Die meisten Flüchtlinge arbeiten im Wachschutz

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Geflüchtete in der Pflege : Der Traum vom normalen Leben
Ein Monat zu Fuß. Rashid Habibi (l.) kam 2015 nach Deutschland, genauso wie Abdulsamad Shafaie.
Ein Monat zu Fuß. Rashid Habibi (l.) kam 2015 nach Deutschland, genauso wie Abdulsamad Shafaie.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Marianne Rühmann, die jetzt den Kopf durch die Tür steckt, ist eine waschechte Berlinerin. „Ich bin vor sechs Monaten hierher gezogen. Alle sind unglaublich nett, wir gehen spazieren, das Essen schmeckt hervorragend. Und wenn mir mal was nicht passt, dann weiß ich mich schon durchzusetzen“, sagt sie. Nach einer Demenzkranken klingt das, was sie sagt, nicht. „Rühmann ist Ihr Name? Wie Heinz Rühmann?“ „Ja, genau“, sagt sie mit entwaffnender Selbstverständlichkeit, „und der war mein Ehemann.“ Als sie gegangen ist, nimmt Pflegedienstleiter Peter-Michael Schulz den Reporter zur Seite. Sie bilde sich das nur ein, erklärt er. Die Tochter fügt später am Telefon hinzu: „Früher hat meine Mutter immer betont: Ich heiße Rühmann, weder verwandt noch verschwägert mit Heinz Rühmann“. Das ist vorbei. Die Demenz hat begonnen, ihre Welt umzukrempeln.

Die beiden afghanischen Pfleger Rashid Habibi und Abdulsamad Shafaie könnten vom Temperament her kaum unterschiedlicher sein. Der Jüngere ist aufgeweckt, mit verschmitztem, blitzendem Lächeln. Er spricht viel und ziemlich gut Deutsch. Das konnte er schon, bevor der Qualifizierungskurs überhaupt begann. „Ich habe es mir selbst beigebracht, mit Radiohören und Fernsehen“, erzählt er. Abdulsamad Shafaie ist stiller, kann noch nicht so gut Deutsch sprechen, ist aber bei den Bewohnerinnen trotzdem sehr beliebt. Gerade weil er so ruhig ist. Er kann zuhören, ist empathisch und einfühlsam. Für Demenzkranke ist diese Form der Zuwendung genau das Richtige. Hektische Bewegungen und das Verbreiten von Stress verunsichern sie.

Nach Auskunft des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sind im Jahr 2015 rund 890 000 Asylsuchende nach Deutschland gekommen. Die Top- 5-Herkunftsländer waren Syrien, Albanien, Kosovo, Afghanistan und Irak. Exakt 476 649 davon stellten damals einen Asylantrag. Seither sinken die Zahlen, im Januar und Februar 2018 hat das BAMF rund 30 000 Asyanträge entgegengenommen. Nur ein Bruchteil dieser Geflüchteten arbeitet in der Altenpflege. Die Bundesagentur für Arbeit führt eine Statistik: Von Juni 2016 bis Februar 2017 haben in Berlin 12, in Deutschland insgesamt nur 319 Geflüchtete eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit im Bereich Altenpflege aufgenommen. Was arbeiten die Geflüchteten also – sofern es ihnen überhaupt gelingt, einen Job zu bekommen? An erster Stelle, sagt die Statistik, steht der Wachschutz. Dann folgen Reinigung, Postzustellung und Speisenzubereitung. Auch Medizin und Maschinenbau sind in der Liste vertreten. Altenpflege kommt erst an 20. Stelle.

Nur ein Tropfen auf dem heißen Stein

Angesichts fehlender Fachkräfte stellt sich die Frage, ob die große Fluchtkrise von 2015 nicht auch etwas zur Linderung des Pflegenotstands beitragen kann. Denn nach Zahlen von Professor Lutz Schumacher von der Alice Salomon Hochschule Berlin werden in Deutschland bis zum Jahr 2030 etwa 260 000 Fachkräfte im Pflegesektor fehlen. Die Zahl der Geflüchteten, die in die Altenpflege gehen, ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein, das weiß Pflegedienstleiter Peter-Michael Schulz. Und trotzdem sieht er die Anstellung von Geflüchteten in der Pflege als Chance: „Jeder ist willkommen – sofern er oder sie für Pflege geeignet ist“, sagt er. Rashid Habibi und Abdulsamad Shafaie sind es.

Immer wieder staunen die beiden Afghanen über das deutsche Pflegesystem. In ihrem Herkunftsland existiert so etwas nicht, dort übernehmen noch die Familien die Pflege der Älteren. „So etwas gibt es nur in Europa“, sagen sie. Und wiederholen es noch mal: „Nur in Europa.“

Natürlich wäre es naiv zu glauben, dass die Pflege mit einem derart multikulturellen Team immer rundläuft. Es gibt Vorurteile, es gibt Rassismus – auf beiden Seiten, bei Pflegenden und Pflegebedürftigen. „Wir sagen ganz klar: Wir sind alle Menschen“, sagt Peter-Michael Schulz. „Daraus folgt für uns: Wir pflegen alle und wir bieten allen einen Arbeitsplatz.“ Aber es gibt Grenzen. Wenn sich jemand nicht von einem Mann pflegen lassen will, dann wird das respektiert. Wenn sich jemand nicht von einem dunkelhäutigen Menschen pflegen lassen will, dann nicht. „Es kommt vor, dass wir Pflege auch ablehnen“, sagt Peter-Michael Schulz entschieden.

Noch haben die jungen Afghanen in ihrem Berufsalltag solche Formen von Rassismus nicht erlebt. Sie setzen die allergrößten Hoffnungen in ihre Arbeit. Und doch ist ihre Stellung gefährdet. Beide haben eine befristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Seit das Bundesinnenministerium bestimmte Regionen Afghanistans zum „sicheren Herkunftsland“ erklärt hat, wird dorthin abgeschoben. In der ersten Jahreshälfte 2017 wurden laut Süddeutscher Zeitung 32 403 Menschen aus Afghanistan benachrichtigt, dass sie Deutschland verlassen müssen. Auch Abdulsamad Shafaie hat einen entsprechenden Bescheid bekommen, Rashid Habibi noch nicht. Dabei wissen beide ganz genau, dass Afghanistan eben kein sicheres Herkunftsland ist. Sie haben Glück, weil sie in Brandenburg wohnen. Brandenburg schiebt nicht so schnell und konsequent ab wie Berlin. Rashid Habibi hofft auf eine Zukunft in Deutschland. Er will die dreijährige Ausbildung machen. Und ein richtiger Krankenpfleger werden.

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