Heiligabend im Kino : Lieber Sneak Preview als „Stille Nacht“

Popcorn statt Gans: Drei Freunde verbringen jedes Jahr Heiligabend im Filmtheater am Friedrichshain. Die Veranstaltung ist eine echte Berliner Institution.

Caspar Schwietering
Fast jedes Jahr verbringt Nana Frisch (Mitte) mit Freunden im Filmtheater am Friedrichshain.
Fast jedes Jahr verbringt Nana Frisch (Mitte) mit Freunden im Filmtheater am Friedrichshain.Foto: Mike Wolff

Als der finale Abspann im Filmtheater am Friedrichshain lief, war der letzte Bus schon weg. Also stapfte Nana Frisch durch den Schnee zum Hackeschen Markt. Während sie durch die leeren Straßen ging, sah sie hoch zu den Fenstern, in vielen Wohnungen war noch Licht. Sie entdeckte Menschen, die tanzten. Aber auch Leute, die miteinander stritten. „Die hatten sich um einen schönen Abend bemüht und waren daran gescheitert“, sagt Frisch. „Und ich war ganz beseelt, weil ich so einen schönen Heiligabend gehabt hatte.“

Das war 2001. Für Frisch war es das erste Weihnachten nach der Trennung von ihrem Mann. Alleine war sie trotzdem nicht: Zusammen mit 300 anderen verbrachte sie den Abend im Kino, bei der „Heiligen Sneak Preview Nacht“ im Filmtheater am Friedrichshain – seit vielen Jahren eine Berliner Weihnachtsinstitution.

Nach einem Sektempfang können die Besucher drei von sechs Filmen anschauen, die erst im Laufe des nächsten Quartals regulär im Kino zu sehen sein werden. Dazwischen Pausen mit Schlangestehen am Buffet, essen, trinken und reden. Erst gegen zwei Uhr morgens ist der letzte Film zu Ende.

„Ich bin ein Weihnachtsmuffel“, sagt Frisch. Schon mit ihrem Mann war sie ab und zu bei der Heiligen Sneak Preview Nacht. Als sie sich trennten, wollte die 59-Jährige unbedingt wieder dort sein – in einer Umgebung, in der sie sich wohlfühlte. „Die Menschen kommen an diesem Abend ganz unkompliziert ins Gespräch“, sagt Frisch. „Man sitzt zusammen an langen Bänken oder steht in der Warteschlange zur Bar und redet über die Filme.“

Seitdem hat Nana Frisch kaum eine Heilige Preview Nacht verpasst. Über die Jahre lud sie immer mehr Leute ein, mitzukommen, sodass sie inzwischen Weihnachten wieder mit der Familie feiert – mit ihrer Kinofamilie. „Wir sind alle Schlangenmenschen“, sagt Frisch.

Schlange stehen vor der heiligen Preview Nacht im Filmtheater am Friedrichshain im vergangenen Jahr.
Schlange stehen vor der heiligen Preview Nacht im Filmtheater am Friedrichshain im vergangenen Jahr.Foto: privat

Der Ausdruck bezieht sich auf die langen Schlangen im Haus der Berliner Festspiele, wo Frisch jedes Jahr mit ihren Freunden ab den frühen Morgenstunden versucht, die besten Karten für die Berlinale zu ergattern. Das schlechte Ticketing-System des Festivals habe sie zusammengeführt, sagt Frisch, die „Mutter der Schlange“. So hat der Tagesspiegel sie einmal genannt, mittlerweile bezeichnet sie sich selbst so.

„Die wirkten, als seien sie bei einem Picknick“

Zwei ihrer „Schlangenkinder“ trifft Frisch kurz vor Heiligabend in einer Bar in Kreuzberg. Als Erstes kommt Ralf Hoffmeister dazu. Der 55-Jährige erinnert sich daran, wie er Frisch 2004 kennengelernt hat: Er hatte seine Tochter im Kinderwagen dabei, als er ins Haus der Berliner Festspiele kam und „diese wunderbar organisierte Gruppe“ sah. „Die wirkten, als seien sie bei einem Picknick“, erzählt er. Weil Hoffmeister jeden Tag wiederkam, mit dem kleinen Kind aber immer etwas spät dran war, steckte Frisch ihm schließlich ein paar Berlinale-Karten zu. Seitdem sind sie befreundet.

