Gesundheitsstadt Berlin 2030 : Was die Empfehlung der Lauterbach-Kommission bedeutet

Berlin soll zur internationalen Medizinforschungsmetropole werden. Wie das gelingen soll, das hat nun die Kommission "Gesundheitsstadt 2030" vorgestellt.

Der Abgeordnete Karl Lauterbach (SPD) hat am Montag im Roten Rathaus einen Bericht zur "Gesundheitsstadt Berlin 2030" vorgestellt.
Der Abgeordnete Karl Lauterbach (SPD) hat am Montag im Roten Rathaus einen Bericht zur "Gesundheitsstadt Berlin 2030" vorgestellt.Foto: Paul Zinken/dpa

Berliner Patienten sollen mehr von aktuellen Resultaten der deutschen Spitzenforschung haben. Dazu sollen Erkenntnisse und Arzneimittel aus noch laufenden Studien besser genutzt werden können – insbesondere in der Tumorbehandlung. Zugleich könnten alle zur individuellen Anwendung infrage kommenden Methoden und Arzneimittel auf einer elektronischen Patientenakte gespeichert werden, die von jedem behandelnden Arzt gelesen werden kann.

Zu dieser Empfehlung kommt die von Senatschef Michael Müller (SPD) einberufene Zukunftskommission „Gesundheitsstadt Berlin 2030“. Deren Leiter, der SPD-Bundespolitiker Karl Lauterbach, hat am Montag im Roten Rathaus einen Ergebnisbericht des elfköpfigen Gremiums vorgestellt.

Zusammenarbeit zwischen Charité und Vivantes soll besser werden

Die Hauptstadt habe das Potenzial zur internationalen Medizinforschungsmetropole, sagte Lauterbach, bislang aber laufe vieles nebeneinander. Man wolle Berlin bis 2030 zur „internationalen Top-Adresse in der medizinischen Forschung und Versorgung“ ausbauen – dafür sei es nötig, die Zusammenarbeit von Charité und Vivantes zu verbessern, die Digitalisierung voranzutreiben und branchenspezifische Verwaltungskräfte in einer eigenen Akademie auszubilden.

Die landeseigenen Konzerne Charité und Vivantes verfügen über 9600 der 22.000 Krankenhausbetten der Stadt und versorgen 42 Prozent der Berliner Klinikpatienten. Dadurch kann das Land die Ausrichtung der Häuser steuern, zudem ergeben sich Potenziale für Forschungsstudien wie es sie in dieser Größe so nirgendwo in Deutschland gibt.

Die Universitätsklinik solle sich voll auf die Hochleistungsmedizin konzentrieren, Vivantes auf die Massenversorgung, sagte Lauterbach. Zugleich aber müssten die Vivantes-Patienten von laufenden Forschungsstudien der Charité profitieren.

Die anstehenden Aufgaben wären unter dem Dach einer landeseigenen Gesellschaft am besten zu bewältigen. Der zu gründenden Dachgesellschaft sollten wenn möglich auch das Berliner Institut für Gesundheitsforschung, dass ohnehin enger an die Charité angebunden wird, und das neue, im Bau befindliche Universitäre Herzzentrum angehören.

Weil so viel koordiniert werden müsse, solle der Senat dafür einen Sonderbeauftragten einsetzen. Wie berichtet: Nach Tagesspiegel-Informationen wünschen sich Müller und Lauterbach dafür Ex-Gesundheitsstaatssekretär Boris Velter (SPD). Der Senat bestätigte das nicht.

Charité lebt, noch, von ihrem Ruf

SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach ist für klare Worte bekannt, weshalb ihn Müller um Rat gebeten haben könnte. Wertvoll sei etwa, sagte Lauterbach, dass der Senat über Charité und Vivantes fast den halben Krankenhaussektor Berlins steuern kann – beide Kliniken gehören dem Land, das allerdings zu lange zu wenig investiert habe: „90 Prozent der Geräte in der Charité sind abgeschrieben.“

Das bedeutet, man könne mit ihnen zwar gute Medizin machen, aber in der internationalen Spitzenforschung kaum mithalten. „Da brauchen sie immer neueste Topgeräte.“ Müller sagte, er habe weitere Investitionen für die Charité beantragt.

Lauterbach weiter: „Die Charité gewinnt viele Drittmittel – aber der Anteil der Mittel, die zuvor ausgeschrieben wurden, ist gering.“ Das bedeutet, die Universitätsklinik konkurriere kaum um Forschungsgeld, sondern lebe von ihrem Ruf – das aber gehe nicht ewig. „Berlins Gesundheitseinrichtungen brauchen ein klares Baukonzept – bislang ist da vieles historisch bedingt.“ Bedeutet: Standorte werden erhalten, weil man sich daran gewöhnt hat – nicht, weil es die idealen Orte sind.

Wie reagieren die Großkliniken? Der Kommission gehörte auch Heyo Kroemer an, der im September den Chefposten der Charité übernimmt. Von dort ist also kaum Widerstand zu erwarten. Und der Vivantes-Vorstand teilte mit: Die Kommission unterstütze die Vivantes-Ausrichtung als „sektorübergreifenden Gesundheitsversorger“ und „als ideale Partnerin“ für die Forschung. Die Vorschläge werden demnächst im Abgeordnetenhaus besprochen, zudem wollen die Aufsichtsräte von Vivantes und Charité dazu gemeinsam tagen.

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