• Gespräch mit dem Team von „Benching Berlin“.: „Wir wollen Berlin mit Bänken erobern“

Gespräch mit dem Team von „Benching Berlin“. : „Wir wollen Berlin mit Bänken erobern“

Mal auf einem schönen gemütlichen Ruheplatz entspannen? Bella und Benjamin bauen selbst Bänke. Sie stellen ihre Werke am Landwehrkanal auf.

Die Banker von Kreuzberg. Bella und Benjamin laden alle Berliner zum Ausruhen auf ihren selbstgebauten Bänken ein.
Die Banker von Kreuzberg. Bella und Benjamin laden alle Berliner zum Ausruhen auf ihren selbstgebauten Bänken ein.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Am Ufer des Landwehrkanals in Kreuzberg und Neukölln stehen seit März verschiedene Holzbänke: direkt am Wasser oder auf Brücken. Aufgestellt hat sie das Team „Benching Berlin“, das unter den Pseudonymen „Bella“ und „Benjamin“ arbeitet. Treffpunkt für das Interview ist eine neu aufgestellte Bank auf einem Brückensockel bei der Wagenburg Lohmühle.

Sie stellen in Neukölln und Kreuzberg selbst gebaute Sitzmöbel auf – gibt es nicht schon genug Bänke?

Bella: Schon, aber oft werden sie nicht genutzt, zum Beispiel die merkwürdigen Würfel bei der Lohmühlenbrücke. Da sitzt nie jemand, die sind ungemütlich.

Und wie unterscheiden sich Ihre Bänke von der klassischen Parkbank?

Bella: Die Bank auf der anderen Uferseite zum Beispiel steht neben einer Mülltonne, da gibt es im Sommer viele Wespen. Außerdem sitzt man total exponiert am Fußgängerweg. Bei uns sind die Bänke versteckter und oft direkt am Wasser – so werden sie zu Rückzugsorten.

Benjamin: Ein weiterer Unterschied ist, dass wir die Möbel bevorzugt aus recycelten Materialien bauen, die wir auf der Straße finden. Falls wir keine Zeit haben, dieses Holz aufzuarbeiten, produzieren wir die Bänke möglichst zeit- und kostensparend. Das Modell, auf dem wir gerade sitzen, eignet sich gut zum Nachbauen. Mit einfachen Latten vom Baumarkt dauert das keine Stunde. Wer Lust und Zeit hat, kann übrigens gerne mitbauen.

Wie können sich Interessierte bei Ihnen melden?

Bella: Die meisten melden sich über unseren Instagram-Account. Da poste ich oft Fotos von neuen oder besetzen Bänken, natürlich mit dem Einverständnis der Leute. Da gab es schon tolle Situationen: Menschen, die auf der Bank mit Girlanden und Kuchen Geburtstag feiern.

Benjamin: Zum Vernetzen ist Instagram auch toll: Eine Urban Gardening-Gruppe aus Manchester schrieb, dass sie von uns inspiriert ihre eigenen Bänke bauen.

Ihr möchtet in der Zeitung nicht mit euren richtigen Namen genannt werden, wieso?

Benjamin: Wir wollen nicht im Vordergrund stehen, unser Ansatz ist ein straßenkünstlerischer. So sind die neuen Bank-Spots geheim, sie müssen erst entdeckt werden. Benching Berlin will zeigen, dass es in der Stadt schöne, aber ungenutzte öffentliche Orte gibt. Natürlich setzen sich die Leute ans Ufer, aber eigentlich ist alles eingezäunt und nur für die Schifffahrt vorgesehen. Es gehört nicht zum Konzept, dass sich Leute dort erholen können. Mit den Bänken laden wir sie regelrecht zum Hinsetzen ein. Das Projekt ist also ein Vorstoß in den öffentlichen und politischen Raum hinein. Eine Gehnehmigung haben wir dafür zwar nicht, bisher gab es aber auch keine Beschwerden.

Bella: Ähnlich wie beim Guerilla Gardening erobern wir die Orte – nur eben nicht mit Pflanzen, sondern mit Bänken. Wir achten dabei immer darauf, dass sie keine Spaziergänger behindern und sich gut in die Umgebung einfügen.

Beschäftigen Sie sich auch beruflich mit der Gestaltung des öffentlichen Raums?

Benjamin: Überhaupt nicht. Bella arbeitet im Leitungswasser- und ich im Klimaschutzbereich.

Wie viele Bänke stehen schon?

Bella: Gerade etwa zehn. Sie stehen am Landwehrkanal und am Kiehlufer, aber auch Richtung S-Bahn Neukölln bis hoch zum Körnerkiez sind sie zu finden. Aufgrund von Anfragen stehen demnächst bestimmt bald Bänke im Wedding.

Benjamin: Grade fangen wir an, manche Bänke mit Kette und Schloss zu sichern. Vier wurden schon geklaut oder abgebaut.

Seid Ihr dann sauer?

Bella: Bei einer sehr schönen Bank, die nach einer Woche geklaut wurde, waren wir sehr traurig. Sie stand auf einem Fußballplatz und war eigentlich für die Kinder im Kiez gedacht. Andererseits war das vorhersehbar und Teil des Prozesses. Es gibt aber auch den umgekehrten Effekt: Dass Leute auf die Bänke aufpassen.

Wie zeigt sich das?

Benjamin: Wir gehen die Bänke regelmäßig ab, manchmal müssen wir Schrauben nachziehen. Als wir am Elsensteg anfingen zu schrauben, fragten g Leute: ,Was macht ihr da?’ Wir beruhigten sie und erklären, dass wir die Bänke nur warten.

Bella: Auch eine ältere Dame am Kranoldplatz befürchtete, wir würden die Bank abbauen. Sie erzählte uns, dass ihr der Weg vom Aldi nach Hause zu weit ist. Auf der Bank würde sie immer Kaffeepäuschen machen.

Haben Sie eine Lieblingsbank?

Benjamin: Meine ist bei der Herthabrücke. Die ist zwischen zwei Brückenpfeilern und man kann direkt auf die S-Bahngleise schauen.

Bella: Ja, die wird nicht nur von Leuten in unserem Alter genutzt: Großeltern essen mit ihren Enkeln Eis oder die Neuköllner Jugend genießt den Ausblick. Meine Lieblingsbank ist am Kiehlufer und die Schaukel mag ich auch.

Wie soll sich euer Projekt weiterentwickeln?

Bella: Wir wollen die Bänke berlinweit streuen. Der Fokus auf den Landwehrkanal hat sich anfangs so ergeben, da uns das direkt vor der Haustür weniger Zeit kostet.

Benjamin: Wenn noch mehr Menschen mitmachen, wird es Benching Berlin bestimmt auch bald in anderen Städten geben. Ein aktuelles Anliegen: Zur Zeit bezahlen wir die nicht upgecycelten Materialien aus eigener Tasche. Deswegen freuen wir uns total über Holzspenden.

Das Gespräch führte Corinna von Bodisco. Weitere Infos im Netz gibt’s unter: www.instagram.com/benchingberlin

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