Gemeinsame Sache in Neukölln : Gemeinsame Sache in Neukölln: Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit

Viele Neu-Berliner, Einwanderer und Flüchtlinge geben mit ihrem ehrenamtlichen Engagement der Stadt etwas zurück. Ihr Motto: „Give Something Back to Berlin.“

Im Einklang. Menschen zusammenbringen und Vorurteile abbauen – mit der Open Music School im Neuköllner Refugio.
Im Einklang. Menschen zusammenbringen und Vorurteile abbauen – mit der Open Music School im Neuköllner Refugio.Foto: privat

Das Refugio in Neukölln unweit des Hermannplatzes ist ein innovativer, pulsierender und aufregender Ort. Auf sechs Etagen ist das Haus Co-Working-Space, multifunktionaler Veranstaltungsort und das Zuhause von 40 Geflüchteten und Einheimischen zugleich. In seiner Gesamtheit ist das Refugio vor allem ein Haus mit gelebter Integration von ihrer besten Seite. Einen großen Anteil daran hat die Organisation „Give Something Back to Berlin“ (GSBTB), einer der Kooperationspartner des Hauses.

Ihre Gründerin, die schwedische Journalistin Annamaria Olsson, sitzt an diesem Tag im Café des Refugio und erzählt von ihren persönlichen Erfahrungen als Migrantin in Berlin. „Natürlich ist das nicht zu vergleichen mit den vielen Geflüchteten, die aus Not hierherkamen, denn ich war privilegiert und doch war es auch für mich am Anfang nicht so einfach, mich zurecht zu finden und einen Zugang zu dieser Stadt zu bekommen.“

Das Café, in dem sie sitzt, könnte mit seiner Einrichtung eines jener Hipsterlokale sein, wie sie in ganz Neukölln seit Jahren eröffnen und damit immer wieder die Gegner der Gentrifizierung auf den Plan rufen. Und doch ist dies ein Ort, der nicht spalten, sondern vereinen und eine stärkere Gemeinschaft formen will – hier stehen Geflüchtete und Einheimische zusammen hinter der Theke.

Als vor einigen Jahren die Veränderung der Kieze in Neukölln immer spürbarer wurden, machten die Gentrifizierungsgegner vor allem die wohlsituierten Neuberliner dafür verantwortlich. Annamaria Olsson fühlte sich persönlich angesprochen und suchte nach einer Möglichkeit, sich zu engagieren.

Der Stadt etwas zurückgeben

„Es gab damals im Jahr 2013 kaum Plattformen, auf denen man sich über soziale Projekte in Berlin informieren konnte und erst recht nicht auf Englisch". Sie erkannte eine Lücke und gründete ihre Organisation. „Wir, die Neuberliner, ob Geflüchtete oder privilegierte Migranten, wollen dieser Stadt, die uns aufgenommen hat, etwas zurückgeben.“ Entstanden ist nicht nur eine englische Plattform, die Möglichkeiten zeigt, ehrenamtlich aktiv zu werden. Entstanden ist noch viel mehr: „Mittlerweile haben wir pro Woche 30 eigene Events im Refugio“, erzählt Olsson. „Jedes Jahr erreichen wir rund 25 000 Menschen.“

GSBT hat eine Vielzahl von ehrenamtlichen Projekten geschaffen: Ob das Sprachcafé, das pro Woche rund 120 Menschen besuchen, ob Kunst- oder Kochkurse oder das „Open City“-Projekt, das versucht, Geflüchtete und Migranten aus allen Ländern zu gesellschaftlich und politisch aktiven Akteuren in ihrer Stadt zu machen – immer geht es im Kern darum, Begegnungen zu schaffen, bei denen sich die verschiedensten Menschen auf Augenhöhe begegnen.

Besonders eindrucksvoll geschieht dies in der Open Music School, der Musikschule von GSBTB. Auf die Frage, was an diesem Projekt das Besondere ist, gerät ihr Koordinator, Tom Young, ins Schwärmen. „Bei uns entsteht eine echte Gemeinschaft. Es geht nicht so sehr darum, dass ein Lehrer dem anderen etwas beibringt, dass jemand dem anderen hilft. Die Lehrer bei uns haben eigentlich gar nicht die Kontrolle, es sind die Schüler, die entscheiden dürfen, was gespielt wird. Das erzeugt ein Gefühl, dass diese Schule jedem gehört, der an ihr teilnimmt und, dass alle zusammengehören“, erklärt der 34-jährige Neuseeländer.

Seine Geschichte ist sinnbildlich für das, was die Musikschule und „Give Something Back to Berlin“ ausmacht: Jahrelang war er als professioneller Musiker mit seiner Gitarre in der ganzen Welt unterwegs, ehe es ihn nach Berlin verschlug. „Nach der Honeymoon-Phase, die vermutlich jeder hat, der neu nach Berlin kommt, wurde mir bewusst, dass ich mich hier nicht so richtig zu Hause fühlte, es hat das Zugehörigkeitsgefühl gefehlt. Hinzu kam, dass 2015 so viele Geflüchtete nach Berlin kamen, dass ich einfach das Gefühl hatte, etwas tun zu müssen.“ So erfuhr Tom Young von GSBTB, nahm an einer Veranstaltung teil, kam und brachte irgendwann seine Gitarre mit – so entstand nach und nach die Open Music School.

Integration ist, wenn es sich nicht wie Integration anfühlt

Heute kommen pro Woche insgesamt 160 Leute zu den vielen Übungsgruppen. Alle Lehrer arbeiten umsonst und „es geht ihnen nicht darum, dass sie anderen Menschen, egal ob geflüchtet oder nicht, helfen wollen. Für die meisten, ist das ein extrem wichtiger Termin in der Woche“, sagt Young. „Es geht darum, dass Menschen zusammenkommen, weil sie etwas schaffen und sich weiterentwickeln möchten, so entstehen Begegnungen und erst dadurch lernt man die andere Person auch kennen und baut Vorurteile ab.“

Integration ist, wenn es sich nicht wie Integration anfühlt, könnte man auch sagen. GSBTB ist dafür ein glänzendes Beispiel. 2018 brachte die Organisation in Kooperation mit „Eed be Eed“, einem Magazin, das sich an die deutsche, englische und arabische Gemeinschaft in Berlin richtet, eine Zeitung heraus. Thema war das psychische Wohlbefinden im Zusammenhang mit erzwungener Migration.

Die Zeitung, die Artikel, Comics und Dichtungen enthielt, wurde auf Deutsch und Arabisch an alle Berliner Flüchtlingsunterkünfte verschickt. Soweit sie weiß, sagt Annamaria Olsson, liege die Auflage mittlerweile bei 10 000 Stück. Sogar nach Griechenland zu den Flüchtlingscamps habe man sie geschickt, um Geflüchtete und deren Helfer über die psychischen Herausforderungen einer Flucht zu informieren.

Kreativität gepaart mit Innovation und dem Wunsch, etwas zu verändern, ist eine erfolgreiche Kombination. GSBTB wird im Rahmen der Tagesspiegel-Aktion Gemeinsame Sache am 18. September eine große Veranstaltung in den Räumen in der Lenaustraße machen, bei der Kulturvereine ihre Arbeit vorstellen und über Möglichkeiten zum Engagement informieren. Außerdem gibt es eine Bühne unter anderem mit syrischer Musik.

Refugio, Lenaustraße 4, Berlin. Weitere Infos unter www.gsbtb.org

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