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Hätte bessere Technik den Unfall verhindert? : Mahnwache für zweite Fahrradtote Berlins in diesem Jahr

In Johannisthal fand eine Mahnwache für die Fahrradfahrerin statt, die am Sonntag von einem Bus getötet wurde. Die Anwesenden fordern Konsequenzen.

Carry Fuchs Verena Mayer
Teilnehmende stehen vor der Denkaltar. Hier eignete sich der Unfall.
Foto: Verena Mayer

Schon wieder ist in Berlin eine Radfahrerin ums Leben gekommen. Schon wieder wird in Berlin ein weißes Fahrrad aufgestellt. Es ist der zweite tödliche Unfall innerhalb weniger Wochen. Bereits am 8. Januar war eine 68-jährige Radfahrerin am Kottbusser Tor in Kreuzberg durch einen nach rechts abbiegenden Lkw getötet worden.

Der Verein „Changing Cities e.V.“ hatte für Montagnachmittag zu einer Mahnwache aufgerufen. Kurz nach 17 Uhr versammelten sich die Radfahrer in grellen Warnwesten und mit weißen Fahnen am Hinterrad an der Kreuzung Berliner-Damm/Pilotenstraße. Nach Schätzung der Polizei sind rund 300 Menschen gekommen.

An der Unfallstelle haben Betroffene Kerzen angezündet und Blumen abgelegt. Dort, wo am Sonntag eine 35-jährige Frau von einem rechts abbiegenden BVG-Bus überrollt wurde. Wie berichtet, hatte sich der Unfall um 12.20 Uhr an der Kreuzung Groß-Berliner Damm, Ecke Pilotenstraße ereignet. Weitere neue Details zum Unfallhergang teilte die Polizei bislang nicht mit.

Mahnwachen sind zu traurigen Routinen geworden

Unter den Anwesenden herrscht Trauer, Wut und Entsetzen. Einige waren am Sonntag selbst mit dem Rad unterwegs: „Der Himmel war klar, ein guter Tag, um Rad zu fahren. Es ist makaber, die Sicherheitsvorkehrungen zu loben, wenn sie doch so offensichtlich versagt hätten“, meint ein Teilnehmender.
Keiner kann sich erklären, wie es sein kann, dass der Busfahrer die Radfahrerin am helllichten Tag nicht gesehen hat. Und es erst nach wenigen Metern gemerkt hat. „Leider wieder.“ Die Mahnwachen sind zur traurigen Routine geworden.

Das Jahr 2020 sei noch keine drei Wochen alt, schon gebe es fünf Verkehrstote, sagt ein Sprecher von „Changing Cities“ in seiner Ansprache. Er fordert: Bessere Schulung für BVG-Fahrer, Geschwindigkeitsbegrenzung für Abbiegemanöver, besseren Schutz für Kreuzungen.

Teilnehmer suchen Erklärungen

Man dürfe sich nicht auf die Technik verlassen, meint eine Anwesende. Wer weiß, ob man die Systeme nicht abschalten könne. Es brauche strengere Strafen für Ablenkung am Steuer. Doch auch bei den Radfahrern selbst wird die Schuld gesehen. Diese müssten sich besser schützen, meint eine Frau. Beispielweise durch hellere Kleidung. Die meisten Unfälle, sagt ein anderer, geschehen aber am helllichten Tag.

Kurz nach halb sechs wurde das weiße Geisterrad auf die Kreuzung gelegt. Die Gedenkenden versammelten sich in einem Kreis um das Rad. Dreimal wurde die Fahrradklingel geläutet. Dann gab es einige Schweigeminuten. Um kurz nach 18 Uhr geht es weiter mit einer Fahrraddemo Richtung Verkehrsministerium.

Gedenken in Weiß. Ein solches Fahrrad wurde auch am Montagnachmittag auf die Straße gelegt.
Gedenken in Weiß. Ein solches Fahrrad wurde auch am Montagnachmittag auf die Straße gelegt.Foto: dpa/Jörg Carstensen

Der Bus hatte Kameras für den toten Winkel

Bei dem Unfallbus handelt es sich um einen erst 2019 ausgelieferten einstöckigen und zwölf Meter langen Citaro des Herstellers Mercedes-Benz. Er war, wie üblich bei den neueren BVG-Bussen, mit einer über der Vordertür angebrachten Kamera ausgestattet, die den toten Winkel neben dem Fahrzeug erfassen soll. Die Bilder werden auf einen Bildschirm rechts vor dem Fahrer geschickt.

Bei diesem rein optischen System habe es sich um einen Sonderwunsch des Kunden gehandelt, hieß es beim Hersteller in Stuttgart. Optional werden von Mercedes-Benz zwei andere Assistenzsysteme angeboten, über die der Unfallbus nicht verfügte.

Das „Preventive Brake Assist“ genannte System empfiehlt der Hersteller als „den weltweit ersten aktiven Bremsassistenten für Stadtlinienbusse“. Bei akuter frontaler Kollisionsgefahr mit einem anderen Fahrzeug, einem Radfahrer oder Fußgänger warnt es durch ein rot aufleuchtendes Dreieck mit Fahrzeugsymbol im Zentraldisplay vor dem Fahrer, dazu ertönt ein akustischer Warnton. Gleichzeitig wird eine Teilbremsung eingeleitet, bis der Fahrer eingreift oder der Wagen zum Stehen kommt.

„Sideguard Assist“ hätte helfen können

Eine Vollbremsung gibt es dabei nicht – zum Schutz der Passagiere, die stürzen und sich verletzen könnten, wie es bei unvermeidlichen Vollbremsungen gelegentlich passiert.

Dieses System hätte bei dem Unfall in Johannistal nicht eingegriffen, es handelte sich ja um einen seitlichen Zusammenstoß. Für solche Situationen wurde der „Sideguard Assist“ entwickelt. Es arbeitet mit zwei Nahbereich-Radarsensoren auf der Beifahrerseite und einer Warnanzeige – bei Linienbussen in der rechten dortigen A-Säule der Karosserie, bei Reisebussen im rechten Außenspiegel.

Lkw-Abbiegeassistenten gefordert

Befindet sich eine Person in der seitlichen Überwachungszone, wird der Fahrer zunächst durch eine gelbe LED-Leuchte in Dreiecksform informiert, zudem gibt es einen Warnhinweis im Zentraldisplay. Falls die Gefahr eines Zusammenstoßes steigt, blinkt die Warnlampe erst in Rot, leuchtet dann permanent, und eine Vibrationswarnung im Fahrersitz wird ausgelöst. Eine Zwangsbremsung erfolgt nicht.

Anlässlich des Unfalls forderte Henner Schmidt, infrastrukturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus, vom Bund Maßnahmen, dass Lkw-Abbiegeassistenten möglichst vor der von der EU festgesetzten Frist installiert werden. Auch sollte der Senat den freiwilligen Einbau stärker fördern.

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