Berlin : Hermann Meister (Geb. 1966)

Er hatte alles. Und hat alles wieder verloren

Sein Glück war der alte Mann. Gustav hieß er und lebte in der Nachbarschaft. Einmal in der Woche trafen sich die beiden, nur der Alte und der Junge, in einem eleganten Café bei einer Torte und einem Kaffee. Sie redeten, lachten, und der Junge konnte sein Herz ausschütten. Wenigstens für ein paar Stunden waren sie fort, die Verantwortung und die Traurigkeit. Gustav war für Hermann, wie ein Vater hätte sein sollen. Ein Lichtblick. Ansonsten war Hermanns Kindheit ziemlich finster.

Schaut man sich Fotos von damals an, sieht man einen kleinen Jungen mit Sorgenfalten auf der Stirn, mit einem gequälten Lächeln um den Mund und dunklen, wirklich traurigen Augen. In Lichterfelde wuchs er auf, der Vater ein erfolgreicher Klinikarzt, die Mutter Hausfrau. Hermann kam als Erster auf die Welt, drei Geschwister folgten. Musikunterricht, Geld, gute Schule, alles da, doch das Wichtigste fehlte: die Liebe. Die zwischen den Eltern, die zu den Kindern.

Der Vater trank, zog in den Keller, stahl sich davon. Die Mutter konnte wütend werden, dann schmiss sie mit Büchern. Doch meistens war sie hilflos. Essen kochen, einkaufen, Alltag: schwierig. Das übernahm Hermann. Und er kümmerte sich auch um seine Geschwister. Dafür liebte die Mutter ihre Hunde. Die wurden immer mehr, wuselten rum, leckten das Essen von den Tellern. Was den Kindern fehlte, das bekamen die Tiere. Wenn die Familie zusammenkam, zu Weihnachten, an Geburtstagen, bekam Hermann Migräneattacken und war wie ausgeschaltet. „Hab dich doch nicht so“, sagten dann die anderen.

Dennoch, sein bester Freund sagt über ihn: „Er war der stärkste Mensch, den ich je kennengelernt habe.“ Seine Lebensgefährtinnen vermissen ihn als Zuhörer, als Gesprächspartner, als jemand, der sie inspirierte. Sein Sohn hat nun keinen Vater mehr, der mit ihm malt, spielt und ihn mit der Liebe ausstattet, die ihm selber verwehrt geblieben war. Hermann hatte Frau und Kind, eine Anwaltskanzlei, Anerkennung und Erfolg. Und hat alles wieder verloren.

Ein Grund: Hermann konnte nicht „Nein“ sagen. Immer übernahm er die Verantwortung, gefragt und ungefragt. Er war der Vater für seine Freunde, für seine Lebensgefährtinnen, für seine Geschwister und seine Mutter. Schon schwer krank, schrieb er die Studienarbeiten für seine Schwester. Wurde er nicht rechtzeitig fertig, bekam er Ärger mit ihr. Seine Mutter meldete sich beinahe täglich, weil sie seine Hilfe brauchte. Sie rief, er sprang. Ein paar Stunden vor seinem Tod stand sie an seinem Krankenbett mit ihrem neuen Handy. Das sollte er ihr einrichten. Was er auch versuchte, betäubt vom Morphium, mit zitternden Händen, unfähig zu sprechen.

Die meisten Menschen, um die es hier geht, sind noch am Leben. Sicher haben sie eine andere, eigene Sicht auf die Dinge. Um sie nicht in die Öffentlichkeit zu stellen, auch weil sie nicht darum gebeten haben, haben wir den Namen geändert. „Hermanns“ Geschichte, so wie sie hier steht, erzählen seine letzte Lebensgefährtin und sein bester Freund.

Am liebsten erinnern sich die beiden an den lachenden Freund. Mit seinen lachenden Augen zog er sie alle in seinen Bann. Was war noch bemerkenswert an ihm? Sein Körper war drahtig und trainiert, denn er schwamm und turnte. Spielte Saxofon in einer Schülerband. Sie coverten Pink Floyd und traten in Schülerclubs auf. Mit seiner Querflöte stand er im Schulorchester, außerdem lernte er Klavier. Später liebte er es, Motorrad zu fahren und eins mit dem Wind zu werden. Man konnte sich bei ihm aufgehoben fühlen, beachtet und angenommen. Wenn er zuhörte, tat er das mit seiner gesamten Aufmerksamkeit.

Frauen verliebten sich in ihn, sahen ihn und waren hin und weg. Liebte Hermann zurück, tat er es mit völliger Hingabe. Strömte über vor Liebe – und verlangte dasselbe von ihnen. Ständig suchte er den Kontakt, wollte berühren, die Hände, das Gesicht, den Geist. Ausgehungert nach Wärme und Zuneigung. Seine erste Freundin lernte er in der Kirchengemeinde kennen. Sie 13, er 14. Seine zweite Freundin war 14, er 21. Zehn Jahre blieben sie zusammen. Dann hatte sie genug von seiner Vaterrolle, machte sich los und ging ihren eigenen Weg.

Hermann studierte Jura. Gesetze lernen und strukturiert arbeiten, sich in komplexe Probleme reindenken, das konnte er gut. Sein Traum war es, sich mit seiner eigenen Kanzlei selbstständig zu machen, sein eigener Chef zu sein und für andere Verantwortung zu übernehmen. Aber nach ein paar Semestern, er war gerade einmal 23, stellte sich sein Körper das erste Mal gegen ihn.

Sein bester Freund erinnert sich, wie er Hermann so geschwächt sah. Auf der Quarantänestation war das. Ein langer Gang, von dem Einzelzimmer abgingen. Eine Glasscheibe, ein Telefonhörer, der direkte Kontakt war verboten. Da saß Hermann, der für alle immer so stark sein wollte, schwach und angreifbar. Eine autoimmune chronische Hepatitis machte ihn fertig. Das Immunsystem bekämpfte die Leber. Blasses Gesicht, eingefallene Wangen. Die Krankheit ist selten und unheilbar, der Auslöser unbekannt. Wolle er weiterleben, müsse er Kortison in sehr hoher Dosierung einnehmen, lebenslang, mit all den Nebenwirkungen.

Und das war nur der Anfang. Systematisch begann sich sein Körper selbst zu bekämpfen. Es war, als ob ein Teil von Hermann dem anderen ultimativ mitteilen wollte: Entweder du kümmerst dich endlich um dich selbst, oder ich mach dich fertig.

Colitis Ulcerosa, das ist eine entzündliche Magenerkrankung, Bauchkrämpfe, Probleme mit der Bauchspeicheldrüse, Magensonden, Harnsteine und Harnleiterschiene, Narbenbrüche, Nierensteine, Nierenversagen. Ständige Lungenentzündungen. Eine Operation nach der anderen. Dazu die Migräne, das Rheuma, das Asthma, die Pollenallergien, irgendwann kamen noch Depressionen dazu, Elektroschocktherapie. Mal wog er 55 Kilo, mal 80. Wenn ihn wieder einmal etwas erwischt hatte, war er für Monate verschwunden. In Krankenhäusern, auf Rehastationen oder zu Hause im Bett. Zweimal lag er im Koma, dem Tod näher als dem Leben. Der Kampf seines Körpers ging so weit, dass er seine eigene Haut abstieß und man bis zu den Knochen durchschauen konnte. Dann diese Schmerzen. Es war gar nicht die Frage, ob er welche hatte, sondern ob er sie ertragen konnte.

Woher nahm er nur die Kraft, trotz alledem so viel zu schaffen? Er ging für ein Auslandsstudium nach England, schloss seinen Master mit sehr gut ab, absolvierte seine Staatsexamen, die Praxisstationen im Gericht und bei Anwälten. Er spezialisierte sich auf Rechtsinformatik. 2003 machte er seine eigene Kanzlei auf. Ziel erreicht.

Hermann war entweder schwer krank, oder er gab alles. Dazwischen gab es nichts.

Mit seiner dritten Freundin bekam er einen Sohn, den er mit seiner Liebe überhäufte, für den er sich ganz und gar in das Abenteuer des Vaterseins stürzte: kochen, einkaufen, windeln, in den Schlaf wiegen, spielen, Vorstandsarbeit in der Kita. Die Mutter war eine Künstlerin und machte deutlich klar, was sie von ihm erwartete: Sie brauchte einen, der die Kunst finanzierte. Natürlich machte Hermann das. „Nein“ sagen, konnte er ja nicht.

„Ich wünschte, er wäre einmal wütend gewesen und hätte laut Scheiße geschrien. Aber er blieb immer ruhig und fraß in sich rein.“ So sagt es sein bester Freund.

Er sah, dass es Hermann immer schlechter ging und dass er unfähig war, sich um die finanzielle Organisation seiner Kanzlei zu kümmern. Er versuchte ihn wachzurütteln, aber Hermann konnte oder wollte nicht zuhören. Dann entzogen sie ihm die Anwaltslizenz, weil er die Gebühren nicht mehr zahlen konnte. Seine Freundin trennte sich von ihm und zog mit dem Sohn in die Schweiz. Wann immer er das Geld zusammenhatte, fuhr er ihn besuchen, mobilisierte alle Kraft, die er noch hatte und spielte den gesunden, lachenden Vater.

Seine letzte Freundin war anders. Sie war stark, und sie brauchte niemanden, der sie rettete. „Bei dir kann ich mich fallen lassen“, schrieb er in einem Brief. Noch einmal liebte er. Und sie liebte zurück. Und er begann zu reden, sich zu zeigen, Stück für Stück. Für seinen Körper aber war es zu spät. Die Freundin konnte ihn nicht retten. Sie konnte ihn begleiten auf seiner letzten Reise.

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