Gewinner vom Berliner Inklusionspreis 2019 : Machen statt grübeln!

Karin Meyer kennt keine Berührungsängste. Die Hälfte ihrer Mitarbeiter ist schwerbehindert. Nun wurde ihr Kleinunternehmen mit dem Inklusionspreis gewürdigt.

Klaus Grimberg
Wie eine zweite Familie. Karin Meyer (2. v. l.) mit ihrem Team.
Wie eine zweite Familie. Karin Meyer (2. v. l.) mit ihrem Team.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Es ist doch etwas ganz Normales, dass man Menschen mit Behinderung eine berufliche Chance gibt.“ Mit derart resoluter Überzeugungskraft schießt der Satz aus Karin Meyer hervor, dass eigentlich keinerlei Widerspruch möglich ist. Die Chefin des Repro- und Werbezentrums Prenzlauer Berg freut sich natürlich, dass ihr Unternehmen mit dem Inklusionspreis ausgezeichnet wird. Richtig verstehen kann sie es dennoch nicht. Denn nach ihrem Grundverständnis ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Behinderte und Nichtbehinderte gleichberechtigt zusammenarbeiten.

Meyer ist eine Frau, die nicht lange grübelt. Sondern macht. Das war schon immer so, auch zu DDR-Zeiten. Damals leitete sie die „Lichtpauserei“ des Wohnungsbaukombinats Berlin, in der vor allem Architektur- und Baupläne vervielfältigt und archiviert wurden. „Innerhalb des Kombinats galt unsere Abteilung als Auffangstelle für schwierige Fälle, denn im Sozialismus durfte es ja keine Arbeitslosigkeit geben“, erzählt sie. So hatte sie mit Drogenabhängigen oder ehemaligen Häftlingen zu tun, vor allem aber hat sie sich um alleinerziehende Mütter gekümmert. Seit jener Zeit kennt Meyer keine Berührungsängste: Sie nimmt die Menschen, wie sie sind – auch wenn das nicht immer leicht ist.

Von zehn Mitarbeitern haben fünf eine Behinderung

Die Umwälzungen der Nachwendezeit machten auch vor der einstigen Lichtpauserei nicht halt. Durch neue Technik sank der Personalbedarf stetig, „von einmal zwanzig Mitarbeitern waren wir bis 1992 auf nur noch drei geschrumpft“, erzählt Meyer. Damals hat sie in der eigenen Familie erlebt, was Krankheit und körperliche Einschränkungen für einen Menschen bedeuten können. Eine ihrer Töchter, die ebenfalls noch im Betrieb arbeitete, war in jenen Jahren an Brustkrebs erkrankt. Als ihr die Kündigung drohte, zog auch Meyer die Reißleine. Kurzentschlossen gründete sie ihr eigenes Unternehmen, ein Joint Venture mit einem niederländischen Technikhersteller. Viele der Architekten, Bauzeichner und Planer aus dem einstigen Kombinat konnte sie als Kunden für sich gewinnen. So gelang es, den Betrieb erfolgreich aufzubauen.

Man muss diese Vorgeschichte kennen, um zu verstehen, wie wenig Aufheben die mittlerweile 75-jährige Chefin um die Beschäftigung von Kollegen mit Behinderung macht. Von zehn Mitarbeitern haben fünf eine Behinderung, doch niemand, der den Laden am hinteren Ausgang des S-Bahnhofs Landsberger Allee betritt, könnte sagen, wer es ist. Die beiden gehörlosen Frauen sind genauso in die Arbeitsabläufe integriert wie der Mitarbeiter mit Autismus, die übrigen Erkrankungen sieht man den Menschen ohnehin nicht an. Wer das Team in den gerade neu bezogenen Räumen an der Storkower Straße gemeinsam arbeiten, reden und lachen sieht, der gewinnt nicht den Eindruck, dass die verschiedenen Behinderungen im Arbeitsalltag irgendeine Rolle spielten.

Es ging nie darum, reich zu werden

„Mir ist es nie darum gegangen, reich zu werden – dafür bin ich nicht angetreten“, sagt Meyer. Für sie war es eher wichtig, anderen Arbeit zu geben und gemeinsam „nette Sachen zu erleben“. Für die Inhaberin und Geschäftsführerin, die sich schon längst zur Ruhe hätte setzen können, ist der Betrieb eine zweite Familie geworden. Zu Hause rumsitzen und die Füße hochlegen, das wäre nichts für sie. Auch nicht für ihren Mann, der – gerade 80 geworden – als Kraftfahrer ebenfalls in der Firma mitarbeitet. Lieber bleiben beide beruflich aktiv und unternehmen Dinge mit den Kollegen, mal ein Ausflug am Wochenende, mal ein gemeinsames Abendessen irgendwo in der Stadt. Als Arbeitgeberin hat sich Meyer immer wieder auf Wagnisse eingelassen. So leitete sie zwischenzeitlich in Kooperation mit der Berliner Genossenschaft WeiberWirtschaft einen zweiten Betrieb, der Frauen ab 55 Jahren eine berufliche Perspektive bis zur Rente gab.

Aktuell hat sie sich mit der Einstellung ihres autistischen Mitarbeiters Marcel Guttzeit wieder etwas ganz Neues getraut. „Ich hatte mit dieser Art von Behinderung bislang keinerlei Erfahrung“, sagt sie, „wir alle mussten erst lernen, den neuen Kollegen nicht durch mehrere Aufgaben gleichzeitig zu überfordern.“ Auch durch das begleitende Coaching der Integrationsfachdienste seien die Anfangsschwierigkeiten mittlerweile überwunden. Und Guttzeit hat sich zu einem verlässlichen und geschätzten Mitarbeiter entwickelt, der selbst auch sehr froh ist über die neue berufliche Aufgabe.

„Absolut saubere und fehlerlose Arbeit“

Er fühlt sich an seinem Arbeitsplatz angekommen und ist froh, dass er sich auf die neue Herausforderung eingelassen hat. „Anfangs war ich mir nicht sicher, ob das das Richtige für mich ist“, erzählt er, „denn eigentlich entsprachen die Anforderungen so gar nicht meinem Qualifikationsprofil.“ Für ihn ist es wichtig, klare Strukturen und überschaubare Abläufe vor sich zu haben, ansonsten besteht für ihn die Gefahr, dass er sich in Details verzettelt. „Am liebsten ist es mir, wenn ich weiß, was auf mich zukommt und ich mich konzentriert in die Tätigkeit vertiefen kann“, sagt er. Aufgaben wie die lückenlose Dokumentation von Bauprojekten kämen ihm deshalb sehr entgegen. Und seine Chefin strahlt: „Absolut saubere und fehlerlose Arbeit“, ruft sie.

Alles ganz normal eben – wie Meyer sagen würde. Dass diese Normalität aber eben doch eher die Ausnahme ist, erlebt zurzeit Esther Sandler, die seit ihrer Geburt nur über einen winzigen Rest Hörvermögen auf einem Ohr verfügt. Durch moderne Hörgerätetechnik und gezieltes logopädisches Training seit Kindertagen kann die junge Frau heute aber gut hören und nahezu perfekt sprechen. Gerne würde sie zu ihrem Freund nach Hamburg ziehen, aber die Arbeitsplatzsuche gestaltet sich schwierig. „Bislang gab es nur Absagen“, erzählt sie und es nicht auszuschließen, dass ihre Behinderung dabei eine Rolle spielt. Bevor sie aber keinen neuen Job gefunden hat, will sie nicht umziehen: „Dafür bedeutet mir die Arbeit in unserem Team zu viel.“

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