Gemeinsame Sache in Friedrichshain-Kreuzberg : Stolpersteine der Kiezgeschichte

In Kreuzberg begab man sich auf Spurensuche. In orangenen Warnwesten befreien Freiwillige den Marheinekeplatz vom Müll. Eindrücke aus Xhain.

Tim Spark Leonard Scharfenberg
Stolpersteinführung. Die Kaffeetafel in der AWO nach der Kiezführung.
Stolpersteinführung. Die Kaffeetafel in der AWO nach der Kiezführung.Foto: Leonard Scharfenberg

Es geht um die Verfolgung, das Unrecht - das dunkelste Kapitel ihrer Kiezgeschichte: zehn Kreuzberger sitzen um einen großen Tisch in der AWO und diskutieren über das, was sie in den letzten Stunden gelernt haben. Sie und mehrere andere Freiwillige haben am Mittwochnachmittag an einer Kiezführung zu den Stolpersteinen Kreuzbergs teilgenommen. Außerdem übernahm die Freiwilligengruppe eine Patenschaft für das Wilhelm-Lehmann-Denkmal auf dem Mariannenplatz. Sie befreiten die Erinnerungstafel von Graffiti und pflanzten mehrere Blumen. “Eine gelungene Aktion“, sagt Filiz Öncel von der AWO. Am Ende bekam die Gruppe noch prominenten Besuch: Sozialsenatorin Elke Breitenbach(Linke) half bei der Reinigung des Denkmals und hielt eine Rede. Es sei sehr schön, wenn die Arbeit der Freiwilligen von der Politik so gewertschätzt würde, sagt Öncel.

Leonard Scharfenberg

Identitätsfrage am Wassertorplatz  

Mit kleinen, bunten Klebepunkten konnten Passanten und Anwohner auf einer Karte des Kreuzberger Wassertorkiezes ihre Lieblingsorte markieren. Das Ziel der Aktion: Eine Kiezidentität mitsamt Logo zu entwickeln. Sofia Rosso und Tatjana Rech vom Stadtplanungsbüro AG Urban standen dazu auf dem Kastanienplatz und sprachen Menschen an. Viele Anwohner füllten Fragebögen aus, klebten Punkte und sprachen mit den beiden Stadtplanerinnen über Orte im Kiez, die ihnen gefallen oder Veränderungen die sich wünschen. Das Highlight waren aber die Einwegkameras, die bei der Aktion an Kinder und Erwachsene verteilt werden. Sie werden bis Ende September gegen zwei Kugeln Eis wieder eingesammelt. Aus den Bildern entsteht dann ein Kiezkalender.

Leonard Scharfenberg

Volkssolidarität in der Friedensstraße 

Johannes Dumpe fräßt Stuhlteile aus einer dicken Holzplatte. Dabei sehen im gut 10 Nachbarn zu, die sich um einen Kaffeetisch versammelt haben. Die Stühle werden eines Tages einmal in dem neuen Stadtteilzentrum stehen, was der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg in der Friedensstraße plant. Momentan ist hier nur ein leerer Hinterhof in dem regelmäßig Veranstaltungen der Volkssolidarität stattfinden. Die Gruppe hat hier heute bereits Unkraut gerupft und Obst und Gemüse geerntet. Nach einiger Zeit kommt auch der Sozialstadtrat und stellvertretende Bezirksbürgermeister Knut Mildner-Spindler in den Hof. Er probiert vorsichtig einen der Stühle aus und ist sofort begeistert: “Eine tolle Idee, einen Teil der Einrichtung gleich hier mit den Leuten zu machen“, findet er. Leonard Scharfenberg

Yannick-Ole Curdt und Heike Genzmer beim Aufräumen und Möbelbauen.
Yannick-Ole Curdt und Heike Genzmer beim Aufräumen und Möbelbauen.Foto: Leonard Scharfenberg

Patenschaften für Geflüchtete

Am gut gedeckten Tisch in den Büros der Freiwilligenagentur Willma in Berlin-Kreuzberg warten neben Keksen, Tee und Flyern auch Grit Langbehn und Jeannie Klockenbring auf Interessierte Besucher. Die beiden Sozialarbeiterinnen leiten das Projekt “dabei.sein“-Patenschaften. Nach fast zwei Stunden war zwar erst ein Besucher da.

Der hatte aber großes Interesse sich im Rahmen einer Geflüchtetenpartnerschaft zu engagieren. “Wir haben nicht erwartet, dass die Leute heute Schlange stehen“, sagt Langbehn. Das Interesse an Geflüchtetenhilfe habe seit der Gründung des Projektes 2016 stark abgenommen. Trotzdem hat die Freiwilligenagentur insgesamt schon über 500 Patenschaften zwischen Deutschen und Geflüchteten vermitteln können. Leonard Scharfenberg

Neugestaltung des Moritzparks

  “Ein schrecklicher Platz“ - ja ein regelrechter “Schnell-weg-Ort“ ist der Moritzplatz in den Augen mancher Anwohner. Am Dienstagnachmittag diskutieren viele von ihnen  mit Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann(Grüne) über die mögliche Umgestaltung der kleinen Grünfläche an der nordwestlichen Ecke des Platzes. Die Idee kam aus dem Verein Kreuzberger Kieznetzwerk. Auf der Veranstaltung werden Vorschläge gesammelt: Spielplatz, fester Grill, Bänke oder einen Kiosk - die Wünsche der Bürger sind vielfältig. Herrmann zeigt sich offen: “Wir müssen hier was tun“, sagt sie. Gerade in einem Umfeld, wie um den Moritzplatz, indem bezirksweit die meisten Kinder von Transferleistungen leben müssten, brauche es mehr schöne Orte. Herrman befürchtet dabei keinen Gentrifizierungschub. “Verwahrlosung um Gentrifizierung zu vermeiden ist die falsche Strategie“, sagt sie. Leonard Scharfenberg

Der Moritzplatz soll schöner werden.
Der Moritzplatz soll schöner werden.Foto: Leonard Scharfenberg

Für eine müllfreie Wiese

Egal ob Klein oder Groß, alle tragen am „Gemeinsame Sache“-Aktionstag am Freitag orangene Warnwesten und helfen mit. Kinder, Eltern, Anwohner des Marheinekeplatzes.

Mit Greifern werden Zigarettenstummel entsorgt, Flaschen werden eingesammelt und anderer Müll wird zusammengekehrt. Nach und nach wird die Grünfläche von dem Müll befreit und erste Eltern mit Kindern breiten ihre Decken für ein Picknick aus.

Eine müllfreie Wiese aber auch das Gespräch zwischen allen Beteiligten steht im Vordergrund. Damit sich langfristig was ändert, so der Tenor der Helfer.

Freiwillige Helfer bei der Aufräumaktion am Marheinekeplatz.
Freiwillige Helfer bei der Aufräumaktion am Marheinekeplatz.Foto: Tim Spark

Hochbeete bauen im Möckernkiez

Es duftet nach Waffeln und frischem Holz am Rande des Gleisdreieckparks. Am Samstagnachmittag findet in der Kita der Genossenschaft Möckernkiez der erste Familientag des Neubauquartiers an der Yorckstraße statt. Mehr als 10 Familien werkeln hier gemeinsam an zwei Hochbeeten, die den Hof der Kita noch schöner machen sollen.

Freiwillige beim Beetebau im Möckernkiez.
Freiwillige beim Beetebau im Möckernkiez.Foto: Leonard Scharfenberg

Auch die Kinder dürfen hämmern. Der Erzieher Tarik Sert ist mit der Aktion zufrieden. Normalerweise hätten sie ja nur die Kinder hier, erzählt er. Und jetzt hätten die Eltern fast mehr Spaß als die Kleinen. Er lacht. “Vielleicht werden wir bald einfach mal einen Spieltag für die Erwachsenen veranstalten“, schlägt Sert vor. Leonard Scharfenberg

Tag der offenen Türen in Prinzen- und Ritterstraße

Kinder sitzen an Tischen im Mehrgenerationenhaus Wassertor. Mit Freude malen sie Banner für den anstehenden Klimastreik. Ein Junge wählt das Motiv einer Uhr deren Zeiger auf „Fünf vor Zwölf“ stehen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat die Flüchtlingskirche die Türen geöffnet und informiert über ihre Arbeit und Projekte.

Eine Anwohnerin nimmt sich ein Kulturheft Deutsch/Arabisch mit nach Hause. Im Kiez um die Prinzen- und Ritterstraße haben 24 weitere Unternehmen und soziale Organisationen ihre Türen bei der Aktion „Wir im Wassertorkiez“ geöffnet und informieren über ihre alltägliche Arbeit und stellen sich vor.

Hochbeete für Kreuzberg

In den zwei Gartenparzellen im Nachbarschaftsgarten Kreuzberg – knapp 300 Quadratmeter groß – gibt es viel zu tun. Hier soll ein Ort der Begegnung für die Anwohner des Kiezes entstehen. Um im Frühjahr nächsten Jahres Hochbeete anlegen zu können und Tomaten und Kartoffeln anzubauen wird fleißig gearbeitet.

Zusammen mit Nachbarn der Gartenkolonie wird die Fläche aufbereitet und eine Grundbasis geschaffen. Eine extra gemietete Häckselmaschine läuft, ein Kompost wird angelegt und zwei große Container werden gefüllt mit Müll, der auf dem Grundstück lag. Auch Kitas sollen in Zukunft eingeladen werden.

Freiwillige legen einen Komposthaufen im Nachbarschaftsgarten Kreuzberg an.
Freiwillige legen einen Komposthaufen im Nachbarschaftsgarten Kreuzberg an.Autor: Tim Spark

Mitgärtnern und Mitbauen im Nachbarschaftsgarten

7,5 Milliarden Menschen teilen sich rund 1,5 Milliarden Hektar Ackerfläche auf der Welt. Das macht pro Kopf etwa 2000 Quadratmeter. Und auf der muss eine Menge wachsen: Reis, Soja, Mais, Futter für die Tiere. Das Projekt „2000 m2“ veranschaulicht aus diesem Grund im Rahmen seines Bildungsprogramms die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten und die damit einhergehenden Schwierigkeiten der Landwirtschaft.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Am Hauptstandort im botanischen Volkspark Blankenfelde, wo tatsächlich 2000 Quadratmeter Ackerfläche zu finden sind, kommen regelmäßig Schulklassen und Kitas, um zu lernen, was es mit Biodiesel auf sich hat oder wieviel Ackerfläche eine Portion Bolognese braucht.

„Man hat kein Bild im Kopf, wie viel man tatsächlich verbraucht“, sagt Frauke Henning, die Leiterin des kleinen Ablegers Frieda Süd in der Friedrichstraße. Hier werkeln an diesem Tag etwa zehn Freiwillige, legen Wildbienenbeete an oder bauen einen Wurzelkasten.

Henning ist studierte Germanistin und Medienwissenschaftlerin, nun betreut sie dieses Gartenprojekt und macht einen äußerst fachkundigen Eindruck. „Es ist einfach großartig, was man durch Ehrenamt alles lernen kann“, sagt sie. Niklas Liebetrau

Mitgärtnern und Mitbauen im Nachbarschaftsgarten Frieda Süd.
Mitgärtnern und Mitbauen im Nachbarschaftsgarten Frieda Süd.Foto: Niklas Liebetrau
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar