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Grüne Ex-Spitzenkandidatin : Renate Künast: "Mein Wahlziel war kess"

Sie haben also alle vor den Kopf gestoßen?

Das ist putzig. Wir hatten Gremien, die sich regelmäßig getroffen haben. Aber natürlich frage ich mich heute, ob die Zusammenarbeit dieser Ebenen nicht besser funktionieren hätte können. Und noch eines: Es ist nicht trivial, mitten im Wahlkampf den Wahlkampfmanager austauschen zu müssen. Das ist für jeden Wahlkampf ein schwerer Rückschlag.

Ex-Parteichef Bütikofer wirft Ihnen eine „Mischung aus Selbstüberschätzung und Fahrlässigkeit“ vor. Hat er recht?

Ich teile seine Ansicht nicht. Es ist flott formuliert, hat aber mit der Dynamik des Wahlkampfes nicht viel zu tun. Er wird als Mitglied des Berliner Landesverbands auch an der Aufarbeitung teilnehmen. Wir brauchen eine Analyse, die den Respekt vor den Leistungen aller miteinbezieht. Das gilt auch für Volker Ratzmann und Ramona Pop, die sich richtig reingehängt haben. Wir hatten mit 17,6 Prozent das bisher beste Ergebnis in Berlin.

Erscheint Ihr Anspruch auf den Posten der Regierenden Bürgermeisterin nicht rückblickend absurd, da die Grünen nur drittstärkste Partei geworden sind?

Heute sagen manche, es sei vermessen gewesen, es zu versuchen. Aber damals fanden es alle richtig, auch Zeitungskommentatoren. Wenn Sie bei solchen Umfragewerten stehen, müssen sie sich dieser Frage stellen.

Finden Sie es heute auch noch richtig?

Es war kess. Man kann heute zu dem Schluss kommen, wir hätten ein besseres Ergebnis bekommen, wenn wir den Wahlkampf weniger stark auf meine Person zugeschnitten hätten. Aber damals hat der Landesverband genau das gewollt und es ist ja auch eine Art Gesetzmäßigkeit in der politischen Auseinandersetzung um ein solches Amt.

Sie meinen, es sei unfair, bei Ihnen alles abzuladen und nicht die Verantwortung der Berliner Grünen insgesamt zu sehen?

Wenn man Spitzenkandidatin ist, geht man ein großes Wagnis ein. Das wusste ich. Dazu gehört, dass man stärker als andere für das Ergebnis verantwortlich gemacht wird. Das ist okay. Aber ich habe die Entscheidungen nicht alleine getroffen. Im Bund haben die Grünen Erfahrung mit dem Kurs der Eigenständigkeit. In Berlin müssen wir an diesem Punkt noch arbeiten.

War Ihr Wahlprogramm zu schwammig, weshalb es sehr spät die Ansage zum Bau der Stadtautobahn A 100 geben musste?

Wir waren inhaltlich nicht weichgespült. Die Frage ist eher, mit was wir durchdringen konnten. Wir haben unsere Ablehnung der A 100 von Anfang an thematisiert. Und das haben wir durchgehalten. Glaubwürdigkeit ist unsere Stärke.

Das Offenhalten der schwarz-grünen Koalitionsoption hat der linke Parteiflügel kaum ertragen. Warum haben Sie die Option kurz vor der Wahl ausgeschlossen?

Dazu gibt es im Landesverband unterschiedliche Positionen. Die einen sagen, man hätte früher zumachen sollen, die anderen sind heute noch dafür, es offenzulassen. Rückblickend sage ich: Wir hätten das früher im Landesverband schärfer debattieren müssen.

Warum sahen die Grünen im Vergleich mit den aufstrebenden Piraten in der Endphase des Wahlkampfes so alt aus?

Manche kritisieren, die Piraten seien frischer und lustiger rübergekommen. Die Grünen sind aber nicht die Piraten. Wir werden die Piraten als eigenständige Kraft akzeptieren, uns trotzdem hart mit ihnen auseinandersetzen. Inhaltlich brauchten wir uns auch im Wahlkampf nicht zu verstecken. Wir haben eine neue politische Kultur versprochen, zu der auch Transparenz und eine frühere Beteiligung von Bürgern im Planungsprozess gehören. Unser Internet-Tool "Mitmach-Stadt" zeigte im Wahlkampf, in welche Richtung wir denken und handeln.

Bleiben Sie bei Ihrer Ansage, dass Schwarz-Grün generell keine Option für die Grünen mehr ist?

Ich kämpfe immer für die Eigenständigkeit der Grünen als eigene Wertefamilie. Meine Worte zu Schwarz-Grün habe ich unter dem Eindruck der Berliner Erfahrung und mit Blick auf die Bundestagswahl 2013 gewählt. Da sehe ich uns nicht in der Rolle, Frau Merkels Machterhaltung zu sichern. Auf welcher Grundlage sollte das geschehen? Die Regierung Merkel ist am Ende, ich kämpfe für ihre Ablösung und für andere Mehrheiten im Bundesrat. Die werden wir dringend brauchen.

Mindert der Berliner Wahlausgang Ihre Chancen, bei der Bundestagswahl 2013 Spitzenkandidatin der Grünen zu werden?

Sie sind Ihrer Zeit weit voraus. Erst machen wir eine gründliche Analyse der Berlin-Wahl, es folgen weitere Landtagswahlen und die Vorbereitung auf 2013, inhaltlich und strategisch. Zum Schluss kommt die Personalfrage.

Das Gespräch führten Sabine Beikler und Hans Monath.

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