• Gestohlene Krebsmedikamente: „Ministerin Golze hätte schon längst abtreten müssen“

Gestohlene Krebsmedikamente : „Ministerin Golze hätte schon längst abtreten müssen“

Christine Färber ist Gesundheitsexpertin, war im Brandenburger SPD-Landesvorstand. Und kämpft selbst gegen den Krebs. Wie sieht sie den Pharmaskandal?

In der Kritik. Brandenburgs Sozialministerin Diana Golze (Linke).
In der Kritik. Brandenburgs Sozialministerin Diana Golze (Linke).Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Frau Färber, was löst der Skandal um gestohlene und womöglich unwirksame Krebsmedikamente bei Ihnen aus?

Ich habe mich furchtbar erschrocken, meine Ärztin konsultiert. Da geht es mir sicher wie vielen Betroffenen. Das ist die eine Ebene, die andere: Als Fachfrau bin ich explodiert.

Erklären Sie das bitte.

Ich bin Gesundheitswissenschaftlerin und Politikwissenschaftlerin. Als Hochschulprofessorin befasse ich mich auch damit, wie Gesundheitspolitik die Gesundheit der Bevölkerung sicherstellen kann. Es war für mich unvorstellbar, dass so etwas in Deutschland möglich ist.

Sie kämpfen selbst gegen den Krebs?

Ja, ich bin Krebspatientin. Der Krebs, an dem ich erkrankt bin, hat gute Heilungschancen. Jede achte Frau erkrankt an Brustkrebs. Bei dem gibt es wenigstens das große Glück, dass 87 Prozent der Frauen, die ihn bekommen, die nächsten fünf Jahre überleben – wenn die Medikamente wirken. Nur dann. Auch mein Leben hängt ab von solchen Medikamenten.

In den vergangenen drei Wochen flog auf, dass gestohlene Krebsmedikamente aus Griechenland, aus Italien über die Brandenburger Firma Lunapharm in elf deutsche Bundesländer vertrieben wurden. Und dass die Gesundheitsaufsicht des Landes unter Gesundheitsministerin Diana Golze selbst dann noch lange untätig blieb, als es ein offizielles Amtshilfeersuchen aus Griechenland gab und der Staatsanwalt ermittelte. Was geht bei solchen Nachrichten in jemandem vor, der auf solche Mittel angewiesen ist?

Das kann sich niemand vorstellen, der nicht selbst betroffen ist. Krebs bekommt man ohne eigenes Verschulden. Es kann jeden erwischen. Es werden auch immer mehr Menschen, weil die Gesellschaft altert, wir einen ungesunden Lebensstil pflegen. Wen es trifft, der fühlt sich ausgeliefert. Es ist ein furchtbares Gefühl der Hilflosigkeit da. Man ist komplett abhängig von diesem System, den Ärzten, Krankenhäusern, Medikamenten. Man überlebt nur, wenn dieses System funktioniert. Plötzlich ist dieses Grundvertrauen erschüttert. Das ist die eigentliche Dimension dieses Mega-Skandals. Das hat eine ethische Dimension.

Und wie bewerten Sie das, was bislang über die Rolle der Brandenburger Aufsichtsbehörden bekannt ist, aus fachlicher Sicht?

Das alles kann nicht wahr sein. Unser System ist an sich ein gutes, ein solidarisches Gesundheitssystem. Jeder, der an Krebs erkrankt, bekommt alle notwendigen Mittel, die ja superteuer sind. Das ist anders als in vielen Ländern. Dieses System wurde am wundesten Punkt ausgehebelt, und zwar auch, weil in Brandenburg eine Ministerin ihren Laden nicht im Griff hat.

Und niemand wird mehr klären können, ob die inzwischen verabreichten Krebsmedikamente wirksam waren oder nicht …

… in dem Moment, wo die Kühlkette unterbrochen worden ist, wirkt das Zeug nicht mehr. Aber: Die Nebenwirkungen behalten diese Medikamente alle. Als Betroffene sage ich ganz klar: Wenn ein Ministerium dafür mitverantwortlich ist, dass Krebspatienten Medikamente bekommen haben, die nicht wirken, dann ist das Beihilfe zum Mord oder mindestens zur schweren Körperverletzung.

Sie sehen eine solche Mitverantwortung?

Ja, das Zeug ist schließlich über Brandenburg nach Deutschland gekommen. Ein Ministerium ist dafür da, seine Behörden streng zu kontrollieren. Und diese Behörden sind dazu da, die Händler streng zu kontrollieren. In Deutschland ist das Ländersache. Da darf Brandenburg nicht im Provinziellen versinken. Stattdessen ist dilettiert worden, da wird dilettiert, dass es einen graust.

Christine Färber hat 1999 an der FU Berlin promoviert, ist seit 2006 Professorin für empirische Sozialforschung an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.
Christine Färber hat 1999 an der FU Berlin promoviert, ist seit 2006 Professorin für empirische Sozialforschung an der Hochschule...Foto: Privat

Worauf stützen Sie Ihr Urteil?

Auf die bereits bekannten Fakten. Und darauf, dass ich dieses Ministerium seit seinen Anfängen kenne …

…Sie sind politisch in der Brandenburger SPD aktiv, waren viele Jahre Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF), zwei Mal 2010 und 2012 gewähltes Mitglied im SPD-Landesvorstand … .

… und als Frauenpolitikerin hatte ich oft mit diesem Ministerium zu tun, das von Regine Hildebrandt geprägt wurde. Sie ist an Krebs gestorben, was jeder in Brandenburg weiß. Ein Ministerium, das einmal von solch einer großen Persönlichkeit geführt wurde, hat auch eine ganz besondere Verantwortung.

Ministerin Golze, die Staatssekretärin und selbst der Präsident des Landesamtes sind nicht von der Fachebene über die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Lunapharm und das Amtshilfeersuchen Griechenlands informiert worden. Was denken Sie, warum das unterblieb?

Das hängt damit zusammen, wie eine Ministerin führt, wie man seine Leute kontrolliert, wie ein Haus organisiert ist. Eine Ministerin ist dafür da, dass die Informationen, die wichtig sind, auch bei ihr ankommen. Das hat sie sicherzustellen. Über die Abteilungsleitungen, Zentralabteilung, Gesundheitsabteilung und über die Spitze des Landesamtes, das Rechenschaft abzulegen hat. Dieses Landesamt gilt doch schon lange als sehr schwierig, weil es zu autonom handelt und zu wenig Kontrollkompetenz ausübt.

Wird aus Ihrer Sicht der Skandal richtig aufgearbeitet und aufgeklärt?

Ich halte Herrn Woidke für einen Regierungschef, der integer ist, konsequent mit diesem Skandal umgehen will. Bei der Ministerin habe ich Zweifel.

Woher rühren die?

Aus ihrem Umgang damit. Ich habe nicht gehört, dass Frau Golze die Verantwortlichkeit im eigenen Ressort infrage stellt, das Rapportsystem mit dem Landesamt, die Art, wie sie selbst das Haus organisiert oder desorganisiert hat. Wenn es keine klaren Verantwortlichkeiten gibt, muss sich keiner wundern, dass Hinweise auf den Skandal ignoriert wurden. Wie will so jemand aufklären und aufräumen?

Hätten Sie sich auch mehr Empathie gegenüber Betroffenen gewünscht?

Das Mindeste wäre eine Entschuldigung gewesen, und zwar eine schnelle, klare und glaubwürdige.

Frau Golze hat sich entschuldigt.

Aber wie denn? Und wann? Noch einmal: Sie ist eine Nachfolgerin von Regine Hildebrandt. Regine Hildebrandt ist an Krebs gestorben. Wir haben hier einen europaweiten Skandal. Diese Frau versteht nicht, um welche Dimension es geht. Schon deshalb gehört sie nicht mehr in dieses Amt.

Frau Golze lehnt einen Rücktritt bislang ab. Ist es für Sie vorstellbar, dass sie Ministerin bleibt?

Nein, sie hätte schon längst abtreten müssen. Wir hatten schon Rücktritte in Brandenburg für Dinge, da bin ich vom Glauben abgefallen. Wir haben gute Minister verloren, wegen Murks. Jetzt geht es um einen Megaskandal. Und die Ministerin der Linken verhält sich, als wäre man in Posemuckel, könnte einfach abtauchen und dann weitermachen. Nur, damit es kein Missverständnis gibt: Ich war für diese rot-rote Koalition. Es geht mir nicht um Parteipolitik gegen die Linke. Ich habe keine persönlichen Rechnungen offen. Ich würde jeden und jede, die sich so verhält, angreifen. Es gibt Dinge, die nicht gehen, die sind einfach schamlos.

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