Gute Konjunktur im Speckgürtel : Die Baubranche in Brandenburg boomt

Die Umsätze in Brandenburgs Bauwirtschaft steigen – auch wegen Großinvestoren wie Tesla. Doch der Fachkräftemangel bereitet der Branche Sorgen.

Christoph M. Kluge
Auch der Mietendeckel in Berlin könnte künftig bewirken, dass noch mehr im Umland gebaut wird.
Auch der Mietendeckel in Berlin könnte künftig bewirken, dass noch mehr im Umland gebaut wird.Foto: iStock

Bereits seit Jahren läuft Brandenburgs Bauwirtschaft auf Hochkonjunktur, vor allem der steigende Bedarf an Wohnraum im engeren Metropolenraum sorgt für eine satte Auftragslage. Das Wachstum könnte aus zwei Gründen demnächst sogar noch mehr an Fahrt gewinnen, schätzen Experten. „Die geplante Gigafabrik von Tesla wird sich im kommenden Jahr positiv auf die Baukonjunktur auswirken“, glaubt Robert Momberg, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes Ost.

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Immerhin bis zu 8.000 Mitarbeiter will der US-amerikanische E-Autobauer in Grünheide (Oder-Spree) beschäftigen. Bis zu vier Milliarden Euro will Konzernchef Elon Musk angeblich in die Riesenfabrik investieren. Außerdem zeichne sich ab, dass der geplante Mietendeckel in Berlin die Nachfrage im Wohnungsbau in Brandenburg weiter ansteigen lasse, sagt der Verbandschef.

Dieser Ansicht ist auch Mombergs Kollegin von der regionalen Fachgemeinschaft Bau Berlin-Brandenburg (FG Bau), Manja Schreiner: „Wenn der Mietendeckel wirkt, werden sich Investoren stärker in Richtung Umland orientieren“, sagt die FG Bau-Hauptgeschäftsführerin. Für die Bauunternehmer in Brandenburg bedeute das eine weiterhin gute Auftragslage, sagt sie.

Fast 20 Prozent mehr Aufträge

Dabei sind die Auftragsbücher schon jetzt voll. Laut Amt für Statistik ist der Umsatz der Brandenburger Baubranche in den ersten drei Quartalen 2019 um 12,5 Prozent gestiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Auch die Zahl der Auftragseingänge legte um 18,8 Prozent zu.

Das verwundert nicht, denn insgesamt steigt die Nachfrage nach Baugrundstücken in der Region weiter. Das geht aus einer aktuellen Analyse des Oberen Gutachterausschusses Brandenburg hervor. Am begehrtesten sind demnach Grundstücke für Eigenheime und Mehrfamilienhäuser.

Preisanstieg bei Immobilienankäufen

6.163 Kaufverträge wurden im ersten Halbjahr 2019 für bebaute Grundstücke abgeschlossen, 3.504 für unbebaute. Und die Käufer nahmen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr Geld in die Hand. Der Umsatz erhöhte sich sowohl beim Verkauf von bebauten als auch unbebauten Grundstücken um jeweils 14 Prozent. Der mittlere Preis für ein freistehendes Ein- oder Zweifamilienhaus lag im ersten Halbjahr bei 260.000 Euro.

Allerdings zeigen die Statistiken auch ein deutliches Gefälle zwischen dem Berliner Umland und jenen Regionen, die weiter entfernt liegen von der Bundeshauptstadt. Im Jahr 2018 wurden laut Grundstücksmarktbericht des Oberen Gutachterausschusses insgesamt 6,49 Milliarden Euro mit dem Verkauf von Grundstücken umgesetzt.

Wie sich der Umsatz durch Immobilien in Brandenburg verteilt:

  • Der „Speckgürtel“ (ohne Potsdam): 52 Prozent
  • In der Landeshauptstadt Potsdam: 13 Prozent
  • Alle anderen kreisfreien Städte: 6 Prozent

Das waren 624 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Der größte Teil davon konzentrierte sich jedoch auf Gebiete, die unmittelbar an Berlin grenzen. Der „Speckgürtel“ (ohne Potsdam) hatte mit etwa 3,37 Milliarden Euro einen Anteil von 52 Prozent am Gesamtumsatz im Land. In der Stadt Potsdam wurden weitere 876 Millionen Euro investiert, was einen Anteil von 13 Prozent ausmacht. Alle anderen kreisfreien Städte zusammen machten hingegen mit 384 Millionen nur sechs Prozent des Gesamtumsatzes im Land aus.

Quadratmeterpreis von über 4.000 Euro in Potsdam

Das liegt vor allem an den deutlich höheren Preisen in der Landeshauptstadt. Während Käufer in Potsdam bis zu 1.800 Euro pro Quadratmeter Boden zahlten, lag der Quadratmeterpreis in den anderen kreisfreien Städten gerademal zwischen 16 und 290 Euro. Folgerichtig macht sich diese enorme Nachfrage auch in den Kaufpreisen für Wohnraum bemerkbar, die in den letzten Jahren stark gestiegen sind. ´

Der durchschnittliche Angebotspreis für Häuser zum Kauf lag laut Immobilienportal immobilienscout24 im dritten Quartal 2019 in Potsdam bei 4.117 Euro pro Quadratmeter. Das waren immerhin 3,3 Prozent mehr als im Quartal davor. Noch deutlicher zeigt sich die drastische Preissteigerung im Langzeitvergleich: Gegenüber dem vierten Quartal 2015 ist der Kaufpreis um insgesamt 56 Prozent gestiegen.

