Berlin : Goldenes Handwerk

Während die mittelständischen Brauereien verschwinden, steigt in Deutschland seit Jahren die Anzahl der kleinen Braubetriebe Auch für viele Berliner Kneipiers ist das Selberbrauen ein mühsames, aber lohnendes Geschäft

Moritz Honert

Die kleinste Brauerei Deutschlands passt in ein Schaufenster. Gerade mal zwei Quadratmeter Stellfläche brauchen die kupferroten Kessel der Brauerei Barkowsky in der Münzstraße. Kneipier und Brauer Marcus Barkowsky ist stolz auf seine Maschine. Rund 25 000 Euro hat sie gekostet. Einen Hektoliter, also 100 Liter, schaffe er damit pro Sudvorgang. Im Jahr kämen so rund 150 Hektoliter Bier zusammen. Für seinen Bedarf völlig ausreichend. Das Geschäft mit dem Selbstgebrauten floriere.

Tatsächlich: Obwohl die Deutschen seit Jahren kontinuierlich weniger Bier trinken und im vergangenen Jahrzehnt fast jede vierte mittelständische Brauerei verschwunden ist, liegt die Zahl der Braustätten in Deutschland seit Jahren konstant bei rund 1300. Grund dafür ist die gestiegene Zahl der Kleinbrauereien, die pro Jahr weniger als 5000 Hektoliter herstellen (siehe Grafik). Allein in Berlin gibt es davon zwölf Stück .

Barkowsky hat seine Brauereilizenz 1999 erworben. Das Wissen hat er sich selbst angeeignet. Aus Büchern, wie er sagt. Ein befreundeter Braumeister habe ihn dann in die Feinheiten eingeweiht.

Für den Kneipier war die Entscheidung, sein eigenes Bier zu brauen, vor allem eine strategische. „Die Konkurrenz ist groß. Um zu überleben, muss man eine Nische besetzen“, erklärt er. Doch auch finanzielle Gründe hätten eine Rolle gespielt. „Wenn ich ein Fass von einer großen Brauerei kaufe, zahle ich dafür rund 80 Euro“, sagt Barkowsky. „Wenn ich mein eigenes Bier braue, dann geht das schon für ein Viertel des Preises.“ Die Rechnung ging auf, der Anteil der Eigenproduktion am Ausschank beträgt bei ihm heute 95 Prozent.

Auf volle 100 Prozent kommt Oliver Lemke, Braumeister und Geschäftsführer des 1999 gegründeten Brauhauses Lemke in der Dircksenstraße. Er gehört inzwischen zu den Großen unter den Kleinen. Seit 2003 betreibt er zusätzlich das Brauhaus Mitte, in diesem Jahr übernahm er das 2006 insolvent gegangene Luisenbräu. Zusammen produzieren die drei Häuser rund 3000 Hektoliter Bier im Jahr. Dass er durch die Eigenherstellung Geld sparen würde, kann Lemke allerdings nicht bestätigen. „Bei Kleinstmengen mag das gelten. Wer mehr braut, für den wird es teurer.“ Eine durchschnittliche Brauanlage schlage bereits mit rund 500 000 Euro zu Buche, dazu kämen noch die Lohnkosten für einen Braumeister – noch einmal rund 50 000 Euro pro Jahr. Den Aufwand trotzdem zu betreiben, ist für Lemke eine Herzensangelegenheit. „Die allgegenwärtigen Marken sind doch fast alle austauschbar“, findet er. Bier für Liebhaber hingegen, das gerne bei jedem Brauvorgang ein wenig anders schmecken dürfe, oder das nur eine Saison lang fließe, gebe es viel zu wenig. „Schade“, findet Lemke. Schließlich sei Bier doch ein Kulturgut.

Ohne einen angeschlossenen Gastrobetrieb sei das Brauen allerdings nicht rentabel. Für eine Abfüllanlage müssten knapp drei Millionen Euro angelegt werden, und dann wäre noch nicht das Problem des Vertriebs geklärt. In den ersten zwei Jahren hätten sie es einmal mit einer Flaschenabfüllung versucht, erinnert sich Lemke. Gegen die großen Marken hätten sie im Wettbewerb allerdings keine Chance. Auch der Ausschank auf den Fanmeilen während der WM hätte fest in der Hand der großen Braukonzerne gelegen.

Einen Weg, auch ohne angeschlossenen Gastrobetrieb zu überleben, hat Steffan Wendt, Geschäftsführer der Bier-Company, gefunden. Sein größter Verkaufsschlager: ein Hanfbier namens Turn. Etwa eine Million Flaschen stellt die Firma davon im Jahr her. Was nach reißendem Absatz klingt, relativiert Wendt schnell: „Beck’s schafft das in zwölf Minuten.“ 2000 hätten sie außerdem noch vier Millionen Flaschen produziert. Dann sah sich die Berliner Firma jedoch gezwungen, ihre Braustätte nebst 15 Arbeitsplätzen in die Schweiz auszulagern. Der Deutsche Brauer-Bund hatte bemängelt, das Hanfbier würde nicht nach Deutschem Reinheitsgebot gebraut, folglich dürfte das Getränk auch nicht Bier heißen. Bei aus dem Ausland exportierten Bier gilt diese Regel nicht.

Ein anderes Standbein der Firma ist die Produktion von Spezialbieren in kleinen Auflagen. Ungefähr 70 Rezepte habe er in der Schublade, sagt Wendt, doch auch für Sonderwünsche sei er offen. Kürzlich hat er für einen Berliner Club ein Bier mit Salbei hergestellt. Ab 15 000 Flaschen lohne sich die Produktion, für die er sich dann in andere Brauereien einmietet.

Das Geschäft laufe, sei aber hart, sagt Wendt. Wer seine Nische nicht ganz genau kenne, solle vorsichtig sein. Die Zahlen bestätigen das: Von 1991 bis 2005 sank der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch von 169 auf 130 Liter pro Jahr. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

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