Geflüchtete in der Pflege : Der Traum vom normalen Leben

In einer Steglitzer Demenz-WG kümmern sich zwei junge Afghanen um sechs Bewohnerinnen. Aber sie sind eine Ausnahme: Trotz Fachkräftemangel sind nur wenige Geflüchtete in Deutschland in der Pflege tätig. Ein Besuch.

Ein Monat zu Fuß. Rashid Habibi (l.) kam 2015 nach Deutschland, genauso wie Abdulsamad Shafaie.
Ein Monat zu Fuß. Rashid Habibi (l.) kam 2015 nach Deutschland, genauso wie Abdulsamad Shafaie.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ein gemütliches Berliner Wohnzimmer, auf dem Tisch stehen Tulpen, Bilder zieren die Wand, der Blick aus dem Fenster fällt auf die Bäume im Stadtpark Steglitz auf der anderen Straßenseite. Rashid Habibi sitzt auf der Couch. Was er zu erzählen hat, ist weniger gemütlich. „Ich stamme aus Kundus und bin 2015 aus Afghanistan über die Türkei und Griechenland geflüchtet“, sagt der 20-Jährige. Mit allem, was zur Verfügung stand: den eigenen Füßen, Auto, Boot, sogar mit dem Pferd. „Einen Monat hat das gedauert“, erzählt er. Dann erreichte er Deutschland. Seine Eltern und drei Geschwister blieben in Kundus zurück.

Abdulsamad Shafaie (23), der neben ihm sitzt, stammt aus Afghanistans Hauptstadt Kabul und hat Ähnliches erlebt. Fragt man die beiden, warum sie aus ihrer Heimat geflüchtet sind, sagen sie nur: „Weil es dort nicht sicher ist.“ Immer wieder betonen sie das „Nicht sicher“. Zwei Worte nur, aber in ihnen schwingt der Klang eines zerstörten Landes mit, die Anschläge und Landminen, die kaputte Wirtschaft und der nicht enden wollende Krieg gegen die Taliban.

Rashid Habibi und Abdulsamad Shafaie leben mit 400 anderen Geflüchteten in einer ehemaligen Kaserne im brandenburgischen Blankenburg-Mahlow. Jeden Tag pendeln sie nach Steglitz, um für den Diakonie-Pflege Verbund Berlin zu arbeiten. Sie sind Pflegehelfer in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft mit sechs Seniorinnen. Bei einem viermonatigen Pflegebasiskurs für Geflüchtete haben sie die Grundlagen der unterschiedlichen Krankheitsbilder von Pflegebedürftigen gelernt. Sie kennen sich aus mit Prophylaxe, mit Ernährungsgrundsätzen, haben Techniken der Körperpflege gelernt – und können in der ambulant betreuten Wohngemeinschaft viele Aufgaben übernehmen. Verbände anlegen oder Tabletten ausgeben dürfen sie jedoch nicht. Dafür sind ausgebildete Kranken- oder Altenpfleger nötig, die eine dreijährige Ausbildung durchlaufen haben.

„Wir haben den Qualifizierungskurs für Geflüchtete 2015 mithilfe von Spenden aufgebaut und waren damals Pioniere in Deutschland“, erzählt Jenny Pieper-Kempf, Sprecherin des Diakonie-Pflege Verbunds Berlin. „Eine der elf Pflegestationen, die zu unserem Verbund gehören, befindet sich im ehemaligen Krankenhaus Moabit, gegenüber vom Lageso, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales. 2015 haben wir die Zustände dort hautnah miterlebt. Und uns war klar: Wir müssen etwas tun.“

Was genau heißt "Schwitzen"?

Mehrere Qualifizierungskurse für Geflüchtete haben bisher stattgefunden, sie haben um die 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Ein Schwerpunkt liegt auf Themen, die für Geflüchtete besonders wichtig sind: Genereller Sprachunterricht natürlich, aber auch Einführung in die pflegerische Fachsprache. Was genau heißt „Schwitzen“, „Angst“ oder „Schüttelfrost“? Auch kulturelle Inhalte stehen auf dem Lehrplan: Feste wie Weihnachten, außerdem Koch- und Ernährungstraditionen. Und geschlechtsspezifische Themen. Die Teilnehmer, Männer wie Frauen, müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, ob sie sich vorstellen können, das jeweils andere Geschlecht zu waschen. Für Menschen aus dem islamisch geprägten Raum ist das keine Selbstverständlichkeit.

Rashid Habibi und Abdulsamad Shafaie aber haben damit kein Problem. In ihrer Wohngemeinschaft leben nur Frauen. Sie bereiten ihnen das Frühstück zu, waschen die Wäsche – und helfen bei der Körperpflege. Die sechs Bewohnerinnen sind alle an Demenz erkrankt. „Wir bereiten Waschlappen und Seife vor und sagen ihnen genau, was sie machen sollen“, erklärt Rashid Habibi, „das klappt fast immer sehr gut.“ Es gibt eine Früh- und eine Spätschicht, die jeweils mit zwei Pflegehelfern besetzt ist, die Kollegen kommen aus Ghana, Frankreich, Brasilien und der Türkei. Und die WG-Leiterin Miroslawa Trojanowski stammt aus Polen. „Ich lebe schon seit den 80er Jahren in Berlin“, erzählt sie. „Als General Jaruselski in Polen das Kriegsrecht verhängte, habe ich mein Land verlassen.“ Auf engstem Raum kommen hier so viele Geschichten und Biografien zusammen – die der Pflegekräfte und die der Bewohner.

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