Ein wichtiger Grund für den Run auf Wohneigentum sind die niedrigen Zinsen in Deutschland. Weil es sich nicht lohnt, das Geld auf dem Konto zu sparen, investieren die Menschen in Grund und Boden. Das ist in Brandenburg nicht anders als in anderen Bundesländern.

Immobilien nach wie vor beliebteste Anlagemöglichkeit

Einer Studie zufolge, die die Sparda-Banken zusammen mit dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln und dem Institut für Demoskopie Allensbach erstellt haben, sehen 56 Prozent der deutschen Mieter, die den Erwerb einer Immobilie planen, im Niedrigzins einen Anreiz zum Kauf. Wer es sich leisten kann, greift jetzt zu.

Und tatsächlich ist die Finanzierung eines Eigenheims in Deutschland heute deutlich günstiger als das noch vor zehn Jahren der Fall war: Bei einem durchschnittlichen Investitionsvolumen von 264.000 Euro pro Eigenheim mussten 2018 heute im Mittel etwa 72.500 Euro weniger an Zinsen gezahlt werden als 2008, heißt es in der Studie.

Fachkräftemangel trübt die Aussichten

Der Aufschwung der Baubranche dürfte also weitergehen – wenn es nur genügend Arbeitskräfte gäbe. „Der Fachkräftemangel ist das wichtigste Thema für viele Betriebe in Brandenburg“, sagt Manja Schreiner. Vor allem in den strukturschwachen Landstrichen sei die Lage sehr ernst, überall fehlten neue Bewerber.

Warum sich so wenige Bewerber fänden? „Die schwere körperliche Arbeit bei Wind und Wetter schreckt sicher einige ab“, sagt Schreiner. Doch ein wichtiger Faktor sei auch die dreigliedrige Ausbildung selbst, die an mehreren Standorten stattfände. Zum Teil lägen weite Entfernungen dazwischen, die für die Jugendlichen mit dem öffentlichen Nahverkehr kaum zu überwinden seien. In Potsdam sei das Problem nicht ganz so dramatisch. Die Stadt profitiere auch hier von ihrer Nähe zu Berlin, sagt Schreiner.

Die Baubranche boomt. Da Berlins Mieten immer teurer werden, zieht es viele aufs Land.
Die Baubranche boomt. Da Berlins Mieten immer teurer werden, zieht es viele aufs Land.Foto: Patrick Pleul

Insgesamt ist die Baubranche in Brandenburg überaltert. „Nach unseren Berechnungen wird bis 2030 ein Viertel der Bauarbeiter in Rente gehen“, sagt Robert Momberg. „Im vergangenen Jahr konnte nur jedes dritte Unternehmen den akuten Personalbedarf decken. Es muss uns gelingen, diese Lücke zu schließen.“

Und das möglichst schnell. Denn in Zeiten des Klimawandels und der Digitalisierung kommen weitere Herausforderungen auf die Branche zu. Auftraggeber verlangen heute nach innovativen Bauweisen und einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Deshalb sind neue Methoden gefragt wie das Bauen mit Holz statt Beton oder die serielle Fertigung von Bauteilen. Doch die Umstellung kostet die Unternehmen viel Geld und Zeit.

Digitalisierung auf der Baustelle

Außerdem gewinnen digitale Methoden der Planung an Bedeutung wie zum Beispiel das Building Information Modeling (BIM), eine umfangreiche Software zur Baudokumentation. Doch auf den Baustellen sind momentan noch selten mobile Endgeräte wie iPads zu sehen.

In der Praxis werden Baupläne und Unterlagen in der Regel auch 2019 noch auf Papier gedruckt. Glaubt man dem Bauindustrieverband Ost, hapert es beim digitalen Wandel an der Infrastruktur: „Vor allem ist die Politik gefragt, endlich den Breitbandausbau voranzubringen, damit die Baubranche auch jenseits der Ballungsräume mit großen Datenmengen umgehen kann“, sagt Momberg.

Nicht nur das einzelne Haus muss heute nachhaltig geplant und gebaut werden, auch die Anforderungen an die Stadtplanung haben sich gewandelt. Raum und Ressourcen müssen so sparsam wie möglich genutzt werden, gleichzeitig erwarten Investoren und zukünftige Bewohner ein hohes Maß an Lebensqualität.

Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der Fahrrad-Infrastruktur zum Beispiel hat große Auswirkungen auf den zukünftigen Wert von Immobilien. Ob die Region den Herausforderungen unserer Zeit tatsächlich gewachsen ist, wird sich unter anderem in Krampnitz zeigen, wo in den kommenden Jahren ein Stadtviertel für 10.000 Menschen aus dem Boden gestampft werden soll.

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