Heim "Our Kids" in Kiew : Durch das Leben geboxt

Die Berlinerin Barbara Monheim hat in der Ukraine eine Akademie gegründet und hilft Jugendlichen, sich zu engagieren.

Groß im sozialen Geschäft. Gründungsrektor Marek Belka, Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko und Barbara Monheim.
Groß im sozialen Geschäft. Gründungsrektor Marek Belka, Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko und Barbara Monheim.Foto: promo

Natürlich gibt es gute Taten, die einfach und schnell zu erledigen sind, aber die fallen nicht in Barbara Monheims Bereich. Wenn die aus Polen stammende Berlinerin die Welt verbessert, ist Kampfgeist gefordert, Furchtlosigkeit und ziemlich viel Zähigkeit. Erfolge? Die ganz großen werden vielleicht erst in einer oder zwei Generationen sichtbar.

Aber die kleinen genießt sie praktisch einmal monatlich. Meistens in Kiew im Zentrum „Our Kids“. Im Konferenzzentrum, das dem Haus für Straßenkinder eingegliedert ist, entstehen bei monatlichen Begegnungen der Stipendiaten des Democratic Study Center die Grundlagen für eine bessere Zukunft in der Ukraine.

Dort erhielt gerade der zweite Jahrgang der Teilnehmer des Democracy Study Center die Abschlusszertifikate. Vor drei Jahren mit Unterstützung des Auswärtigen Amts als Projekt der German-Polish-Ukrainian-Society gegründet, geht es bei dem Kolleg darum, mithilfe von aufstrebenden jungen Führungskräften, Doktoranden und Nachwuchswissenschaftlern aus der Ukraine, aber auch Moldawien, Georgien und Russland Demokratie und bürgerschaftliches Engagement zu stärken – auch durch Vermittlung der wachsenden Rolle der Zivilgesellschaft.

„Partizipation“ ist ein Begriff, der in westlichen Ländern etabliert ist, in den Herkunftsländern der Stipendiaten mitunter eine elektrisierende Wirkung hat.

Vitali Klitschko hat das Vorzeigeprojekt von Anfang an mitverfolgt

Nicht einfach regiert zu werden, sondern die Gesellschaft, in der man lebt, aktiv und selbstbewusst mitzugestalten, ist für die jungen Leute in der Ukraine ein ungeheuer attraktiver Gedanke, hat Barbara Monheim erfahren. Bevor sie ihr Land 1981 verließ, hätte sie sich als junge Frau in Polen selber die Chancen gewünscht, die sie für andere jetzt schafft: Ideen von hochkarätigen Dozenten aus aller Welt vermittelt zu bekommen, Netzwerke zu knüpfen, den Horizont zu weiten.

Aus Chicago waren Niamh King und Juliana Kerr vom Council on Global Affairs gekommen, aus London der Professor für Urban Design, Peter Bishop, und auch der frühere Bürgermeister von Wroclaw, Rafal Dutkiewicz, diskutierten mit über Themen wie „Populismus und die Herausforderungen für liberale Gesellschaften“ oder „Eine globale Stadt im 21. Jahrhundert planen“. Unter anderem ging es um Spannungsbögen zwischen korrupten Netzwerken mit Clan-Strukturen und Pionieren nationaler Reformprojekte.

Kein Wunder, dass auch der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, das Vorzeigeprojekt von Anfang an mitverfolgt hat. Gründerin Barbara Monheim will Dialoge anzetteln, die Grenzen überschreiten, generationen- und fachgebietsübergreifend sind. Als Gründungsrektor gewann sie sogar den früheren polnischen Ministerpräsidenten und Hochschullehrer Marek Belka.

Aus Fehlern muss man lernen

Schauplatz der Dialoge ist das Zentrum „Our Kids“ in Kiew, ein Haus für Straßenkinder, das Monheim unter jahrelangen Mühen gegen teils heftigen Gegenwind von Behörden und Politikern, aber am Ende mit hochkarätigen Helfern wie Volker Schlöndorff, Richard von Weizsäcker und Königin Silvia von Schweden doch verwirklichen konnte.