Zwischen den Filmen gibt es im Filmtheater an Heiligabend auch ein Buffet für die Besucher.
Zwischen den Filmen gibt es im Filmtheater an Heiligabend auch ein Buffet für die Besucher.Foto: Yorck Kinogruppe/Günter Hohl

Als Hoffmeister sich von der Mutter seiner Tochter trennte, war für ihn klar, wo er Weihnachten verbringen würde: Mit Nana Frisch und den anderen bei der Heiligen Preview Nacht. Er freue sich jedes Jahr aufs Neue, wenn er die Treppen zum hell erleuchteten Filmtheater hochgehe. Es habe an diesem Abend etwas von einer Kirche. „Das ist ein besonderer Moment für mich, mein Ticket hochzuhalten und reinzukommen.“

Ein Abend mit Freunden ohne Gans und „Stille Nacht“

Auch Alexander Katt ist Teil der Gruppe. Es gebe Filme, sagt Katt, da wisse er noch ganz genau, dass er sie in der Heiligen Preview Nacht gesehen habe, weil sie sich in seiner Erinnerung mit diesem Ereignis und mit den Menschen dort verbunden hätten. Viele Bekannte treffe er nur einmal im Jahr dort. Am Anfang seien die Leute meist noch etwas steif, aber im Laufe des Abends entstehe ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Nana Frisch erinnert sich kaum noch an die Filme, für sie steht die Begegnung im Vordergrund. Die Veranstaltung biete eine Möglichkeit, den Abend gemeinsam mit Freunden zu verbringen, ohne dass man eine Gans braten und „Stille Nacht“ singen müsse.

Festtagsschmaus mit der "Kino-Familie" im Filmtheater am Friedrichshain.
Festtagsschmaus mit der "Kino-Familie" im Filmtheater am Friedrichshain.Foto: Yorck Kinogruppe/Günter Hohl

1987 haben Reiner Veit und Günter Hohl sich diese Alternative ausgedacht. Veit war damals Filmkritiker beim Sender Freies Berlin und Hohl arbeitete im Broadway-Kino, wo die ersten Heiligen Preview Nächte stattfanden. „Damals war ja alles geschlossen Heiligabend“, sagt Veit. „Die Kneipen, die Clubs – alles war zu.“ Nur in ein oder zwei Kinos liefen Klassiker oder Comic-Filme. Das Konzept, neue Filme zu zeigen, funktionierte von Anfang an.

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Veit, der lange am 24. Dezember im SFB die Sendung „Heiligabend nicht allein“ moderierte, schaute im Anschluss immer kurz im Broadway-Kino vorbei. „Die Menschen freuten sich sehr. Das, was wir boten, war damals einzigartig“, meint Hohl. Besucher seien aus Süddeutschland, aus Köln, Hamburg und sogar Amsterdam gekommen.

Am Anfang gab es nur Schmalzstullen und Weihnachtskekse

Viel verändert haben die Gründer seitdem nicht. Anfang der Neunziger zogen sie um ins Filmtheater am Friedrichshain, da war mehr Platz. Und das Catering wurde mit den Jahren professioneller. Am Anfang gab es nur ein paar Schmalzstullen und Weihnachtskekse. „Das Büfett folgte am Anfang nur praktischen Überlegungen: Die Besucher mussten ja zwischendurch auch mal was essen“, sagt Hohl. Über den SFB machte Veit zu Beginn noch viel Werbung für die Veranstaltung. Das gab er irgendwann auf. „Die Karten waren eh immer schon vergriffen.“

Nana Frisch und ihre „Schlangenfreunde“ haben sich ihren Zugang schon im Oktober gesichert. Einer von ihnen sah im Blättchen der Yorck-Kinogruppe, zu der das Filmtheater am Friedrichshain gehört, eine kleine Werbung für „HPN-Tickets“. Das sei der Code für Eingeweihte, sagt Frisch. Sie verständigten sich untereinander und fuhren in den nächsten Tagen zu einem Yorck-Kino, um sich ihre Tickets zu kaufen. Damit begann für die drei auch schon die Vorfreude auf diesen Abend.

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