Update

Gemeinsame Sache in Pankow : Der Duft von Luft und Erde

Auf dem Weltacker im Volkspark wurde angepackt. Beim inklusiven Spaceberg-Festival in der Kulturbrauerei wurde getanzt. Eindrücke aus Pankow.

Milena Fritzsche Vivien Krüger
Freiwillige bei der Gartenarbeit auf dem Weltacker.
Freiwillige bei der Gartenarbeit auf dem Weltacker.Foto: Vivien Krüger

Schon von Weitem sieht man den 2000 Quadratmeter großen Weltacker im Botanischen Volkspark Pankow. Es duftet nach frischer Luft und Erde. Nicht nur am heutigen Freiwilligentag, auch an allen anderen Tagen im Jahr können sich hier Engagierte bei der Gartenarbeit entspannen und der Großstadt entfliehen. Bewaffnet mit Mistgabeln und Harken sind fünf fleißige Helferinnen und Helfer gerade dabei, den Kompost umzusetzen, die Erde aufzulockern und das Areal von Unkraut zu befreien. Denn gleich soll hier Getreide gepflanzt werden. Helferin Felicitas erzählt, dass sie im Internet von der Aktion gelesen hat und kurzfristig vorbeigekommen ist.

„Da ich auf dem Dorf aufgewachsen bin und jetzt in der Stadt lebe, ist die Arbeit hier ein wunderbarer Ausgleich und Gegenpol zur Büroarbeit“. Das Besondere ist für sie, dass man sofort sehe, was man geschaffen hat. Außerdem lerne man so noch eine Menge dazu, wenn es zum Beispiel heißt, grabe mal bitte die Erde bis zum Buchweizen um - da musste ich erstmal überlegen, jetzt weiß ich, wie Buchweizen aussieht, erzählt Felicitas stolz. Sie hat sich vorgenommen, das Projekt auch längerfristig zu unterstützten. Vivien Krüger

Sommerfrische in den Workshop-Räumen

Vor meinen Augen spielt sich ein ungewöhnliches Szenario ab: 15 Freiwillige des Automobilclubs ADAC Berlin Brandenburg streichen in der Flüchtlingsunterkunft Pankow die Wände der Aufenthaltsräume. Einer davon ist der Hausaufgabenraum der rund 180 Kinder zwischen 0 und 18 Jahren, die in der Unterkunft ihr Zuhause haben. In Zukunft wird der Raum in freundlicher gelber Farbe erstrahlen und somit dem kalten Äußeren des ehemaligen Bürogebäudes entgegenwirken. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des ADAC sind dankbar, auf diese Weise ihrem Arbeitsalltag zu entfliehen und dabei sogar noch etwas Gutes zu tun. Genannt wird das Ganze: Social Day.

Träger des Projekts ist das Unionshilfswerk, das, zusammen mit dem Freiwilligenvermittlungsportal Vostel, das leistet, was die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Unterkunft im überfüllten und stressigen Alltag nicht leisten können. Ab 17 Uhr werden die Freiwilligen von den Bewohnern und Bewohnerinnen der Unterkunft mit typisch arabischem Essen beköstigt - als Dankeschön für ihre Hilfe. Vivien Krüger

Freiwillige des ADAC Berlin Brandenburg beim Streichen der Wänder der Flüchtlingsunterkunft Pankow.
Freiwillige des ADAC Berlin Brandenburg beim Streichen der Wänder der Flüchtlingsunterkunft Pankow.Foto: Vivien Krüger

Etwas Warmes in der Suppenküche

 “Hier riecht es so gut nach Kuchen”, stellt Jürgen begeistert fest, der eigentlich Suppen erwartet hatte. Tatsächlich gibt es im Pankower Franziskanerkloster an der Wollankstraße neben Möhren- und Bohnensuppe am Dienstagmittag auch Waffeln und Obstsalat.

Jürgen kommt fast täglich in die Suppenküche. Das bedeutet für ihn eine halbe Stunde Anfahrt mit dem Bus. “Aber die Rente reicht gerade für die Miete, ich bin froh, dass ich hier etwas zu Essen bekomme”, sagt er.

Dass es an diesem Dienstag auch Nachtisch gibt, verdankt Jürgen Lisa und ihren zehn Kollegen vom Pharmaunternehmen Pfizer. Lisa pinselt schnell das Waffeleisen ein und schöpft mit der Kelle den Teig, den sie zuvor zu Hause zubereitet hatte. “Ich helfe hier gerne mit”, sagt sie, denn “das erweitert den eigenen Horizont.” Ihre Mitstreiter zerteilen Melone, schneiden Pfirsiche und pudern die fertigen Waffeln. Die Dankbarkeit der Menschen kann Lisa dabei sofort spüren. Einer, der sich als Martin vorstellt, sagt zum Dank vor dem Pfizer-Team ein Gedicht zur Überwindung von Grenzen auf. Sie mögen “das Gute im Menschen suchen”, trägt auch Leiter Bernd Backhaus in einer kurzen Predigt allen Gästen auf. Die warten schon in einer langen Schlange ungeduldig auf das Essen. Milena Fritzsche

Suppe, Waffeln und Obst. Heute wurde jeder satt.
Suppe, Waffeln und Obst. Heute wurde jeder satt.Foto: Milena Fritzsche

Putzaktion in der Notübernachtung

Die Probleme der Welt, sagt Ann Brügmann, “sie spiegeln sich hier bei uns in der Notunterkunft wider.” Der Strassenfeger e.V. betreibt an der Storkower Straße die einzige Notübernachtung für obdachlose Menschen in Pankow, die das ganze Jahr geöffnet hat. “Im Winter, wenn ihnen selbst kalt ist, denken die Menschen an die Obdachlosen”, weiß Brügmann, die seit vier Jahren in der Unterkunft arbeitet. Dabei wäre gerade auch im Sommer Hilfe wichtig: “Die Probleme sind dann ja nicht weg, es sind nur andere.” Neulich in ihrer Spätschicht musste Brügmann 30 Menschen abweisen, weil bereits alle Betten belegt waren. “Das tut weh”, sagt sie. Zumal sie weiß, wie gefährlich das Leben auf der Straße sein kann. “Unsere Gäste berichten regelmäßig, dass sie zusammengeschlagen worden sind.”

 Eine, die nicht nur im Winter an obdachlose Menschen denkt, ist Bärbel. Sie kümmert sich ehrenamtlich um die Kleiderkammer der Notübernachtung. An diesem Donnerstag ist sie mit Eimer unterm Arm und Putzlappen in der Hand unterwegs, um die Spinde in den Übernachtungszimmern und die Regale im Aufenthaltsraum sauber zu machen. “Ich freue mich, dass ich hier gebraucht werde”, sagt die 63-Jährige. Die Kleiderkammer, sagt sie, sei übrigens immer auf Spenden von Kleidung und Schlafsäcken angewiesen - nicht nur im Winter.

Milena Fritzsche

Putzaktion in der Notübernachtung für obdachlose Menschen.
Putzaktion in der Notübernachtung für obdachlose Menschen.Foto: Strassenfeger e.V.

 

Tolerant und verrückt

Im Kesselhaus der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg findet beim Aktionstag Gemeinsamen Sache am heutigen Samstag eine Party der besonderen Art statt. Bei der Spaceberg gehe es darum, „gemeinsam zu feiern, weil Musik verbindet“, sagt Nicole Hotzel von der Lebenshilfe e.V.

Zusammen mit der inklusiven Partyreihe Spaceship im Mensch Meier Club hat man hier ein großes, vielseitiges und inklusives Event mit Rock- und Technomusik geschaffen. Menschen mit Behinderung, aber auch Menschen ohne Behinderung können den Acts von Künstlern wie Graf Fidi und Hausmeister beiwohnen und sich zwischendurch weltraummäßig schminken und verkleiden lassen. Es verspricht, ein außergewöhnlicher, toleranter und definitiv verrückter Abend zu werden. Niklas Liebetrau

Spacebemalung beim inklusiven Spacebergfestival im Kesselhaus in Prenzlauer Berg.
Spacebemalung beim inklusiven Spacebergfestival im Kesselhaus in Prenzlauer Berg.Foto: Niklas Liebetrau

Nachhaltiger Debattenbrunch im Kiezladen

Die Lasagne, den Obstsalat und den Apfelstrudel, den Philipp und seine Mitstreiter von der Foodsharing-Gemeinschaft Pankow im Kiezladen an der Dunckerstraße auftischen, hätte es eigentlich gar nicht geben dürfen - alle verwendeten Zutaten waren bereits für den Müll bestimmt. „Wir machen das aus Überzeugung“, sagt Philipp. Dabei ist dem 31-Jährigen bewusst, dass „wir damit das Problem der Lebensmittelverschwendung nicht lösen“.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Trotzdem fährt er bis zu zehnmal in der Woche mit dem Fahrrad und einem Rucksack, der 140 Liter fasst, zu Berliner Betrieben, die ihre für den Müll bestimmten Waren kostenlos zur Verfügung stellen.

Zum Brunch ist auch Astrid gekommen. Sie hat zwei Kinder und arbeitet - „für Foodsharing im Alltag fehlt mir einfach die Zeit“. Das erfordere mehr Flexibilität. Doch im Kiezladen isst sie Salat und Joghurt, der schon das Verfallsdatum überschritten hat. „Die Sachen sind hier teilweise besser als im Supermarkt und vor allem mit viel Liebe zubereitet“, sagt Astrid und verschwindet, um ihr Geschirr zu waschen. Milena Fritzsche

Freiwillige beim Debattenbrunch im Kiezladen in Berlin-Pankow.
Freiwillige beim Debattenbrunch im Kiezladen in Berlin-Pankow.Foto: Milena Fritzsche

Yoga und Kräuterkunde im Bürgerpark

Die Sonne scheint auf die ausgerollten Yoga-Matten und nur die Flugzeuge stören ab und an diesen ruhigen Sonntagmorgen im Bürgerpark. Mit ihrer Yoga-Stunde unter freiem Himmel will Heike Armonat „die Community zusammenbringen“ und sie für die Verschönerung des Parks begeistern.

Während die einen an diesem Freiwilligentag noch ihre innere Mitte suchen, sind Marianne Glaser und Ines Kempe vom „Bürgerpark Verein Pankow e.V.“ bereits zwischen Pfennigkraut und Minze in den Beeten an der Arbeit. „Je schöner es hier ist, desto weniger wird der Park verschmutzt“, ist sich Kempe sicher, während sie die Harke tief in die Erde schiebt. „Wir sind sehr froh, dass unsere Beete bislang von Vandalismus verschont geblieben sind“, zeigen sich Glaser und Kempe erfreut. Milena Fritzsche

Yoga-Teilnehmerinnen und -teilnehmer im Bürgerpark in Pankow.
Yoga-Teilnehmerinnen und -teilnehmer im Bürgerpark in Pankow.Foto: Milena Fritzsche

Kiezfrühstück bei der Volkssolidarität

Gemütlich ist es im Stadtteiltreff Kissingenviertel. Etwa 20 Senioren sitzen am Freitag beim „Gemeinsame Sache“-Aktionstag an einem großen Frühstückstisch, plaudern und freuen sich über das Zusammenkommen.

„Wir kämpfen gegen die Vereinsamung der vielen alten Menschen hier im Kiez“, sagt Carmen Probst, die Projektleiterin. So veranstalten sie Lesungen, Modenschauen, manchmal eine Cocktailparty.

Oder eben ein Frühstück, wie heute. „Jetzt zeigen wir euch mal, was alte Menschen noch alles so drauf haben“, ruft ein Mitglied des achtköpfigen Chors, der mit Liedern wie „Auf der Lüneburger Heide“ für Unterhaltung sorgt. Und dann singen alle mit. Zumindest für diese paar Stunden ist niemand hier allein. Niklas Liebetrau

Gemeinsames Singen beim Kiezfrühstück in Pankow.
Gemeinsames Singen beim Kiezfrühstück in Pankow.Foto: Niklas Liebetrau
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar