Grundgesetz : Karl der Stenograf berichtet "live" aus dem parlamentarischen Rat

In einem Pilotprojekt vermittelt das Bundesjustizministerium, wie 1949 die Verfassung entstand

Karl hat sein Studium abgebrochen und arbeitet als Stenograf. Erfunden hat ihn das Justizministerium.
Karl hat sein Studium abgebrochen und arbeitet als Stenograf. Erfunden hat ihn das Justizministerium.Foto: BMJV

Karl und Marie sitzen bei Kriegsende 1945 in einer zerbombten Wohnung in Steglitz. Vier Jahre später ist Karl Stenograf und arbeitet beim Parlamentarischen Rat in Bonn. Er ist dabei, als das Grundgesetz verhandelt wird, schreibt alles mit, zugleich ist er neutral – er ist ja bloß der Stenograf. Karl ist eine Erfindung des Bundesjustizministeriums, die Texte schreibt der Journalist Christian Bommarius. Der kennt sich aus - er ist selbst Jurist und Autor des Buches „1949. Das lange deutsche Jahr“.

Sein Karl berichtet seit dem 5. Mai täglich wie ein Freund von seinen Erlebnissen, ganz zugewandt – jeder kann ihn über die Internetseite des Ministeriums abonnieren, zur Wahl stehen Whatsapp, Telegram, Threema oder Facebook Messenger. Maximal drei Nachrichten schickt Karl am Tag, auch mal ein Foto oder eine Sprachnachricht. Wer ihm eine Frage stellt, bekommt Antwort. Am 24. Mai, also dem 70. Jahrestag des ersten Geltungstages des Grundgesetzes, ist automatisch Schluss.

Auch damals gab es eine Flüchtlingswelle

Karl ist ein Pilotprojekt, das Geschichte auf neuartige Weise vermittelt – unterhaltsam, informativ und „konsumierbar“, besonders für junge Leute, die ständig am Handy sind. Rund 5000 Abonnenten hat Karl inzwischen, darunter begeisterte Lehrer und Schüler. Bestechend ist die Einbettung der historischen Ereignisse in den zeitgeschichtlichen Kontext. „Marie und ich müssen in unserer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung zusammenrücken“, schreibt Karl zum Beispiel am vergangenen Freitag. „Gestern Nacht sind ihre Eltern gekommen. Sie haben die Sowjetische Besatzungszone Hals über Kopf verlassen.“ Der Vater war Theologie-Professor an der Uni Leipzig, die Funktionäre der Sozialistischen Einheitspartei haben ihn vertrieben. Karl berichtet von der Wohnungsnot in den zerbombten Städten, von den Flüchtlingen aus der Ostzone und den Ostgebieten.

Untertanen sind abgeschafft

Er berichtet über die Rechtsanwältin Elisabeth Selbert, die den Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ in die Verfassung hineinverhandelt hat, und über eine bewegende Rede des SPD-Abgeordneten Friedrich Wilhelm Wagner, die letztlich zu dem Satz „Die Todesstrafe wird abgeschafft“ führte. Karl sendet historische Fotos, dann wieder Schilderungen aus dem normalen Leben – etwa dass es seine Frau und ihn aufregt, dass sie seine Erlaubnis brauchen würde, um Auto zu fahren. Von einem Auto können sie aber sowieso nur träumen – das Wirtschaftswunder ist noch weit.

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