Hausaufgaben-Hilfe : Kontrolle blockiert Vertrauen

Am Morgen der Klassenarbeit keinen Schimmer? Kann passieren. Allerdings ist das nicht unbedingt Sache der Eltern, findet unsere Autorin.

Vielen Schülern fallen die Hausaufgaben erst abends ein.
Vielen Schülern fallen die Hausaufgaben erst abends ein.Foto: Jens Kalaene/picture alliance/dpa

Das Schuljahr hat ganz gut begonnen. Die Kinder sind ausgeruht und einigermaßen sortiert, aber das wird nicht so bleiben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mein Sohn die erste Vokabelarbeit in den Sand setzt und meine Tochter um acht Uhr abends „Ich kann nicht mehr!“ intoniert, weil ihr gerade eingefallen ist, dass die Mathehausaufgaben, seit Tagen bekannt, morgen früh fällig sind.

Was mache ich dann? Die Kinder anschreien? Mich zurückziehen, weil ich schließlich schon tausend Mal gepredigt habe, dass Dranbleiben alles ist, macht euren Kram doch alleine? Mich hinsetzen und den Stoff mit ihnen durchgehen, obwohl ich mein Abitur verdammt nochmal schon längst in der Tasche habe?

Alles schon ausprobiert, hat alles nicht geholfen. Was aber einen Durchbruch gebracht hat, war eine Erkenntnis, die mich im letzten Schuljahr traf wie ein Blitz. Mein Sohn, 7. Klasse, bilingualer Zweig, wollte um sieben Uhr früh von mir in Englisch abgehört werden, Klassenarbeit am selben Tag. Aber egal, was ich fragte – der Junge hatte keinen Schimmer. Er wusste buchstäblich nichts. Fassungslos starrte ich ihn an. Wenn ich von den Schulfächern was draufhabe, dann Englisch. Ich kann das nicht nur richtig gut, ich bilde mir auch ein, ziemlich geduldig zu sein und mich bereitwillig zur Verfügung zu stellen. Und jetzt das!

Wie damals in Latein

An dieser Stelle klingelte etwas bei mir. Kinder haben ja die Eigenschaft, in ihren Eltern längst vergessene, überwunden geglaubte Situationen wieder hochzuholen. Diese hier kam mir sehr vertraut vor, nur war damals die Sprache Latein, mein Vater der fassungslose Spezialist und ich das peilungslose Kind. Jahrelang ist er zweimal in der Woche mit mir den Stoff durchgegangen, geduldig, bereitwillig. Wenn ich dann zum hundertsten Mal die beiden grundlegenden Satzkonstruktionen ablativus absolutus und ACI durcheinanderbrachte, schaute er mich genauso fassungslos an wie ich jetzt meinen Sohn.

Latein ist nie richtig bei mir angekommen, als hätte mein Vater es auf seiner Seite festgehalten, anstatt mich damit losgehen zu lassen. Während ich noch mein Kind anstarrte, begann es in meinem Kopf zu rattern. Wo halte ich fest? Wie bei einem einarmigen Banditen ruckelte die entscheidende Frage heran und blieb direkt vor meinem inneren Auge stehen: Warum willst du so dringend, dass dein Kind gute Noten schreibt? Damit es später eine gute Arbeit findet, ein gutes Leben hat? Mag sein. Aber die ehrliche Antwort lautet: Ich will, dass mein Kind Erfolg hat, weil ich sonst als Mutter versage.

Das saß. Und es tat weh. Wer will schon ein solcher Egoist sein, dass er die eigene Versagensangst über den Erfolg der Kinder stellt! Doch kaum etwas ist so scheußlich wie das Gefühl, zu versagen – gerade den eigenen Kindern gegenüber. Mir wurde klar, dass ich mich und meinen Jungen unter Druck gesetzt hatte, um mich der Möglichkeit des Versagens nicht stellen zu müssen.

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