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Gefährliche Abhängigkeit : Was die Missbrauchsfälle verbindet

Die Diskussion im vergangenen Jahr war wichtig, weil so noch einmal aufgezeigt wurde, dass Missbrauch nicht zu verharmlosen ist, sondern dass sexuelle Übergriffe Menschen für ihr ganzes Leben schädigen können. Dass die Katholische Kirche eine Hotline geschaltet und ein Aufklärungsteam eingesetzt hat, waren wichtige Signale. Auch dass die Bundesregierung einen Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“ einberufen und Christine Bergmann zur Unabhängigen Beauftragten ernannt hat. Bergmanns Plakatkampagne hat vielen Männern und Frauen Mut gemacht, ihr Schweigen zu brechen. Auch nach einem Jahr rufen täglich noch 20 bis 40 Menschen bei der Hotline an.

An diesem Montag ist Christine Bergmanns letzter Arbeitstag im Amt, ihr Auftrag war auf ein Jahr befristet. Ihr Team und die Telefonhotline werden aber auch in Zukunft weiterarbeiten, die Bundesregierung beabsichtigt, einen Nachfolger für Bergmann zu finden.

Bergmanns Bilanz ist gemischt: Die Öffentlichkeit ist für das Thema sensibilisiert, vieles wurde angestoßen. Aber die Hilfsangebote reichen bei Weitem nicht aus. Auf dem Land gebe es kaum Anlaufstellen, mahnte Bergmann in ihrem Abschlussbericht vergangene Woche, und selbst in den Städten existierten nur wenige Angebote für traumatisierte Männer und Jungen. Missbrauch war über viele Jahrzehnte ein Frauenthema, wenn es überhaupt jemanden interessierte. Dass auch Männer zu den Opfern gehören, wurde erst 2010 wirklich wahrgenommen. Auch Wolfgang Werner, der als Diplom-Pädagoge seit dem Winter 2010 die Aufarbeitung der Parkeisenbahn begleitet, kritisiert, dass viele Polizisten speziell bei sexuellem Missbrauch an Jungen „nicht besonders gut geschult“ seien.

Wo sind die Grenzen dessen, was die Politik leisten kann?

Selbst wenn die Politik Geld für mehr Hilfsangebote und flächendeckende Schulungen für Lehrer und Erzieher bereitstellt, kann sie nicht ausschließen, dass sexueller Missbrauch geschieht. Es braucht die Sensibilität aller, der Freunde, der Nachbarn, um es zu verhindern oder die Anzeichen für eine Tat zu lesen. Das wirksamste Mittel ist wohl, die Kinder selbst zu stärken, ihnen klarzumachen, dass es nicht okay ist, wenn der Lehrer oder der Onkel an ihnen herumfummelt, dass sie das Recht haben, nein zu sagen. Denn auch Familien können sich abschotten und zu geschlossenen Systemen werden, was Missbrauch erleichtert.

Um Mädchen und Jungen direkt anzusprechen, will Christine Bergmann über ihre Amtszeit hinaus eine neue Kampagne anstoßen. Mit Plakaten und übers Internet will sie Kinder und Jugendliche aufklären und ihnen Mut machen, sich zur Wehr zu setzen und sich Hilfe zu holen.

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