• Geheimtipp in Brandenburg: Wo früher Bomben fielen, versteckt sich heute ein Naturparadies

Geheimtipp in Brandenburg : Wo früher Bomben fielen, versteckt sich heute ein Naturparadies

Es kann vorkommen, dass einem in der Kyritz-Ruppiner Heide kein Mensch begegnet. Das frühere Bombodrom der Sowjets bei Neuruppin steckt voller Naturschätze.

Anja Reinbothe
Die Weite der Heide ist einer der Hauptgründe, warum die Menschen hierher kommen.
Die Weite der Heide ist einer der Hauptgründe, warum die Menschen hierher kommen.Foto: Anja Reinbothe

Ruhe. Endlich Ruhe. Alle Geräusche scheinen abgestellt. Kein Motor, keine brabbelnden Menschengruppen, kein Gehupe. Stattdessen Stille, je tiefer man in den Wald hinter Pfalzheim hineinläuft und auf die Kyritz-Ruppiner Heide zu.

Rund 12.000 Hektar misst diese und liegt zwischen Wittstock, Rheinsberg, Neuruppin und Kyritz im Nordwesten Brandenburgs. Sie ist eine der größten Heideflächen Europas und doch eher unbekannt.

Die 50 Einwohner zählende Gemeinde Pfalzheim, rund 22 Kilometer hinter Neuruppin, liegt abgeschieden von der nächsten Landstraße. Am Parkplatz hinter dem Örtchen wird das Auto abgestellt.

Ab Mitte August blüht es in der Heide überall.
Ab Mitte August blüht es in der Heide überall.Foto: Anja Reinbothe

Das lautstarke Trompeten eines Kranichpaares, das über ein Feld stakst, hallt nach auf dem Weg durch den Wald, der geradewegs in die offene Heidelandschaft führt.

Viele kommen wegen der Weite

Etwas mehr als einen Kilometer sind es vom Parkplatz bis zum Sielmann-Hügel. Ein Wiedehopf sitzt als Wappentier darauf. „Der Vogel kommt sonst selten vor. In der Kyritz-Ruppiner Heide ist er öfter anzutreffen“, erklärt Andree Kienast vom Naturpark Stechlin-Ruppiner Land.

Der 44-Jährige kennt die Heide gut. Seit drei Jahren arbeitet er als Naturführer, hat dafür eigens eine Ausbildung absolviert.

Bläulinge setzen sich auf die blühende Heide.
Bläulinge setzen sich auf die blühende Heide.Foto: Anja Reinbothe

[Mehr Reise-Informationen zur Heide gibt es unter kyritz-ruppiner-heide.de. Anfahrt: mit dem Auto über die A24 bis Ausfahrt Herzsprung, dann der Beschilderung bis Pfalzheim folgen. Wanderungen bietet Andree Kienast an, Telefon (03397)-6169968 oder per E-Mail an andreekienast@gmail.com.

Tipp: Wer mit dem Wohnmobil anreist, kann am Pfalzheimer Parkplatz Station machen und übernachten. Gut zu wissen: Es gibt keine Toiletten in der Heide. Es ist zwar vorgesehen, an den Parkplätze in Pfalzheim und Neuglienicke Toiletten aufzustellen, derzeit ist jedoch noch nichts für die Notdurft vorhanden.]

Sieht fast so aus wie in der Provence – die Kryritz-Ruppiner Heide.
Sieht fast so aus wie in der Provence – die Kryritz-Ruppiner Heide.Foto: Anja Reinbothe

Für den Schutz der Heideflächen setzt sich seit 2014 die Heinz Sielmann Stiftung ein, gegründet vom gleichnamigen deutschen Tierfilmer. Wegen der Weite der Heide kämen die meisten Besucher, meint Kienast.

Oftmals begegne einem kein Mensch in diesem Wanderrevier. „16 Kilometer Wegenetz sind seit 2016 freigegeben und verbinden Neuglienicke, Pfalzheim und Rossow. Zu Fuß, mit dem Fahrrad und Pferd kann man sich bewegen.“ Die Wege in der Heide ähneln teils kleinen Sanddünen, weshalb die vier entgegenkommenden Radlerinnen streckenweise schieben.

Ein Stück Provence findet sich in der Heide wieder

Wer den Wald voller Kiefern und Birken hinter sich lässt, vor dem breitet sich die Kyritz-Ruppiner Heide in ihrer ganzen weiten Pracht aus. Heidebüsche wachsen am Boden, flach und struppig, Calluna vulgaris genannt.

Aus den Zweigen wurden einst Besen hergestellt, erzählt Andree Kienast: „Besenheide heißt das Kraut und ist die Blume des Jahres 2019.“ Die Besenheide wächst außerhalb von Schutzgebieten immer seltener im Vergleich zu noch vor 100 Jahren und steht deshalb auch auf der Roten Liste der bedrohten Arten.

„Ab Mitte August blüht es hier überall“, sagt der Naturführer. „Die Heide duftet dann ganz süß.“

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800 Bienenstöcke setze der Imker in dieser Zeit rein, sagt Kienast: „Der Honig der Heidekraut-Sand- und Seidenbienen ist zähflüssig, schmeckt stark und süßlich wie der von Lavendel.“ Ein wenig wie die Lavendelfelder in der Provence kann man sich den violettfarbenen Pflanzenteppich ab Spätsommer in der Heide auch vorstellen. Im Frühjahr lockt der blühende Ginster, ganzjährig die Ruhe und Weite der Landschaft.

Vom Sielmann-Hügel an der nächsten Weggabelung geht es zum 15 Meter hohen Aussichtsturm, achteckig, aus Holz und der Form eines Baumstammes nachempfunden. Seit vergangenem Mai ist er geöffnet. Von oben können Gäste kilometerweit die Heide überblicken.

In dieser Idylle schlugen 40 Jahre lang Bomben ein

Kaum zu glauben, dass in dieser leisen Naturidylle 40 Jahre lang lautstark Bomben einschlugen. Von 1953 bis 1993 ließ die Sowjetarmee Raketen und Minen für Manöver detonieren.

„Alles sah aus wie eine Mondlandschaft. Ständig hat es gebrannt und hing eine Rauchwolke in der Luft“, weiß Kienast. Bis nach Neuruppin und sogar Neustadt an der Dosse, das Luftlinie etwas mehr als 30 Kilometer entfernt liegt, hörte man die Düsenjets, erzählen Einwohner noch heute.

Besonders schlimm traf es die Pfalzheimer, berichtet der Naturführer: „Ständig klapperten die Kaffeetassen, wenn die Bomber übers Dorf flogen, sprangen Fensterscheiben bei Detonationen.“

Als die Russen abgezogen sind, wollten Bundeswehr und Nato-Verbündete hier Europas größten Bombenabwurfplatz einrichten. „Dagegen wehrte sich die Bevölkerung. Es gab etliche Protestmärsche, Mahnsäulen. Diese stehen noch“, erzählt Kienast.

„Nach 17 Jahren und 27 Gerichtsverhandlungen wurde gegen die Bundeswehr gewonnen.“ Im Jahr 2009 war das.

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Rund 4000 Hektar Fläche hat die Heinz-Sielmann-Stiftung übernommen, es ist ein kontaminierter Naturschutzpark. Bis heute dauere die Suche nach Munition an, weshalb Besucher auf den Wegen bleiben sollten, rät Andree Kienast, der hinter dem Sielmann-Hügel zur nächsten Schutzhütte, die Unterschlupf bei Rast sowie Wind und Regen bietet, abbiegt und wieder Kurs Richtung Pfalzheim nimmt. „Betreten verboten“-Schilder weisen auf die Gefahrenzone hin.

Eine Pflanze, die aussieht wie winzige Korallen

Immerhin aber hätten die Sowjets beste Heidepflege betrieben, sagt Kienast: „Die Heide würde wieder zu Wald werden, wenn sie nicht regelmäßig abgebrannt wird.

Das passiert weiterhin jährlich. Anfang Januar bis Mitte März wird sie kontrolliert brandgerodet.“ Allein wegen ihrer unheimlichen Artenvielfalt müsste die Kyritz-Ruppiner Heide jedoch bleiben, wie sie sei.

Neben der Besenheide würden einjährige Pflanzen wie Bauernsenf sowie das Blattlose Koboldmoos wachsen. „Oder auch die Rote Becherflechte“, sagt Naturführer Kienast. Diese Pflanze sieht aus wie winzige Korallen.

Auch zahlreiche viele Tierarten wohl. Eidechsen, Wölfe, Schlingnattern, Brachpieper und eben der Wiedehopf leben in „Sielmanns Naturlandschaft Kyritz-Ruppiner Heide“. Hinzu kommen 300 Ziegenmelker-Paare, es sind Nachtschwalben, die erst bei Einsetzen der Dämmerung herauskommen.

Im Sommer gibt es Sternenführungen

Wenn es dämmert, sollten Besucher den Heimweg antreten, insofern sie keine Taschenlampen dabei haben. Denn wenn es in der Kyritz-Ruppiner Heide dunkel ist, dann richtig, also stockfinster.

„Ein dunkler Fleck“, sagt Andree Kienast, der im Sommer Sternenführungen anbietet. Nicht nur im Sommer, sondern zu jeder Jahreszeit ist bei wolkenfreier Sicht ein Sternenguckabend.

Die Leute seien immer begeistert davon und auch, wie dunkel es sei, sagt Kienast: „Kein Licht stört. Das muss so bleiben, allein schon für die Insekten.“ Der Naturführer möchte nun vorantreiben, dass das Areal, so wie im Westhavelland der Gülper See, von der Dark Sky Association (IDA) zum Sternenpark zertifiziert wird.

Noch ist die Heide ein Geheimtipp

Nora Künkler von der Heinz Sielmann Stiftung bestätigt: „Ja, die Kyritz-Ruppiner Heide ist ein Geheimtipp. Es ist wenig los. Ein unbesiedelter Flecken.“

Ab der Mitte des ehemaligen Truppenübungsplatzes seien es vier Kilometer bis zum nächsten Ort. „Wir gehen davon aus, dass es wenig Lichtverschmutzung gibt.“ Ein Sternenpark wäre eine gute Idee für die Heide.

„Ich weiß, dass auch der Landkreis Ostprignitz-Ruppin und viele touristische Anbieter dies finden“, berichtet Künkler. Nun müsse die Idee weiter verfolgt werden. „Gemeinsam mit den Leuten vor Ort. Das ist uns wichtig. In der Region gab es lange Prozesse. Die Bewohner haben keine Lust mehr, Entscheidungen aufgedrückt zu bekommen.“

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