Aus Angst vor den Taliban

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Geflüchtete in Berlin : Hinter jeder Flucht steht eine Geschichte

Samiullah Rasouli (*1999)

Als Samiullah Rasouli im Oktober 2015 Deutschland erreicht, hat er eine 40-tägige Flucht aus Afghanistan hinter sich. „Ich habe keine guten Erinnerungen an Afghanistan“, sagt der 18-Jährige, „die einzig guten Erinnerungen sind die an meine Familie.“ Gut zweimal im Monat hat er über Skype Kontakt zu ihr, wenn denn die Verbindung funktioniert. Die sei in letzter Zeit häufiger von den Taliban zerstört worden.

Rasouli stammt aus Ghazni, einer Großstadt knapp 150 Kilometer südlich von Kabul. Dort ist er aufgewachsen und fünf Jahre zur Schule gegangen. Als sein Vater stirbt, muss er die Schule abbrechen und Geld verdienen. Rasouli verkauft Kleidung für Kinder. Das tut er auch, als Mitte 2015 vor seinen Augen ein Sicherheitsbeamter von Talibankämpfern umgebracht wird. Vor der Polizei soll er darüber aussagen, doch die Taliban setzen ihn unter Druck, zu schweigen. „Wenn ich eine Aussage gemacht hätte, hätten sie mich umgebracht.“

Auf der Suche nach Heimat.
Auf der Suche nach Heimat.Foto: privat

Fortan bleibt er zu Hause und traut sich nicht mehr vor die Tür. Mit einem Cousin entschließt er sich zu fliehen. Seine Familie bezahlt die Schlepper, die ihn über Pakistan in den Iran, von dort, über die Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn, Österreich schließlich nach Deutschland bringen. Am 27. Oktober erreicht er München und wird direkt nach Berlin geschickt.

Als er in Berlin mit anderen Flüchtlingen ankommt, erhält er ein S-Bahn-Ticket und soll ohne Begleitung in eine Flüchtlingsunterkunft nach Alt-Tegel gelangen. Dort vergehen sechs Monate und nichts passiert. Er gelangt in eine andere Unterkunft am Alexanderplatz, kann endlich einen Willkommenskurs besuchen und Deutsch lernen.

Seit ein paar Monaten lebt er in Neukölln. Es sei ihm dort zu laut, erzählt er, er bevorzuge die Ruhe des Tegeler Sees. Nach seiner Ausbildung will er das Abitur nachholen, anschließend Politik studieren und dann vielleicht zurückkehren. Samiullah Rasouli sagt: „Es gibt in Afghanistan seit 50 Jahren Krieg. Ich hoffe, irgendwann meinen Beitrag dazu leisten zu können, dass das nicht so bleibt.“

Die Stiftung freut sich über Zusendungen an die Adresse: Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung; Mauerstraße 83/84; 10117 Berlin. E-Mail-Zuschriften an: geschichten@sfvv.de

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