Berlin : Großbaustelle Gehirn

Warum gerade Teenager so anfällig für hemmungslose Trinkexzesse sind

Bas Kast

Was macht den Jugendlichen so anfällig für unkontrollierte, hemmungslose Saufexzesse? Ein Grund ist: In der Pubertät verwandelt sich das Hirn in eine zerbrechliche Baustelle.

Das tief im Innern des Gehirns liegende emotionale Zentrum (Fachjargon: „limbisches System“), das uns wütend macht, Angst einflößt, das uns Kicks wie Sex, Drogen und Rock & Roll suchen lässt, reift nun zur vollen Funktionsfähigkeit heran. Die Gefühle laufen Sturm. Dabei zeichnet sich dieses Gefühlshirn durch zwei Eigenschaften aus: Es verfolgt alles, was Lust verspricht – und ist kurzsichtig. Es will ein High und zwar sofort; nicht nachher, nicht morgen oder in ein paar Jahren. Nein, jetzt. Manche Hirnforscher bezeichnen das emotionale Gehirn deshalb als das „impulsive System“.

Buchstäblich darüber bildet sich im Laufe der Jahre ein zweites „System“ aus: das denkende, planende, „reflektive“ Gehirn. Es liegt direkt hinter unserer Stirn, heißt deshalb Stirnhirn und wirkt wie eine Bremse im Kopf: Das Stirnhirn hält die Impulse und das nach Kicks suchende emotionale Gehirn in Schach. Es ist alles andere als kurzsichtig, sondern fragt im Gegenteil nach den langfristigen Konsequenzen des Verhaltens. Das Stirnhirn wird stark von gesellschaftlichen und moralischen Regeln geprägt, die ja oft auch nichts anderes sind als Impulshemmer („Du sollst nicht …“). Manche Hirnforscher bezeichnen das Stirnhirn als „Sitz der Zivilisation“.

Während also in der Pubertät das impulsive Gehirn voll aufblüht, wird just das kontrollierende Stirnhirn noch lange – bis Anfang 20 – um- und ausgebaut. Wäre das Gehirn ein Porsche, dann wäre die Pubertät so etwas wie eine Zeit, in der man den Porsche mit Flugzeugbenzin auftankt und ein paar PS mehr verpasst, während die Bremse noch gar nicht richtig funktioniert.

Kleine Kinder sind totale Impulsivität und null Reflexion. Pubertierende ticken, was ihr Gehirn betrifft, nicht viel anders. Sie werden weitgehend von Impulsen gesteuert. Daher auch die besondere Anfälligkeit für Alkohol. Weil an der Bremse in ihrem Kopf noch gearbeitet wird, sind viele Jugendliche regelrecht enthemmt, auch was das Trinken betrifft. Ausgestattet mit einem nur halbwegs ausgereiften Stirnhirn, müssen die Eltern – oder der Staat – die Rolle eines in die Außenwelt verlagerten Stirnhirns übernehmen und ständig sagen: Räum deine Sachen auf, hör mit dem Quatsch auf, mach dies, mach das.

Alkohol ist während dieser Strukturbildung unterm Schädeldach besonders verhängnisvoll, weil es einen direkten Draht zum emotionalen Gehirn findet. Wir sind ja nicht umsonst mit einem Gefühlshirn ausgestattet. Die Natur hat es eingerichtet, damit wir ihren Auftrag erfüllen, der da lautet: überlebe und habe Sex. Deshalb macht Essen Spaß, deshalb bereitet Sex Lust. Beides aktiviert die „Belohnungszentren“ des emotionalen Gehirns. Alkohol dockt an dieses Belohnungszentrum an und aktiviert es, ohne dass man dafür auch nur irgendetwas Nützliches getan hätte. Alkohol legt eine Schnellstraße direkt zu den Lustarealen im Kopf.

Beim Teenager-Trinken kommt wohl noch etwas hinzu, was in der Wissenschaft unter dem Stichwort „Handicap- Theorie“ läuft: Pubertierende wollen beeindrucken, sich selbst, ihre Freunde, vor allem aber natürlich die Vertreter des anderen Geschlechts. Alkohol ist dazu ein gutes Mittel. Wie der Schweif des Pfauen signalisiert auch exzessives Trinken: Schaut her, was ich mir alles leisten kann! Seht nur, was mein Körper alles verkraften kann, soundso viele Tequilas – und ich stehe immer noch!

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