. Macht man wegen der Abgase nur, wenn’s wirklich sein muss.

Terrassen bespielen: Vor einem Café eine Vorstellung geben, wobei wichtig ist, dass man auf einen Stuhl oder eine Leiter steigt und die Leute zu einem hoch schauen.

Kreise aufbauen: Du stehst auf einem Platz am Rand. Die Passanten sehen dich nicht. Du fängst an aufzubauen, dich warm zu jonglieren. Erste Leute bleiben stehen. Wenn sich ein Kreis gebildet hat, fängst du an. Ah. Oh. Wenn du es gut machst, wird der Kreis immer größer. 200, 300 Menschen. Danach geht der Hut rum. Danach kommt immer jemand und sagt, dass er auch jonglieren kann. Er bleibt in deiner Nähe, er genießt das, was noch in der Luft liegt und dessen Zentrum du bist. Danach kommen die Mädchen und Jungen der Schulklasse und wollen sich mit dir fotografieren lassen. In diesem Moment ist es noch da, aber es verflüchtigt sich schnell. Nach wenigen Minuten hat sich die Menge verloren, und du stehst wieder am Rand.

Die nächste Stufe: gebucht werden. Du wirst engagiert. Mit Tagesgage. Mittelaltermärkte, Burgfeste, Events. Schließlich Auftritte in Varietés, im Zirkus. Wobei das eher die Sache der Artisten ist. Es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen Artisten und Gauklern. Ein Artist zeigt Nummern. Ein Gaukler eine Show. Es ist eine Frage der Einstellung.

Fangen wir mit einem Ball an. Werft ihn einfach hin und her. Ihr könnt dabei auf Folgendes achten: die Arme beim Fangen immer schön unten lassen. Immer nur mit einer Hand werfen oder fangen. Und den Ball nicht aus den Augen verlieren!

DER FESTANGESTELLTE

Gaukler. Unterhaltungskünstler, sagt Wikipedia, der in „früheren Jahrhunderten außerhalb der gesellschaftlichen Standesordnung“ stand, weil ihm als Teil des „fahrenden Volkes“ der Ruf des Unehrlichen anhaftete.

„Ich bin ein Gaukler“, sagt Götz Martiny heute nicht ohne Stolz. Er sitzt auch auf der Bank vor dem Jonglierladen, seit Februar ist er dessen Geschäftsführer. Ein festangestellter Gaukler. Ist das kein Widerspruch? „Für mich ist das eine Philosophie“, sagt Martiny. „Innere Unabhängigkeit, Freiheit, das Materielle hat nicht so eine große Priorität.“

Schon als Jugendlichen hat ihn die Welt der Märkte fasziniert, wegen des guten sozialen Miteinanders. Seit er einundzwanzig ist, seit 1998 tritt er auf – wird gebucht – vor allem auf Mittelaltermärkten. Er hat vor langer Zeit selbst auf der Straße gelebt, ist mit seiner Ex-Frau, die aus einer Zirkusfamilie stammt, ein Jahr durch Spanien gezogen, danach in ein Haus in die Prignitz. Nebenbei hat er studiert. Geologie und Geografie. Das war das Problem. Nebenbei war er noch immer der Sohn aus gutbürgerlichem Akademikerhaus. „Es war für mich unheimlich schwer, mir einzugestehen, dass ich nie als Geograf arbeiten wollen würde.“ Jahre hat er die Entscheidung vor sich hergeschoben, Jahre brauchte er, um das Gauklersein wie ein Schicksal zu akzeptieren. Als er schließlich seinem Vater erzählte, dass er das Studium abgebrochen hat, hatte der gar kein Problem damit.

Jetzt üben wir das Grundmuster: die Kaskade. Werft einen Ball von links nach rechts. Eine gute Höhe ist ein Stückchen über Augenhöhe. Versucht auf den Ball zu warten. Er ist nämlich ziemlich lang in der Luft.

