Gespräch zur Landtagswahl : "Wir Hessen fallen in Berlin gar nicht auf"

Der Journalist Sebastian Christ kommt aus einer hessischen Kleinstadt und lebt seit 2008 in der Hauptstadt. Was er zur Wahl sagt und wo er hier gern einkauft.

Landsleute. Die Skulptur „WIR“ von Stephan Guber im Garten der Hessischen Landesvertretung.
Landsleute. Die Skulptur „WIR“ von Stephan Guber im Garten der Hessischen Landesvertretung.Foto: Lars von Törne

Herr Christ, schauen Sie am Sonntag nach Nürnberg zum Auswärtsspiel der Eintracht oder zur Wahl nach Wiesbaden?

Wenn die Eintracht spielt, bin ich im Herzen bereits seit meinem ersten Spiel 1988 voll dabei, aber natürlich werde ich die Wahl abends live verfolgen.

Hertha oder Union konnten Sie nicht begeistern?

Nein, ich habe es wirklich versucht, aber das wird wohl nichts mehr. Mit dem Fußballverein habe ich ein Stück Heimat in die Ferne mitgenommen.

Wie sieht es sonst mit der Integration aus?

Ich fühle mich in Berlin sehr wohl und integriert. Als Hesse außerhalb Hessens gibt man sich nicht so demonstrativ zu erkennen – wir haben ja keine großen Volksfeste oder Trachten. Dass die Durchmischung enorm hoch ist, liegt aber auch am Charakter Berlins. Hier leben ja nur 30 Prozent, die auch wirklich hier geboren wurden. Wir Hessen fallen da gar nicht auf. Als ich in Bayern wohnte, fühlte ich mich mehr als Hesse.

Sie stammen aus einer Kleinstadt in Nordhessen. Wie unterscheiden die sich von den Südhessen?

Schon historisch betrachtet sind das unterschiedliche Kulturkreise. Es gibt einen anderen Dialekt und wir trinken auch keinen Apfelwein. Nord- und Südhessen sind ein bisschen in freundschaftlicher Rivalität verbunden wie Baden und Württemberg. Generell gilt, was der frühere SPD-Ministerpräsident Georg August Zinn mal sagte: „Hesse ist, wer Hesse sein will.“ Wir waren schon immer weltoffen.

Angesichts der letzten Umfragen hat man das Gefühl, dass Berlin die Hessenwahl bestimmt.

Das Ergebnis in Hessen wird erneut etwas über den Zustand der Großen Koalition, aber auch der Grünen im Bund sagen. Hessen war schon immer ein politisches Labor und konnte für den Bund richtungsentscheidend sein. Dass die beiden großen Parteien selbst in Hessen zusammen unter 50 Prozent bleiben, ist schon sehr eindrücklich. Wir haben aber auch landespolitische Themen, gerade bei Verkehr und Bildung.

Ministerpräsidenten von drei Parteien sind denkbar. Wagen Sie eine Prognose?

Es wird eng, aber ich glaube, es wird nicht mehr für Schwarz-Grün reichen. Dann müssen wir sehen, ob ein Jamaika-Bündnis möglich ist. Eine Ampel hat die FDP ja ausgeschlossen. Dass es zu einem Bündnis zwischen SPD, Grünen und Linken kommt, bezweifle ich angesichts des Ypsilanti-Traumas in der SPD.

Jetzt haben Sie doch Dialekt gesprochen.

Ich möchte mein Hessen-Dasein auch nicht verstecken. Auf dem Kollwitzplatz-Markt kaufe ich regelmäßig alle sieben Kräuter für Grüne Soße und in Mitte habe ich einen Hipster-Laden gefunden, der Ahle Worscht verkauft. Die kann ich den Berlinern nur empfehlen!

Der Journalist Sebastian Christ ist gebürtiger Hesse und wohnt seit 2008 in Berlin.
Der Journalist Sebastian Christ ist gebürtiger Hesse und wohnt seit 2008 in Berlin.Foto: Privat

Sebastian Christ kommt aus der nordhessischen Kleinstadt Frankenberg an der Eder und wohnt seit 2008 in Berlin. Er arbeitet als Parlamentskorrespondent für die Huffington Post.

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