Gemeinsame Sache in Neukölln : Teilhabe durch gemeinsames Entdecken

Seit 2011 erforschen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung ihren Kiez und suchen ihre „LieblingsOrte“ – nun wird Neukölln erkundet.

Sabine Hölper
Die barrierefreien Stadtforscher: Alles wird erkundet und in einer Broschüre zusammengestellt.
Die barrierefreien Stadtforscher: Alles wird erkundet und in einer Broschüre zusammengestellt.Foto: privat

Zum Beispiel Andrea K. Sie ist von Anfang an mitgegangen – und sie ist immer noch begeistert dabei, wenn der Paritätische Wohlfahrtsverband Menschen mit und ohne Beeinträchtigung aufruft, gemeinsam durch ihren Kiez zu schlendern, sich Sehenswürdigkeiten anzusehen oder einfach nur Teil des ganz normalen Treibens in den Straßen zu sein.

Das Grüppchen kehrt in ein Café ein, wenn ein Päuschen gewünscht wird, und macht sich wieder auf zum nächsten Schloss oder in den Park um die Ecke. Die Menschen besuchen ihre „LieblingsOrte“.

Vor neun Jahren entstand die Idee zu dem Format, das Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringt, vor allem aber jenen mit einer Beeinträchtigung die Möglichkeit einräumt, am Leben in ihrem Kiez teilzuhaben. Vorausgegangen war eine Studie der „Aktion Mensch“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin und der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, die zu dem Ergebnis kam, dass Menschen mit Beeinträchtigungen oder Lernschwierigkeiten selten in Vereinen organisiert sind, seltener als andere in der Öffentlichkeit auftreten.

„Wir waren versteckt“, sagt Andrea K. Der Paritätische Wohlfahrtsverband wollte diesen Zustand nicht länger hinnehmen, sondern aktiv etwas für die Teilhabe dieser Menschen am Gemeinwesen unternehmen.

Andrea K. ist vor Kurzem 60 Jahre alt geworden. Die sympathische Frau mit der Brille erzählt voller Freude, dass fast 70 Freunde zu ihrem Geburtstag gekommen seien. So viele Gratulanten – bevor „LieblingsOrte“ ihr eine neue Perspektive gab und sie zurück ins Leben brachte, wäre das nicht denkbar gewesen.

Eine Botschafterin für eine bessere Welt

Warum war sie zuvor ein Stück weit außen vor? Weil es in ihrem Kopf ein ganz kleines bisschen anders zugeht als in den als „normal“ geltenden Köpfen. Sie hatte das Pech, dass sie als Grundschulkind vom Klettergerüst fiel. Sie erinnert sich kaum noch an den Hergang, lediglich daran, dass sie irgendwann im Krankenhaus aufwachte und die Ärzte meinten, dass sie wahrscheinlich nie wieder laufen und reden könne.

Sie irrten sich. Andrea K. läuft, sie spricht. Beides hat sie mühsam erlernen müssen. Später hat sie eine Lehre angefangen, sie ist Beikoch. Fast hätte sie es zum Koch geschafft. „Doch der Betrieb ging pleite“.

Andrea K. ist eine Art Botschafterin für eine bessere Welt geworden. Sie setzt sich dafür ein, dass Menschen mit Beeinträchtigungen nicht mehr versteckt leben müssen. Stolz präsentiert sie die Broschüre über die „LieblingsOrte“ in Pankow. Sie kennt alle Orte, die darin porträtiert werden, sie hat an zahllosen Spaziergängen teilgenommen. Und sie hat einen Wunsch: dass die Reihe „LieblingsOrte“ mehr Menschen wie ihr ein neues, besseres Lebensgefühl gibt. Das Gefühl, dazuzugehören.

Christian Peth nickt häufig mit dem Kopf, während Andrea K. erzählt. Er hat dasselbe Anliegen. Peth ist Bezirksbeauftragter beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin. Jedes Jahr steht ein anderer Bezirk im Fokus. In diesem Jahr ist es Neukölln. Mehrere Gruppen beeinträchtigter und nicht beeinträchtigter Menschen erkunden in Spaziergängen ihren Kiez.

„Das ist wahre Inklusion“

Mehrmals pro Monat treffen sie sich, schlendern über das Tempelhofer Feld oder durch die Hasenheide, immer in dem Tempo, das auch dem Langsamsten gerecht wird. „Das ist wahre Inklusion“, sagt Projektkoordinatorin Alena Kühn. „Jeder ist willkommen, mitzugehen“, sagt sie. „Nur muss ihm bewusst sein, dass wir die Bedürfnisse jedes Einzelnen achten.“ Auch die Sprache auf den alternativen Stadtführungen ist einfach – damit alle ihre Freude haben.

Ein weiteres Ziel der Erkundungen ist es, einen Kiezatlas zu erstellen mit vielen Adressen, nützlichen Infos und der Angabe, welche Orte barrierefrei sind. Zehn solcher bezirklichen Stadtführer gibt es bereits. Angefangen von Pankow, wo bereits 2011 begonnen wurde, sind Kiezatlanten für Weißensee, Treptow-Köpenick, Hellersdorf, Friedrichshain, Marzahn, Lankwitz-Lichterfelde, Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Gesundbrunnen hinzugekommen.

Alle Broschüren sind online erhältlich unter: www.paritaet-berlin.de/LieblingsOrte.

Einer der nächsten Rundgänge wird am 19. September im Rahmen der Freiwilligentage „Gemeinsame Sache“ rund um den Neuköllner Richardplatz stattfinden. Beim Spaziergang (ab 16 Uhr, jeder ist willkommen) werden auch Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) und die bezirkliche Beauftragte für Menschen mit Behinderung, Katharina Smaldino, dabei sein.

Gemeinsam gehen alle Spaziergänger im Anschluss zur Evangelischen Brüdergemeinde. Dort gibt es, so Kühn, „Kaffee, Kuchen und Schnittchen“. Doch die Rundgänge finden auch ansonsten statt, auch ohne hohen Besuch. In diesem Jahr stehen unter anderem der Reuterkiez und Britz an, im nächsten Jahr, so ist es geplant, vor allem Orte in Steglitz-Zehlendorf sowie in Reinickendorf.

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