Gegen das Dogma der Jugend : Bei „Dance on“ tanzen Menschen über 40

Ty Boomershine will mit seiner Tanzkompanie „Dance On“ den Wert des Alters propagieren. Aber die Coronakrise stellt die Gruppe auch vor Herausforderungen.

Altersweise. Ty Boomershine, geboren 1968 in Ohio, ist künstlerischer Leiter des Ensembles „Dance On“ (zu Deutsch: Weitertanzen!).
Altersweise. Ty Boomershine, geboren 1968 in Ohio, ist künstlerischer Leiter des Ensembles „Dance On“ (zu Deutsch: Weitertanzen!).Doris Spiekermann-Klaas TSP

Die Tanzwelt ist unbarmherzig. Das Klischee von Kindern, die an Ballettschulen lernen, jeden Schmerz zu unterdrücken, sei längst überwunden, könnte man meinen. Ganz überwunden ist es aber nicht. „Schaut man in die heutige Tanzwelt, scheinen Publikum, Theaterdirektoren und Choreografen noch immer eine Fixierung auf junge Körper zu haben, auch wenn das unbewusst geschieht“, sagt der US-amerikanische Tänzer, Choreograf und Ensembleleiter Ty Boomershine. Mit 40 gehen professionelle Tänzer normalerweise in den Ruhestand.

Unbarmherzig ist die Tanzwelt auch in Bezug auf das Repertoire. Es gelte das Dogma, radikal und neu zu sein und sich auf keinen Fall zu historischen Einflüssen zu bekennen. „Tut man es doch, so wie es in anderen Kunstsparten gang und gäbe ist, steht schnell der Plagiatsvorwurf im Raum“, sagt Boomershine.

Oft sei außerdem die Ausbildung dermaßen auf die Praxis ausgerichtet, dass junge Tänzer sich kaum mit der Tanzgeschichte befassen und am Ende nicht wissen, was vor zehn, zwanzig Jahren getanzt wurde. Geschweige denn im letzten Jahrhundert. So entsteht die Illusion von Geschichtslosigkeit.

Das führt zu eigenartigen Verwicklungen. Denn stets radikal und neu zu sein war auch das Dogma der Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts, als die Grenzen des Möglichen in aller Kunst so lange ausgelotet wurden, bis die zwanghafte Entgrenzung selbst zur Sackgasse wurde.

Der heutige Zwang zum Neuen und die Ausblendung der Geschichte führen daher oft zu Choreografien, die in der jungen Szene als radikal gefeiert werden, am Ende aber selten über die alten hinausgehen. „Ich bin durchaus höflich und wende nicht gleich ein, dass ich dies oder jenes schon im letzten Jahrhundert gesehen habe“, sagt Boomershine. „Das fällt mir nicht immer leicht.“

Die ältesten Mitglieder sind in den Sechzigern und Siebzigern

Und wenn die Jugend immer nur das Neueste vom Neuen tanzt, vollführt ein Ensemble für Tänzerinnen und Tänzer über 40, die auch historische Stücke aufführen, gleich zwei radikale Brüche. Die ältesten Mitglieder von „Dance On“ sind in ihren Sechzigern und Siebzigern. Selbstverständlich bewegen sie sich anders als Zwanzigjährige.

Zu meinen, sie könnten deshalb aber weniger als die Jungen, wäre verfehlt, sagt der Ensembleleiter. Erfahrung und das weiterentwickelte Körpergefühl sorgen für eine höhere Ökonomie der Bewegungen. Gute ältere Tänzer neigen nicht zu Übertreibungen, dosieren ihre Kräfte genau richtig. Dem Publikum erscheint das anmutig.

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Gute Choreografen formulieren eine Ästhetik, die die vermeintlichen Einschränkungen umgeht und sich die Stärken, wie ihr großes Verständnis von Körpersprache und Bühnenpräsenz, zu eigen macht. So können Stücke entstehen, die auf den ersten Blick technisch einfach wirken, die aber von vielleicht gelenkigeren und schnelleren, aber unerfahrenen Tänzern kaum zu bewältigen sind.

Im Alter tanze man zudem entspannter, sagt Boomershine. Das Individuelle trete stärker hervor, besondere Eigenheiten würden mit der Zeit deutlicher. Der Tanz wird dadurch persönlicher und intimer, was auch das Publikum wahrnimmt. Auch die Tatsache, dass die Tänzer viel näher am Alter des Publikums sind, schafft ein Identifikationsmoment. „Ältere Menschen sehen uns und lassen sich von uns inspirieren.“ Das sei auch an der regen Beteiligung am partizipativen Programm von Dance On zu sehen.

Vermittlungschefin Laura Böttinger macht dabei Tanzworkshops für Laien über 60, die auch in bühnenreifen Produktionen münden. Während des Lockdowns bringt sie über Videoworkshops Bewegung in Seniorenhaushalte. In letzter Zeit ist die Gruppe mit Tanz-Flashmobs vor Seniorenheimen in Erscheinung getreten.

Kaum neue Stücke im Lockdown

Eine Tanzwelt, die ausschließlich nach Neuem verlangt, leidet unter Corona besonders stark, denn im Lockdown können kaum neue Stücke entstehen. „Wenn die Bühnen ab, sagen wir, September wieder öffnen, dann mit welchem Programm?“, fragt Boomershine. Choreografien werden generell nicht am Schreibtisch geschrieben, sondern mit den Tänzern vor Ort erarbeitet. Die Abstandsregeln seien ein Problem.

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Will man Stücke so schreiben, dass mehr Abstand zwischen den Tänzern herrscht, braucht man auch größere Räume. Unter Corona sind aber viele Räume gänzlich geschlossen. Erschwerend kommt hinzu, dass bei Dance On fast alle Tänzer in verschiedenen Ländern leben, nur zwei der Ensemblemitglieder in Berlin. Unter den eingeschränkten Reisebestimmungen ist seit Monaten kein Zusammenkommen möglich, eine geplante Tour mit einer Jan-Martens-Produktion auf ungewisse Zeit verschoben.

Das nächste geplante Projekt ist eine Serie von Stücken von Lucinda Childs aus den Siebzigern, mit denen Boomershine als langjähriger Assistent der Tanzikone besonders vertraut ist. Schon vor Corona bestand der Plan, diese klassischen Werke der Postmoderne wieder aufzuführen.

Zufällig sind die Stücke aber gerade für die Lockdown-Zeit wie geschaffen. Denn die Raumstudien der Choreografin arbeiten mit großen Abständen zwischen den Performern, auf Berührung verzichten sie gänzlich. Während also viele Theater derzeit versuchen, ihre neuen Stücke für die Abstandsregeln zu adaptieren, müsse an diesen nichts geändert werden, sagt Boomershine.

Auch heute noch erscheinen Childs Choreografien radikal und neu. „Ich habe diese Stücke unterrichtet und selbst welche davon aufgeführt. Mehrmals hielt das Publikum sie für die Werke eines neuen Avantgarde-Choreografen. Entsprechend überrascht waren sie, dass die Stücke bereits in den Siebzigern entstanden waren.“

Viele Ensemblemitglieder tanzen seit Jahrzehnten

Eine der Strategien zur Vermittlung dieser älteren Werke besteht bei Dance On darin, junge Choreografen einzuladen, zeitgenössische künstlerische Antworten auf sie zu entwickeln. Dabei ist aufgefallen, dass diese Idee für manche Choreografen eine willkommene Gelegenheit war, sich offen auf die Tanzgeschichte zu beziehen und mit dem Tabu zu brechen.

Viele der Ensemblemitglieder haben teils über Jahrzehnte als Tänzer in den Ensembles solcher historischen Choreografen wie Martha Graham oder Merce Cunningham gearbeitet und ihre Stücke uraufgeführt, sind also die erste Adresse, wenn es um deren Vermittlung geht.

In Corona-Zeiten spielt das Alter generell eine neue Rolle, denn fortgeschrittenes Alter bedeutet Zugehörigkeit zur Risikogruppe. Die Vorstellung eines Lockdowns mit unbestimmtem Enddatum bedeutet für Senioren eine viel höhere Dringlichkeit als für junge Menschen.

Tänzer trifft das doppelt, denn sie leben spätestens seit dem fünfzigsten Lebensjahr sowieso unter dem Eindruck einer stetig fliehenden Zeit, haben bei jeder Aufführung den Verdacht, möglicherweise zum letzten mal auf einer Bühne zu stehen. Bekomme ich danach noch ein Engagement? Werde ich in der Lage sein, die Anforderungen von Choreografen zu erfüllen, die es gewohnt sind, mit jungen Körpern zu arbeiten? Unter diesen Bedingungen kann die Auszeit im Alter schnell nach Endzeit klingen.

Weitere Informationen gibt es unter: dance-on.net

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