DER GERETTETE

Gauklersein ist also eine Sache des Kopfes. Oder des Überlebens. Man kann aus der bürgerlichen Welt umsteigen oder – was vielleicht häufiger der Fall ist – übers Jonglieren den Absprung aus zerrütteten Verhältnissen schaffen. Michael Wolf, der sich bei Auftritten Lupus nennt, sagt: „Wenn ich nicht zum Jonglieren gekommen wäre, wäre ich jetzt tot. Seit ich jongliere, bin ich jeden Tag vom Leben beschenkt worden. Man steht anders in der Welt, wenn man Artistik macht.“

Er ist neununddreißig, hat klare Augen. Er ist ruhig, zugewandt, er hat die Präsenz von jemandem, der sich entschieden hat, da zu sein, weil alles andere nur verschenkte Zeit ist. Wolfs Vater war Alkoholiker, seine Mutter verließ die Familie, als er ein Kind war. Er macht nur Andeutungen: Drogen, schiefe Bahn – doch dann, vor zwanzig Jahren, wurde er zu einem Jongleurstreffen mitgenommen.

„Ich komm um die Ecke und fasse es nicht. Da fliegen fünfhundert Gegenstände durch die Luft!“

Er tritt viel auf Weinfesten auf, überall in Deutschland, in Frankreich, in Berlin dagegen kaum noch. Zu viele Touristen.

„Da unten gibt's doch sonst nichts. Freiwillige Feuerwehr, Winzerkönig. Wenn da ein paar lustige Vögel kommen, sitzt der Taler locker.“

Er spricht von einem seiner Lehrlinge, die ihm von oben, wie er sagt, an die Seite gestellt wurden. Junge Menschen, die er unter seine Fittiche genommen hat. „Das Niveau ist viel höher geworden in den letzten Jahren. Heute können ja schon Sechzehnjährige mit fünf Keulen hinterm Rücken jonglieren. Die gucken sich die Tricks auf Youtube ab. Als ich gelernt habe, gab’s kein Youtube.“

Wir sitzen schon eine Stunde zusammen, als ich ihn endlich nach seinen Tätowierungen frage, fein gezeichnete Blätter, die unter dem Ärmel seines Hemdes hervorwachsen. Er krempelt ihn hoch, und ein Urwald, ein Märchenwald erscheint, eine archaische Welt, die seinen gesamten Oberkörper überwuchert. Zauberpflanzen, Pilze, Blätter, dazwischen helle und dunkle Wesen. Dämonen, Feen, Elfen – und Gaukler.

„Der Gaukler als guter Geist.“ Wolf lässt den Stoff fallen wie einen Vorhang. „Irgendwann will ich mal einen Bauernhof haben, mit einem Billardtisch drin. Damit bin ich zufrieden.“

Zwei Bälle. Ihr haltet in jeder Hand einen Ball. Bei dem ersten Grundmuster werft ihr einfach gerade nach oben. Fangen wir rechts an: Hoch - und auffangen. Und mit links: gerade hoch - und auffangen. Übt das, bis es sich locker anfühlt.

DIE DURCHREISENDEN

Der Mexikaner Alejandro und seine englische Freundin Joy stehen an der Kreuzung Mehringdamm und Tempelhofer Ufer. Sie warten darauf, dass sie jonglieren können, aber die Kreuzung ist besetzt. Konski, der aus Polen kommt, wechselt sich mit dem Italiener Luigi ab. Die beiden jonglieren mit Keulen, die lauten Geräusche, die sie dabei machen, erinnern aber eher an das Repertoire von Feuerschluckern.

„Es ist egal, ob du gut jonglierst. Hauptsache, du bist ein Clown“, sagt Joy. Es ihr letzter Tag in Berlin. Am Abend fahren Alejandro und sie mit dem Bus nach Brüssel – von da fliegt er nach Mexiko zurück und sie nach England. Eigentlich ist sie Lehrerin. Nach dem Spanisch-Studium ging sie nach Mexiko, um Englisch zu unterrichten und lernte Alejandro kennen, Ende zwanzig wie sie. Seit acht Jahren lebt er schon so: Reisen und auftreten. Sie hat geübt, ein halbes Jahr sind sie jetzt zusammen getourt.

„Es ist großartig. Du kannst reisen und dein Geld verdienen. So möchte ich leben. Ohne geregeltes Einkommen.“

Ein Hippieleben?

„Nein, nein. Ich mag keine Hippies. Hippiesein ist eine Mode für Reiche, die nur bio einkaufen.“

Alejandro, der Schwierigkeiten mit dem Englischen hat, erklärt: „Wir bieten nur was an. Wir fragen nicht nach Geld.“

Konski kommt und sagt, dass er früher als Elektriker gearbeitet hat, aber das hier sei besser.

Sie jonglieren, sie lachen laut, tollen zwischen den Autos durch. Kaum jemand gibt etwas, was der guten Laune aber keinen Abbruch tut. Konskis Freundin kommt. Die beiden küssen sich, lehnen, jeder eine Flasche Bier in der Hand, lachend an einer Bank wie am Tresen einer Bar.

Und dann werft ihr den zweiten Ball direkt nach dem ersten - aber diesmal lasst ihr beide Bälle fallen. Rechts, links, drop, drop. Als nächsten Schritt macht ihr die gleichen Würfe, aber versucht, die Bälle zu fangen. Rechts, links, fangen, fangen. Es sollte sich sehr gleichmäßig anfühlen. Eins, zwei, drei, vier.

DER RADIKALEXISTENZIALIST

James, der Fahrradreisende, hat mir seine E-Mail-Adresse gegeben. Er gehe täglich ins Internet-Café. Aber es kommt keine Antwort, als ich frage, ob er heute auf der Steglitzer Schlossstraße wie angekündigt eine Show macht. Wahrscheinlich ist er schon unterwegs nach Hamburg. Was hatte er gesagt, auf der Bank vor dem Jonglierladen?

Ich treffe zwanzig Leute, aber ich kenne niemanden.

Alles, was ich bis nach Hamburg brauche, muss ich hier verdienen, denn im Osten machst du keinen Sou: Zigeuner, hau ab, heißt es da.

Ich mache eine Show, vierzig, fünfzig Euro, das reicht.

Er saß da, und riss am Klebeband, um die Kanten seines Anhängers abzudichten. Dabei sprach er davon, dass er zweimal die Woche ins Schwimmbad gehe und während seiner Vorstellungen darauf achte, dass der Gürtel fest in den Schnallen sitzt. Hängende Gürtelenden hätten eine sexuelle Konnotation – die müsse man unbedingt vermeiden. Wenn man sauber sei und gut rieche, wenn man die tiefsitzende Angst der Menschen vor Schmutz und Gestank, vor Verlorenheit und Scheitern gar nicht erst aufkommen lasse, dann werde man reich beschenkt. Alles, das Jackett, das Handy, das Netbook in seiner Ledertasche – alles hat er geschenkt bekommen. Auf der Straße lernst du die gute Seite der Menschen kennen.

Er sprach von Hamburg, wo er unterrichtet habe und wo seine Ex-Frau und seine siebenjährige Tochter lebten. Er schüttelte den Kopf. Wenn ich irgendwo bleibe, werde ich depressiv. Er sprach davon, dass er selbst das ungewollte dritte Kind gewesen sei und von seinen überforderten Eltern aus Schottland zur Großmutter auf die griechische Insel Spetses geschickt wurde:

Ich war der Unfall. Aber ich bin nicht nachtragend. Ich werde geboren, und ich sterbe, für alles dazwischen bin ich selbst verantwortlich.

Er saß da, unter dem schrägen Sonnenschirm, und sagte Sachen, die stimmten oder nicht. Er riss das Klebeband in akkurat passende Stücke und spazierte dabei einfach durch einen hindurch, wie ein Magier, dessen Trick einen seltsamen Ton im Ohr hinterlässt. Das Zischen eines vorbeischießenden Pfeils.

Jetzt üben wir das andere Muster. Der rechte Ball fliegt rüber in die linke Hand. Der linke Ball fliegt rüber in die rechte Hand. Übt es, bis es sich wirklich locker anfühlt.

DIE PARTYFINANZIERER

Niemand schwärmt so von Berlin wie Lucas. Er steht am Maybachufer, an diesem kleinen Platz, wo jeden Freitag regelrechte Volksfeste stattfinden. Etwa fünfzig Menschen sitzen auf dem Boden und lauschen einem Musiker mit Retrobrille auf der Nase. Lucas braucht für seine Auftritte keinen Ort. Er steht – Dreadlocks und Schuhe groß wie vom Clown – einfach nur da und wartet. Vor seiner Brust ein Pappschild, auf dem „Beatboxing“ steht und „Invisible Didgeridoo“. Beatboxen heißt, Geräusche mit dem Mund machen, die sich wie elektronische Rhythmen anhören. Und wenn jemand – wie das junge Mädchen, das jetzt vom Geländer rutscht – fragt, was denn bitteschön ein invisible, ein unsichtbares Didgeridoo sei, fängt er einfach mit seiner Geräuschkunst an. Er sieht ihr in die Augen und macht tiefe Dooooing-Dooooing-Geräusche, die direkt aus der australischen Wüste zu kommen scheinen, und wippt dabei im Rhythmus. Dem Mädchen ist das etwas unangenehm. Fünf Minuten dauert die Privatperformance. Das Mädchen sagt danke und stemmt sich wieder aufs Geländer.

Lucas ist neunzehn und Engländer und hat vor einem Jahr beschlossen, ohne Geld zu leben. Er reiste durch Frankreich und Spanien und hat in einem Occupy-Camp in Amsterdam gelebt. Er wollte in die Slowakei trampen, ist aber erst in Prag und dann in Berlin gelandet. Jetzt bekommt er so viele Angebote, in Clubs aufzutreten, dass er überlegt, sich in Berlin niederzulassen. „In Berlin passieren viele gute Dinge“, sagt er. „Die Polizei behandelt dich wie ein menschliches Wesen. Die Berliner Polizei ist die beste in ganz Europa!

Der dritte Ball kommt in die Handfläche. Als erstes werft ihr nur zwei Bälle, ohne den dritten zu beachten und fangt immer mit der Hand an, in der ihr zwei Bälle habt. Dann werft ihr alle drei Bälle nacheinander - und lasst sie danach fallen. Versucht das ein paar Mal. Und dann versucht ihr die Bälle zu fangen. Rechts, links,rechts - und fangen. Nochmal.

DAS KIND DES GAUKLERS

Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, um auch auf die andere, die weniger rosige Seite zu blicken. Diese Welt nicht nur als Raum der wundersamen Begegnungen und großzügigen Gaben, sondern auch als eine der harten Arbeit und beschränkten Möglichkeiten zu sehen. Obwohl: Wenn man neben Anna-Jorinde Pursche in den Katakomben steht, denkt man als erstes: Kraft. Und als zweites: Sie hat es geschafft. Sie ist erst einundzwanzig und wird als Akrobatin und Tänzerin viel gebucht. Sie hat eine Wohnung. Zusammen mit anderen Akrobaten und Jongleuren hat sie diese Institution aufgebaut, diesen Trainings- und Probenkeller in der Monumentenstraße, wo gerade ein Mann mit sieben Bällen probiert und eine Truppe nach dem Training müde auf den Matten entspannt.

Anna-Jorinde Pursche ist auf Mittelaltermärkten quasi aufgewachsen, hat als Kind schon Glitzersteine verkauft an Ständen, mit denen ihre Mutter von Stadt zu Stadt zog. Sie hatte immer ein Fell und eine Decke dabei. Wenn sie schlafen wollte, legte sie sich einfach unter einen Tisch. Ihr Vater war ein in der Szene bekannter Straßenkünstler, den sie allerdings nur auf den Märkten zu Gesicht bekam.

Als Grundschülerin in Görlitz war das Herumreisen noch nicht das Problem. Sie hatte den Status eines Zirkuskindes und durfte fehlen. Schwierig wurde es später. „Ich war ein freier Vogel, ich konnte mich nicht unterordnen.“ Fünf, sechs Schulwechsel. Freie Schule, staatliche Realschule, Waldorfschule, die sie nach der elften Klasse ohne Abschluss verließ, um an der Etage in Berlin Artistik zu studieren.

Aber die Doppelbelastung war zu groß. Unter der Woche Training, am Wochenende Auftritte irgendwo in der Republik. Nach zwei Jahren brach sie auch das Studium ab. „Wenn es mir irgendwo nicht mehr gut ging, bin ich gegangen.“

Auf die Jahrmarkt- und Mittelalterszene, die sich in Ost- wie Westdeutschland vor ungefähr dreißig Jahren entwickelt hat, ist sie nicht gut zu sprechen: „Total durchkommerzialisiert“. Viele Künstler könnten nicht mehr zwischen Bühne und Wirklichkeit unterscheiden, glitten wie in einer Blase durchs Leben. Der Rausch des Moments als Weltflucht, die Feier der Ungebundenheit als verkappte Verantwortungslosigkeit. Dass sie selbst auch mal gaukeln, zaubern, Gesichter schneiden würde, stand trotzdem außer Frage. Es gab wohl auch keine andere Möglichkeit. „Ich war immer die Tänzerin. Ich will, dass die Leute träumen.“

Als drittes denkt man: Sie hat aus der einen Chance, die sie hatte, das Allerbeste gemacht.

Wenn ihr das hinkriegt, könnt ihr jonglieren. Dreimal werfen, dreimal fangen. Sobald das einfach geht, versucht einen Wurf mehr. Eins, zwei, drei, vier – und fangen. Ihr müsst nur üben, üben und üben. Und ihr werdet zehn, zwanzig, vielleicht auch tausend Würfe schaffen. Dann könnt ihr aufhören zu zählen. Und das Jonglieren einfach genießen.

DAS GESCHENK

Samstag, Ende Oktober. Ah! Oh! Auf einer Wiese in irgendeinem Berliner Park hat sich eine Menge gebildet. Hundert Menschen sitzen und stehen um eine mobile Manege aus blauer Plastikplane, auf der der Clown Jemino eine Vorstellung gibt. Er spielt allein, in drei verschiedenen Kostümen. Die Tricks sind nicht außergewöhnlich, aber was macht das, wenn der Eindruck entsteht, dass Kugeln schweben.

Danach ist der Hut voll.

Danach herrscht Ich-möchte-ihn-berühren-Gedränge.

„Wo ich morgen noch mal auftrete? Nirgends. Ich hatte alles schon zur Winterpause eingepackt. Das heute war wirklich das allerletzte Mal. Nur wegen des schönen Wetters.“

Es stimmt, es ist nicht zu bestreiten, In der Welt der Gaukler schmiegt sich die Wirklichkeit elegant den Wünschen an. James, der hoffentlich gut in Hamburg angekommen ist, würde sagen: Das ist Magnetismus!

„Es ist egal, ob du gut jonglierst“, sagt der Mexikaner Alejandro, der hier auf seinem Einrad sitzt, „Hauptsache, du bist ein Clown.“ Seit acht Jahren verdient er seinen Lebensunterhalt mit Auftritten. Shows im öffentlichen Raum seien etwas ganz anderes als etwa in einem Zirkus.„Wir bieten nur etwas an“,

erklärt Alejandro seinen Ethos: „Wir fragen nicht nach Geld.“

* Die kursiven Zitate aus der Jonglier-Anleitung stammen von der DVD „Kid-Jo. How to learn juggling“, zu beziehen über www.justjuggling.com.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar