"Wenn sich dieses Jahr nichts ändert, bin ich weg"

Seite 2 von 2
Gentrifizierung in Berlin-Wedding : "Der Wedding ist noch unterentwickelt"
Kreativität fürs Leben: Annegret Richter und Anna Niestroj (r.) vom Weddinger "Ghettogether" in der Eingangstür des "BlinkBlink" in der Gerichtstraße.
Kreativität fürs Leben: Annegret Richter und Anna Niestroj (r.) vom Weddinger "Ghettogether" in der Eingangstür des "BlinkBlink"...Foto: Thilo Rückeis

Die Gentrifizierung ist also schon hier, nur ohne die Leute?

ANNA NIESTROJ: Ja, die Investoren denken, das ist hier schon ein Bienenstock voller kreativer junger Leute. Aber das ist nicht so. Dieses Jahr habe ich für mich als Deadline festgelegt – kommt eine spürbare Veränderung, ja oder nein. Wenn nicht, dann bin ich weg.

Klingt nach Desillusionierung.

ANNA NIESTROJ: Naja, schon ein bisschen. Ich denke mir: Was bringt es, dass ich immer wieder Leute herbringe, aus Kreuzberg, Neukölln, aber die fahren dann wieder nach Hause. Es gibt hier keine Ausweichorte.

ANNEGRET RICHTER: Ach, ich glaube, du bleibst hier. Wenn das Ghettogether erst mal richtig in Fahrt kommt... (lacht)

„Ghettogether“ – so ganz ohne die Wedding-Klischees kommt ihr dann aber auch nicht aus.

ANNEGRET RICHTER: Das gehört aber auch dazu. Der Wedding ist eben der Wedding.

ANNA NIESTROJ: Das ist eben diese Ironie. Die eignet man sich hier an. Ich habe mich dran gewöhnt, dass in der Schlange bei Netto der Mensch vor mir und der Mensch hinter mir eine Fahne hat. Die Menschen hier sind halt kaputter als in Charlottenburg. Man versucht eben, das Beste draus zu machen.

ANNEGRET RICHTER: Es hat trotzdem seinen Charme. Ich finde, man muss aus dem Wedding nichts machen, was er nicht ist.

Andererseits wollt ihr es aber dann doch: ihn verändern. Denn so wie er jetzt ist, gefällt er euch ja auch nicht.

ANNA NIESTROJ: Mein Laden geht eben zur Straße raus. In den Hinterhöfen hier nebenan kriegt man das sicher gar nicht so mit. Oder die Leute in den Ateliers im Stattbad, denen kann das vielleicht auch eher egal sein. Die können das cooler sehen, in so einem Ghetto zu arbeiten.

Wie sollte es eurer Meinung nach in zehn Jahren hier aussehen?

ANNA NIESTROJ: Meinetwegen darf es so aussehen wie jetzt. Es soll nur mehr vermischt sein. Unfair finde ich, wenn Leute hier hinkommen und sagen: Boah, wie hässlich. Aber anderswo ist es doch genauso hässlich! Berlin ist einfach keine schöne Stadt. Aber das ist in den Köpfen drin. Das „Normalvolk“ braucht, glaube ich, einen Erkenntnispunkt, an dem sich das Meinungsbild verändern kann. Den wollen wir erreichen.

Ihr nehmt also diese Rolle als Avantgarde bewusst an?

ANNA NIESTROJ: Ja. Wenn wir eine Plattform machen, die dem ästhetischen Hip-Berlin entspricht, können wir eine Zugkraft entwickeln, die es bisher nicht gibt. Beim Kulturfestival haben wir hier bei BlinkBlink eine Beauty-Bang-Party gemacht. Man konnte sich die Haare machen lassen, die Nägel und Tattoos. Selbst die kleinen Jungs von Gegenüber waren hier und haben sich die Nägel lackiert.

Ihr kommt nicht aus Berlin, aber ihr lebt beide hier. Wo genau ist eure Heimat?

ANNEGRET RICHTER: Schwer zu sagen. Ich denke: hier. Wedding.

ANNA NIESTROJ: Ich fühle mich zum ersten Mal in meinem Leben einem Ort heimatlich verbunden. Wir sind als Kinder emigriert, dann umgezogen, ich war in Hamburg, in der Schweiz, den Stadtteil kenne ich jetzt seit zehn Jahren. Meine Geschwister sind hier. In Kreuzberg fühle ich mich wie ein Tourist.

Der "BlinkBlink"-Blog

Webseite von Annegret Richter
Dieser Artikel erscheint im Wedding-Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

Autor

19 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben