Gemeinsame Sache in Pankow : Welternährung in Miniatur erklärt

Das Projekt „Weltacker“ macht vor, wie die Erdbevölkerung satt werden könnte – 2000 Quadratmeter pro Kopf reichen.

Sabine Hölper
Das Projekt zeigt, wie viel angebaut werden muss, um genügend Rohstoffe zu erzeugen – für die Ernährung, aber auch für Energie und Transport.
Das Projekt zeigt, wie viel angebaut werden muss, um genügend Rohstoffe zu erzeugen – für die Ernährung, aber auch für Energie und...Foto: privat

Rechnerisch stehen jedem und jeder der 7,5 Milliarden auf der Erde lebenden Menschen 2 000 Quadratmeter Ackerland zur Verfügung. Alles, was wir an Lebensmitteln zu uns nehmen und nicht aus dem Meer, aus dem Wald oder von der Weide stammt, muss auf diesen 2 000 Quadratmetern wachsen.

Um dies anschaulich zu machen, hat die Zukunftsstiftung Landwirtschaft im Botanischen Volkspark Pankow-Blankenfelde das Bildungsprojekt „2000 m² Weltacker“ realisiert. „Der Weltacker schafft ein Bewusstsein dafür, dass jede Mahlzeit, aber auch jedes T-Shirt, jeder Liter Biosprit seinen Ursprung auf einem Acker hat“, sagt Benedikt Haerlin, Leiter des Berliner Büros der Stiftung.

Der Volkspark im Norden Pankows war schon immer einen Besuch wert. Das Gelände des einst größten Berliner Schulgartens bietet auf einer Fläche von 34 Hektar und umgeben von naturbelassenen Wäldern und Wiesen denkmalgeschützte Bau- und Gartenkunst aus dem frühen 20. Jahrhundert. Mehr als 100 Jahre nach seiner Eröffnung ist dies immer noch ein Lernpark und Ort des Gärtnerns für alle Berliner.

Seit dem letzten Jahr beheimatet der Volkspark auch den Weltacker. Zuvor war dieser zwei Jahre lang auf dem IGA-Gelände angesiedelt. Gestartet ist er 2015 in Gatow.

„Es gibt mehr als genug“

Der Weltacker soll die Besucher für die globalen Strukturen der Welternährung sensibilisieren. So lernt man, und das ist die gute Nachricht, dass auf den 2 000 Quadratmetern Ackerfläche pro Erdenbürger mehr wächst, als der zu sich nehmen kann. Die Welternährungsorganisation FAS hat hochgerechnet, dass die Kalorien, die dort produziert werden, sogar ausreichen, um zwölf Milliarden Menschen zu ernähren. „Es gibt mehr als genug“, fasst Haerlin zusammen.

Dass Menschen hungern, hat also andere Gründe, etwa weil Krieg herrscht. Dazu kommt die Gier des Westens: Ein EU-Bürger verbraucht im Schnitt 2 700 Quadratmeter Ackerfläche. Die Gründe dafür sind unter anderem, dass wir ein Drittel aller Agrarprodukte wegwerfen oder verderben lassen. Mehr als ein weiteres Drittel verfüttern wir an Tiere. Des Weiteren geht ein immer größerer Teil der Ernte für Sprit und Strom drauf.

Auf dem Weltacker kann man all das in einem einstündigen Rundgang gut erfassen. Gerade führt eine Mitarbeiterin interessierte Seniorinnen übers Gelände. Eine weitere Gruppe von Kindern im Grundschulalter dreht ihre Runde. Für Städter ist der Garten an sich schon ein Aha-Erlebnis. Sie sehen, zwischen Blumen in allen Farben, knallrote Tomaten, fast reife Kürbisse und Bohnen, die noch ein bisschen Sonne brauchen, bis sie geerntet werden können.

Sie sehen heimische Pflanzen wie Weizen, Gerste oder Mais, Gurken, Erbsen oder Kohl. Sie sehen aber auch das, was die Europäer aus anderen Ländern importieren, etwa Zuckerrohr, Soja, Kaffee oder Kakao.

Vor allem aber begreifen sie die Zusammenhänge zwischen dem, was auf dem Acker heranwächst, und dem, was später auf den Teller kommt. Dafür ragen kleine Täfelchen aus der Erde, auf denen etwa ein Brötchen, ein gemischter Salat oder ein Teller Spaghetti Bolognese abgebildet ist. Dahinter wächst genau die Erntemenge, die dafür gebraucht wird. Bei dem Pastagericht sind das nicht nur Getreide und Tomaten, sondern auch Futterpflanzen für das Rind oder das Schwein, das für die Bolognese-Sauce nötig ist.

Vorbeikommen und mitmachen

Staunen und lernen kann man hier, außerdem: Gutes tun. Wer mitmachen will, sollte am 19. September vorbeikommen. Dann können Interessierte bei Gartenarbeiten helfen. „Wir setzen den Kompost um und ernten Saatgut“, sagt Gärtner Gerd Carlsson. Die Aktion am 19. September ist Teil der vom Tagesspiegel und vom Paritätischen Wohlfahrtsverband initiierten Aktionstage „Gemeinsame Sache – Berliner Freiwilligentage“, die zwischen dem 13. und 22. September stattfinden: Berliner Bürger, Unternehmen und Organisationen engagieren sich. Sie sammeln Müll, betreuen Kinder oder zupfen Unkraut. Im vergangenen Jahr haben sich mehr als 250 Initiativen aus der ganzen Stadt beteiligt.

In Pankow-Blankenfelde setzen sich die Helfer für das Bildungsprojekt Weltacker ein. „Alles, was hier wächst, ist Bio“, sagt Carlsson. „Es gibt nichts Hybrides. Auf dem Weltacker wird die schönste Ernte wiederverwendet.“ Die Freiwilligen können sich daran beteiligen, können Blumen, Kräuter oder Mais abpflücken. Der Mais muss im Übrigen aufgehängt werden und etwa zwei Monate lang trocknen, bis die Körner vom Kolben abgemacht und später wieder in die Erde eingesetzt werden können.

Hilfe wird darüber hinaus beim Umsetzen des Komposthaufens gebraucht. Die Verlagerung ist nötig, weil man dabei, erklärt Carlsson, „das Oberste zuunterst kehrt, den Kompost also gut durchmischt“. So bringe man die Mikroorganismen am besten dazu, die Abfälle in guten Boden umzuwandeln.

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Der Gärtner gibt den mit Mistgabeln ausgestatteten Mitmachenden gerne weitere Tipps zum Kompostieren. Zum Beispiel, dass man den Haufen nicht zu hoch aufschichten darf, da er sich sonst auf über 40 Grad erwärmen könnte. Genau das passiert schnell – und war früher häufig der Grund, warum Scheunen abgebrannt sind.

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