Gewalt an Schulen : Berliner Gymnasien stehen allein im Kampf gegen Mobbing

Die meisten Gymnasien in Berlin haben nicht einmal Sozialarbeiter, die sich mit Problemen der Schüler befassen. Und den Klassenlehrern fehlt oft die Zeit dafür.

Mobbing findet heutzutage auch verstärkt in der digitalen Welt statt. Ein Bereich, auf den die Schule kaum Zugriff hat.
Mobbing findet heutzutage auch verstärkt in der digitalen Welt statt. Ein Bereich, auf den die Schule kaum Zugriff hat.Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Ein Mädchen nimmt sich an ihrem 16. Geburtstag das Leben. Die Mutter berichtet von Mobbing durch Mitschüler, später von Drogen und Depressionen, aber auch von der „Teilnahmslosigkeit“ ihres Gymnasiums. So stand es am Mittwoch im Tagesspiegel, der dazu aufgerufen hatte, Erfahrungen mit Mobbing zu schildern.

Die Schule, deren Name dem Tagesspiegel bekannt ist, äußerte sich nicht zu dem Fall – was bei derartigen persönlichen Tragödien nicht außergewöhnlich ist. Somit war auch nicht zu klären, wie die Schule die Darstellung der Mutter sieht. Klar ist aber, dass Gymnasien personell schlechter aufgestellt sind als Sekundar- und Grundschulen, wenn es darum geht, Schüler durch persönliche Krisen zu begleiten.

„Die Gymnasien tun sich sehr schwer damit, sich den sozialen und psychischen Entwicklungen der Schüler zu stellen, zumal sie – anders als die Sekundarschulen – in der Regel keine Sozialarbeiter haben“, lautet die Einschätzung von Jan Wolter, dem Berliner Landesbeauftragten der Sektion Schulpsychologie im Bundesverband der Psychologen. Die Lehrer müssten ihr strammes Pensum schaffen, was insbesondere bei jungen unerfahrenen Kräften dazu führe könne, dass sie sich keine Zeit für Einrichtungen wie den Klassenrat nähmen, in dem solche Probleme wie Mobbing besprochen werden könnten.

Klassenlehrer haben kaum Zeit sich zu kümmern

Tatsächlich verfügen nur jene Gymnasien über Sozialarbeiter, die Ganztagsschulen sind oder sich über Sonderprogramme Hilfe holen. Ansonsten haben sie wenig Spielraum, um sich mit größeren oder langwierigen persönlichen Problemen ihrer Schüler zu beschäftigen.

Erschwerend kommt hinzu, dass selbst Klassenlehrer kaum Zeit für diese Aufgabe haben: Von ihren Unterrichtsstunden wird ihnen lediglich eine erlassen – eine Wochenstunde also als „Gegenleistung“ für Eltern- und Schülergespräche, Klassenkonferenzen und Klassenfahrten. In Norwegen müssten Klassenleiter nur 13 Stunden pro Woche unterrichten - rund zehn weniger als in Deutschland, rechnet Wolter vor. Bleibt nur noch der Vertrauenslehrer, der aber auch nicht alle Probleme lösen kann.

Darüber hinaus gibt es dann noch die Schulpsychologen. Die sind allerdings in Deutschland – anders als in anderen Staaten – normalerweise nicht direkt an den Schulen zu finden, sondern nur in den zwölf regionalen Zentren der Bezirke. Wobei Berlin zumindest im Bundesvergleich gut dasteht: Die von der Kultusministerkonferenz geforderte Relation von einem Schulpsychologen auf 5000 Schüler wird in Berlin inzwischen erfüllt, wie Matthias Siebert berichtet. Das war nicht immer so.

Gutes Klassenklima hilft gegen Mobbing

Siebert leitet den Fachbereich Schulpsychologie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und ist gleichzeitig Leiter der Schulpsychologie in Steglitz-Zehlendorf. Siebert weist darauf hin, dass die Vereinigung der Schulpsychologen eine Verdoppelung der Stellen fordert, betont aber ebenso wie sein Kollege Wolter, dass die Schulen auch unter den jetzigen personellen Bedingungen viel tun könnten: „Wenn man ein gutes Team und ein gutes Klassenklima hat, dann ist der Nährboden für Mobbing entzogen“, lautet Sieberts Erfahrung.

Siebert begrüßt ausdrücklich, dass aktuell über das Thema Mobbing gesprochen wird, dass das Thema nach den Fällen von religiösem Mobbing an der Paul- Simmel-Schule wieder debattiert wird. Es sei dann leichter, die Schulen dafür zu sensibilisieren, denn: „Hinschauen ist wichtig“, betont er.

Eine Trauerecke im Keller

Allerdings beobachten nicht nur Schulpsychologen, sondern auch Eltern und Angehörige, dass das „Hinschauen“ mitunter nicht stattfindet – und dass selbst dann noch versucht wird, Dinge beiseite zu schieben, die eigentlich gar nicht mehr beiseitegeschoben werden können; so wie erst kürzlich wieder an einem Gymnasium, das seine „Leistungsorientierung“ in den Vordergrund stellt, aber versagte, als es darum ging, den Suizid eines Schülers aufzuarbeiten: Während andere Schulen in zentralen Räumen Trauerecken einrichten und um Rat und Hilfe bitten, verlegte das besagte Gymnasium die Trauerecke in den Keller.

Die Sprecherin der Bildungsverwaltung, Beate Stoffers, erinnerte am Mittwoch daran, dass Schulen viel Hilfestellung bekommen, darunter die Berliner Notfallpläne, die Krisenteams, die Schulpsychologie, aber auch die sehr anerkannte Anti-Mobbing-Fibel oder den Anti-Mobbing-Koffer. Auch die Partizipation der Schülervertretungen sei wichtig, um Probleme zu benennen und zu lösen.

"Mobbing nicht ignorieren"

„Wir erwarten von den Gymnasien im Umgang mit Mobbing zu reagieren, nicht zu ignorieren oder zu bagatellisieren“, betonte Stoffers. Sicherlich habe Leistung einen hohen Stellenwert, „aber die Zeit für die Arbeit am sozialen Miteinander darf darunter nicht leiden“, betonte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Mittwoch.

Jörg Freese, Leiter des Wilmersdorfer Goethe-Gymnasiums, lobte ausdrücklich Material wie den Anti-Mobbing-Koffer: „Wenn ein Fall von Mobbing bekannt wird, handeln wir sofort“, betonte er. Das ersetze aber keinen Sozialarbeiter.

Beim Thema Schulgewalt und Mobbing gibt es ein großes Dunkelfeld. Der Tagesspiegel recherchiert, um Licht hinein zu bringen. Daher bitten wir Betroffene, sich bei uns zu melden. Was haben Kinder und Jugendliche, die Opfer von Mobbing und Gewalt wurden, sowie ihre Familien erleben müssen? Wie haben Lehrer und Schulleitung reagiert? Welche Hilfe haben die Betroffenen bekommen und welche hätten sie gebraucht? Konnte das Mobbing beendet werden? Betroffene können sich per E-Mail bei uns melden. Sie erreichen uns unter berlin@tagesspiegel.de. Sie können uns außerdem bei Twitter über unseren Account @tagesspiegel eine private Nachricht zukommen lassen. Und auch über die Nachrichtenfunktion unseres Facebook-Accounts @tagesspiegel erreichen Sie uns.

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