Gesunder Start fürs Baby : "Wir wollen verhindern, dass Krisen entstehen"

Babylotsin Mareike Mertgen unterstützt Familien nach der Geburt. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit und den Stress für junge Eltern.

Schöner Ausnahmezustand. Wenn ein Baby in die Familie kommt, fühlen sich viele Eltern erst einmal überfordert mit der neuen Situation. Babylotsinnen helfen, mit der neuen Situation zurechtzukommen.
Schöner Ausnahmezustand. Wenn ein Baby in die Familie kommt, fühlen sich viele Eltern erst einmal überfordert mit der neuen...Foto: Foto: Patrick Pleul/ picture-alliance/ ZB

Frau Mertgen, was genau ist Ihre Aufgabe als Babylotsin an der Charité?
Es gibt Familien, die nach der Geburt ihres Kindes an ihre Grenzen geraten. Manche fühlen sich überfordert oder unsicher. Weil sie sehr jung Mutter beziehungsweise Eltern geworden sind, weil sie finanzielle Sorgen haben, alleinerziehend oder psychisch belastet sind. Zudem gibt es nach einer Geburt viel Bürokratie, die man zu erledigen hat. Das sorgt für Stress. Wir wollen verhindern, dass daraus Krisen in der Familie entstehen, die dem Baby den Start ins Leben erschweren. Wir versuchen die Belastungen der Mütter, die hier zu uns zur Geburt kommen, zu erkennen und Anlaufstellen zur weiteren, gegebenenfalls externen Unterstützung zu vermitteln. Das können zum Beispiel die psychosomatische Sprechstunde, Familienhebammen, aufsuchende Elternhilfen, Familienzentren, Gesundheitsämter, Frühchen-Paten oder Beratungsstellen sein. Unser Angebot ist kostenlos. Unabhängig vom sozioökonomischen Status nehmen Frauen unsere Hilfe in Anspruch. Betroffen können schließlich Frauen aus allen Schichten sein.

Ist der Stress für junge Eltern in Berlin größer als anderswo?
Grundsätzlich ist der Druck, der auf Eltern lastet, heutzutage sehr hoch. Die Wohnsituation hier in Berlin ist bekanntermaßen angespannt. Die Kitaplatzsuche ist nicht unkompliziert. Dazu kommt die nicht immer einfache Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und dann fehlt vielen der soziale Rückhalt aus der Familie. Oma und Opa wohnen häufig ganz woanders in Deutschland.


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Wie gehen Sie vor?
Während des ersten Gesprächs mit dem Arzt/der Ärztin oder der Hebamme – der sogenannten Anamnese – werden auch Fragen zur psychosozialen Belastung gestellt. Wir schauen uns mögliche Risikofaktoren an. Gibt es eine wirtschaftliche Belastung? Wie ist das soziale Umfeld beschaffen? Liegen bei den Eltern Depressionen oder andere psychische Störungen vor? Ist die Frau eventuell alleinerziehend? Gibt es Partnerschaftskonflikte oder häusliche Gewalt? Diese Fragen stellen wir jeder Frau, die zu uns zur Geburt kommt. Je nach Belastung oder auch auf Wunsch bieten wir den Frauen ein Gespräch an und ermitteln mit ihnen zusammen den Unterstützungsbedarf. Wir – das sind Sozialarbeiterinnen, Pädagoginnen, Hebammen oder Kinderkrankenschwestern mit dem Zusatz Frühe Hilfen.


Mareike Mertgen arbeitet als Babylotsin in der Geburtsmedizin der Charité. Die 31-Jährige hat Erziehungswissenschaften studiert und ist selbst Mutter einer kleinen Tochter.
Mareike Mertgen arbeitet als Babylotsin in der Geburtsmedizin der Charité. Die 31-Jährige hat Erziehungswissenschaften studiert...Foto: Thilo Rückeis


Wollen sich denn alle helfen lassen?
Unser Projekt ist auf Freiwilligkeit angelegt. Wir können und wollen die Familien nicht zwingen. Und manchmal sind es auch nicht wir, die da helfen können. Haben die Frauen etwa Suchtprobleme, sind sie obdachlos, minderjährig oder häuslicher Gewalt ausgesetzt, dann sind das Fälle für den Kinderschutz und das Jugendamt. Da ist unsere Grenze erreicht. Es gibt aber auch Situationen, in denen das Kindeswohl nicht direkt gefährdet ist, man aber dennoch ein ungutes Gefühl hat. Wenn die Mutter aber nicht mit uns sprechen will, dann muss man sie gehen lassen, obwohl sich das nicht immer richtig anfühlt.

Kommen diese Fälle häufig vor?
Im Jahr 2018 wiesen 48 Prozent aller befragten Familien Belastungsfaktoren auf. 33 Prozent davon betrafen unser Ressort und erhielten eine Beratung und gegebenenfalls eine Überleitung zu einem krankenhausinternen oder externen Hilfesystem. So wurden allein an der Charité 1819 ausführliche Babylotsen-Gespräche geführt.


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Wie kam es zu dem Projekt Babylotsen?
Das Babylotsenprojekt in Berlin wurde 2012 als Modellprojekt des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) sowie in Kooperation mit der Stiftung SeeYou aus Hamburg an der Charité gestartet. Mittlerweile sind die Babylotsinnen an allen 18 Berliner Geburtskliniken vertreten, die durch die Senatsverwaltung für Gesundheit finanziert werden.

Wie viele Babylotsinnen gibt es?
Auf 1000 Geburten kommt inzwischen eine halbe Babylotsinnen-Stelle. An der Charité haben wir pro Jahr etwa 5500 Geburten und sind mit einer vollen und mehreren Teilzeitstellen zu fünft. Berlinweit gibt es 39 Babylotsinnen, die in den Kliniken tätig sind.

Wenige Tage nach der Geburt werden die Mütter und ihre Säuglinge häufig schon entlassen. Wie lange halten Sie Kontakt zu den Frauen?
Wir melden uns bei den weitervermittelten Frauen drei bis vier Wochen nach der Entlassung noch einmal und dann wieder nach drei bis vier Monaten. Wir fragen nach, ob sie in einem Hilfesystem angekommen und die Probleme gelöst oder neue aufgetreten sind.

Gibt es Frauen, die Ihnen in Ihrer Arbeit als Babylotsin besonders in Erinnerung geblieben sind?
Vor ein paar Jahren habe ich miterlebt, dass Flüchtlingsfrauen ihr Baby geboren haben und danach mit ihrem Neugeborenen wieder in eine Turnhalle oder eine andere Unterkunft mussten. Und das sogar nach einem Kaiserschnitt. Das ist schon hart. Da hätte ich mir gewünscht, dass sie in familienfreundliche Wohnheime gekommen wären. Ich finde es sehr erstaunlich, wie offen die Frauen uns ihre Probleme schildern, wie viel Einblick sie uns gewähren. Das sind sehr intime Gespräche, die wir da am Bett führen. Eine Frau hat mir offenbart, dass sie sich nicht mal Kleidung und Möbel für das Baby leisten kann. Über die spendenbasierte Initiative „Welcome Baby-Bags“ haben wir dann eine Baby-Erstausstattung bekommen. Ich habe aber auch schon mal in Online-Portalen geguckt, ob Eltern was zu verschenken haben.

Was muss sich verbessern, damit Familien in Berlin weniger Überforderung spüren?
Mehr Hebammen, mehr Kinderärzte, mehr Kitaplätze, mehr Flexibilität der Arbeitgeber und von Ärzten und Behörden mehr interkulturelle Kompetenz. Hätten wir mehr Hebammen, würde sich auch die Qualität der Geburtsbetreuung und vor allem der Nachsorge verbessern. Es wäre wünschenswert, wenn diese die Zeit hätten, den Frauen ihre Fragen etwa zum Stillen beantworten zu können.


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Babylotsinnen in Berliner Geburtskliniken gibt es an der Charité, an den DRK Kliniken Köpenick und Westend, im Ev. Waldkrankenhaus Spandau, Helios Klinikum Buch, Krankenhaus Havelhöhe, Krankenhaus Waldfriede, Martin-Luther-Krankenhaus, Sana Klinikum Lichtenberg, Sankt Gertraudenkrankenhaus, St. Joseph Krankenhaus Tempelhof sowie in den Vivantes Kliniken am Urban, Kaulsdorf, Neukölln, im Friedrichshain, Humboldt-Klinikum und Auguste Viktoria Krankenhaus. Diesen und weitere Artikel zu den Themen Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt und Familie finden Sie im Gesundheitsratgeber „Tagesspiegel Eltern & Kind“. Das Magazin ist für 12,80 Euro erhältlich unter www.tagesspiegel.de/shop oder Tel. 29021-520.

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