Hertha BSC gegen Union Berlin : Wie sich Berliner Wirte aufs Derby vorbereiten

Das Derby wird nicht nur für Fans und Vereine nervenaufreibend. Was Berliner Wirte für diesen Sonnabend erwarten – und befürchten.

Caspar Schwietering
Frank Schaffors bewirtet Fußball-Fans in der „Schwarzen Hexe“.
Frank Schaffors bewirtet Fußball-Fans in der „Schwarzen Hexe“.Foto: Stefan Weger

Vor dem ersten Bundesliga-Duell zwischen Union und Hertha BSC im schmucken Stadionchen an der Kleinen Försterei zogen Zehntausende Fans beider Vereine Nieten in der Ticketlotterie: „Leider hast Du keine Kaufoption gewonnen.“ Für die meisten Fans ist das Spiel heute deshalb ein Kneipenderby.

Frank Schaffors, Union-Mitglied seit 1966, verzichtet freiwillig auf seine Karte. Der frühere Händler (nicht mit Karten, sondern mit Waren bei der Ost-Berliner HO, dann bei Kaiser’s) betreibt seit fast 20 Jahren dieKneipe „Schwarze Hexe“ in der Paul-Robeson-Straße in Prenzlauer Berg – und die zeichnet sich dadurch aus, dass hier immer abwechselnd Hertha- und Union-Fahnen im Wind von Kiezhausen wehen. „Wer kieken will, ist willkommen, auch alle Herthaner“, sagt Schaffors. „An so einem Tag will ich mich um alle kümmern.“

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Der 65-Jährige hat noch die Zeiten erlebt, als beide Vereine über die Mauer hinweg eine Fanfreundschaft vereinte: als Unioner im Osten verbotene Hertha-Lieder sangen und bei Freistößen „Die Mauer muss weg“ riefen; als Herthaner Westwimpel in den Osten schmuggelten und den Schlachtruf „Eisern Berlin“auf den Lippen trugen. „Das ist nach dem Mauerfall leider etwas zerbrochen“, bedauert Schaffors.

Die „Lenau-Stube“ ist „Hertha-Gebiet“

In Helmut Freitags Eckkneipe verirren sich kaum Union-Fans. „Wir liegen einfach mitten im Hertha-Gebiet“, sagt der Wirt. In seiner „Lenau-Stube“ in der gleichnamigen Straße im Neuköllner Reuterkiez ist sogar ein Fanklub der alten Dame zuhause – „Die Lenau UM-Pflüger“. Der sperrige Name verweist auf den alten Standort des Klubs – eine inzwischen geschlossene Schultheiss-Kneipe in der nahegelegenen Pflügerstraße. Das goldene Zeitalter der Neuköllner Fußballkneipen ist eben inzwischen vorbei. Zu Helmut Freitag kommen am späten Abend heutzutage vor allem Studenten, Start-up-Menschen und Hipster.

Sie schätzen den rauen Charme der verrauchten Kiezkneipe, mögen den Plastikbaum in der Mitte des Raumes, den Billardtisch, die Dartscheibe, aber interessieren sich nicht für Fußball. Freitag freut sich über die neuen Gäste. „Ohne die jungen Leute gäbe es meine Kneipe in dieser Form auch nicht mehr.“ Am Derby-Abend steht bei ihm aber der Fußball im Fokus. Freitag erwartet 60 bis 80 Fans. Vielleicht auch Unioner. „Dass sich einige meiner Hertha-Jungs in so eine Abneigung gegen Union reingesteigert haben, finde ich gar nicht gut.“

Helmut Freitag bewirtet Fans in der „Lenau-Stube“ in Neukölln.
Helmut Freitag bewirtet Fans in der „Lenau-Stube“ in Neukölln.Fotos: Stefan Weger

In der Kaiserin-Augusta-Allee – mitten im sonst blau-weißen Charlottenburg – weht eine rote Union-Fahne vor der Kneipe „Zum Straßenfeger“. Innen hat Wirt Norbert Schwarz Dutzende Fan-Schals an die Decke genagelt, darunter auch ein paar mit Hertha-BSC-Aufdruck. Für Live-Übertragungen aus der Bundesliga gibt es eine Großbildleinwand mit einem Projektor und einen Flachbildfernseher. „Der Straßenfeger“ ist die Fußballkneipe für Union-Fans im Berliner Westen.

Der Wirt stammt aus Lichtenberg und sagt, er sei „seit 50 Jahren Unioner“. Ein Jahr vor dem Mauerfall war er 1988 legal aus Ost-Berlin in den Westen ausgereist. Sein Lokal gibt es seit zehn Jahren, es wirkt aber alteingesessen. Flipper und Musikbox gehen noch mit D-Mark-Münzen. Im „Straßenfeger“ steht ein Stammtisch für Union-Anhänger, auf dessen hölzerner Tischplatte aber auch ein Hertha-Logo prangt. Je nachdem, welcher Berliner Bundesligist gerade spielt, sitzen hier Unioner oder Herthaner. Beim Derby sollen sie sich die Plätze teilen. Ernsthaften Streit zwischen den beiden Fangruppen hat es hier noch nie gegeben.

„Hertha-Bubis“, die sich mit „Union-Bubis“ prügeln

In einigen Köpenicker Kneipen ist das leider anders. Die Wirte sind hier mäßig begeistert vom Derby. Einer möchte erst gar nicht genannt werden, aus Angst, zwischen die Fronten zu geraten. Er habe da „schlechte Erfahrungen“ gemacht, beim letzten Derby in der Alten Försterei 2012, damals noch in der Zweiten Liga. Pöbelnde Fans und eingeschlagene Fensterscheiben. Wirtin Simone vom Café Coe am Generalshof erinnert sich an „Hertha-Bubis“, die sich mit „Union-Bubis“ prügelten, zum Glück vor ihrer Kneipe.

Das sollte sich besser nicht wiederholen. Wie sie sich auf das Derby vorbereitet? „Jar nich“. „Alles wie immer“, wenn Union zu Hause spielt, „nur dass da mehr Idioten durch die Gegend ziehen“. Idioten in Fanklamotten oder in Zivil lässt sie aus der Kneipe befördern. Willkommen sind dagegen alle, „die gemeinsam Spaß haben wollen“.

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