Anfechtungen gibt es immer wieder, noch ist nichts sicher in einer Gegend der Welt, in der Korruption immer noch Schatten wirft. Aber viele Kinder konnten hier schon erlöst werden von einem grausamen Dasein in der Kanalisation. Zwar gibt es bei so einem Projekt auch große Rückschläge.

Dass man bei Pflegeeltern, die gleichzeitig Vormünder sind, auch mal ganz die falschen Kandidaten an Land ziehen kann, ist ein Problem, das in der Ukraine überall existiert, so auch hier. Aus Fehlern muss man lernen. Barbara Monheim lässt sich so leicht nicht erschüttern, und aufgeben, weil etwas schwierig ist, kommt schon mal gar nicht infrage für sie.

Die jungen Osteuropäer wollen Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Freiheit überhaupt

Vom Enthusiasmus, von der Neugier und dem Wissenshunger der Stipendiaten lässt sich Barbara Monheim immer wieder begeistern und wohl auch trösten über manchen Rückschlag hinweg. Hit des aktuellen Abschlussseminars war ein von den Stipendiaten entwickeltes Spiel auf Ukrainisch, mit dem man, ähnlich wie bei Monopoly, Wirtschaftsgrundlagen erlernen kann.

Mit dem ersten Exemplar konnten die Kinder im Zentrum gleich loslegen. Ein anderes Projekt betraf den Einfluss der orthodoxen Kirche auf die politische Entwicklung. Auch da zeigten die Teilnehmer einen wachen Blick für scheinbar kleine, aber dennoch bedeutsame Details, für die teure Luxusuhr etwa, die unterm Habit eines Kirchenfürsten hervorschimmerte.

Berührend ist für die Stifterin vor allem das große Interesse an Werten und an Gesprächen darüber. Die jungen Osteuropäer sind begierig darauf zu gewinnen, was im Westen vor dem Hintergrund allzu großer Selbstverständlichkeit nicht ungefährdet ist: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Freiheit überhaupt. Viele hatten noch nicht die Möglichkeit, sich auf Reisen weiterzubilden. Ihre Fragen betreffen zum Beispiel „Fake News“: Wie erkennt man sie? Wie entlarvt man sie? Wie wirkt man falschen Nachrichten entgegen?

Monheim setzt große Hoffnungen in den neuen ukrainischen Präsidenten

Fast alle Teilnehmer haben neben der wissenschaftlichen Tätigkeit auch eine normale Arbeit und vor allem widmeten sie sich eigenen karitativen Projekten. Das gefällt der Gründerin besonders, weshalb sie das Zentrum auch nicht in erster Linie als „Think Tank“ sieht, sondern als „Do Tank“. Aktion statt Kontemplation, das ist so ganz nach ihrem Herzen. Sie will den jungen Osteuropäern intellektuelles Werkzeug in die Hand geben, damit sie mit Herausforderungen fertig werden. Sicherheit ist auch so eine Sache, die im Westen für selbstverständlich gehalten wird, die in Gesellschaften, die teils noch stark mit Korruption zu kämpfen haben, aber jederzeit brüchig werden kann.

Gründet jemand in Deutschland ein Start-up-Unternehmen, kann er zwar scheitern, aber es kann ihm immerhin nicht einfach weggenommen werden. Wie man am besten einen Mittelstand aufbaut in der Ukraine, aber auch in Moldawien oder Georgien, gehört ebenfalls zu den Themen, die behandelt werden, ebenso die Bedeutung von Nachhaltigkeit und Umweltschutz.

Am Flughafen in München lernte Barbara Monheim zufällig ein Ehepaar kennen, das in der Pharmabranche unter anderem in Osteuropa aktiv ist. Dem verdankt das Zentrum eine Vorrichtung, mit der man Sonnenenergie für die dunklen Monate speichern kann. Motivation und Inspiration beschränkt sich eben nicht nur auf die Stipendiaten, von denen schon über 50 das Programm absolvierten, sondern auch auf neue Sponsoren.

Große Hoffnungen setzt Barbara Monheim in den neuen, jungen Präsidenten der Ukraine, dass er erkennt, aus was für einem großen Potenzial brillanter junger Leute er schöpfen kann.

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