Eine Flucht aus Bosnien

Seite 2 von 3
Geflüchtete in Berlin : Hinter jeder Flucht steht eine Geschichte
Auf der Suche nach Heimat.
Auf der Suche nach Heimat.Foto: privat

Begzada Alatovic (*1962)

Auch mehr als 25 Jahre danach fällt es Begzada Alatovic schwer zu erzählen, was ihr damals, im Frühjahr 1992, zustieß. Nicht zuletzt deshalb, weil die Jahre, die ihrer Flucht aus der bosnischen Heimatstadt Modrica vorangingen, glückliche waren. Als sie 1962 dort geboren wird, gehört es noch zur „Sozialistischen Republik Bosnien und Herzegowina“, einer von sechs Teilrepubliken Jugoslawiens. Sie wächst auf einem Bauernhof auf, wird mit 18 Jahren Mitglied in der Kommunistischen Partei, später geht sie als Abgeordnete in das Parlament in Sarajevo. Doch schon bald verschärft sich die Lage in Jugoslawien, das ab 1990 zerfällt: Erst erklärt Slowenien die Unabhängigkeit, dann Kroatien, dann Bosnien. Jedes Mal bricht ein Krieg aus.

Bosnien und Herzegowina ist ein kompliziertes Land: Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeitserklärung 1992 leben Serben, Kroaten und muslimische Bosnier zusammen. Überwiegend friedlich, sagt die bosnische Muslima Alatovic: „Religion und Ethnie haben für uns keine Rolle gespielt.“

Das ändert sich über Nacht im April 1992, als serbische Milizen Bosnien und ihre Heimatstadt Modrica angreifen. Alle Frauen und Kinder müssen die Stadt in Richtung eines Nachbarorts verlassen. Alatovics Mann, ein Polizist, bleibt zurück. Am 19. April erfährt sie, dass er erschossen worden sein soll. Gesicherte Informationen hat sie jedoch nicht. Nachdem die jugoslawische Armee Luftangriffe auf Modrica fliegt, fliehen sie und ihr dreijähriger Sohn mit dieser Ungewissheit nach Kroatien. „Wir liefen durch Felder und neben uns fielen Bomben.“ Über Kroatien gelangen sie in ein ungarisches Flüchtlingslager, wo sie für neun Monate bleiben. Im April 1993 erreichen sie Berlin.

Begzada Alatovic. Die Bosnierin floh während des Bürgerkriegs 1992.
Begzada Alatovic. Die Bosnierin floh während des Bürgerkriegs 1992.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Seither begleiten sie die Nachwirkungen der Flucht – die manchmal nur schwer zu ertragen sind. 1998 besucht sie erstmals eine Therapie, anfangs in einer Gruppe. Zwei Jahre habe es gedauert, bis sie über ihre Erlebnisse sprechen konnte. Heute noch ist es schwierig: „Es hängt von meiner Tagesform ab, wie viel ich weine. Manchmal habe ich keine Träne mehr.“

1998 ist auch das Jahr, als sie das erste Mal wieder nach Bosnien zurückkehrt – zur Beerdigung ihres Mannes. Die Schwiegereltern hatten seine Leiche in einem Massengrab unter einem Schulhof gefunden. Bleiben will sie nicht. Nichts sei mehr so wie früher gewesen.

Stattdessen engagiert sie sich in Deutschland. Sie betreut Flüchtlingsfrauen und hilft ihnen bei Behördengängen. Seit 2006 leitet sie außerdem den Interkulturellen Garten Rosenduft auf dem Gleisdreieck. Zusammen mit anderen Frauen pflanzt sie dort Obst und Gemüse und hat mit den bosnischen Okraschoten ein Stück Heimat in ihr eigenes Beet geholt. Alatovic sagt: „Im Garten lässt man alle anderen Gedanken raus, einfach so.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!