Herzsprung in Brandenburg : Rettungsgasse dicht: Notarzt muss laufen

Auf der A24 in Brandenburg kamen Einsatzwagen nicht durch. Der Notarzt und Sanitäter mussten mehrere Kilometer zu Fuß zurücklegen, aber Gaffer hatten keine Schuld.

Solch eine Rettungsgasse ist am Montag auf der A24 nicht entstanden.
Solch eine Rettungsgasse ist am Montag auf der A24 nicht entstanden.Foto: Peter Steffen

Herzsprung/Berlin - Das hatten selbst erfahrene Retter noch nie erlebt. Alles war dicht – kein Durchkommen mehr für den Notarzt und einen Rettungswagen. Wegen einer fehlenden Rettungsgasse mussten Sanitäter und ein Notarzt Montagnachmittag nach einem Unfall auf der Autobahn A24 bei Herzsprung im Landkreis Ostprignitz-Ruppin mehrere Kilometer zu Fuß zurücklegen, um Schwerverletzte zu versorgen. „Wir ließen die Wagen stehen, holten die Krankentragen raus – und los ging’s“, erzählt der Kreiswehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Wittstock, Steffen Müller.

Gegen 15 Uhr hatte sich ein Kleintransporter mit zwei österreichischen Insassen aus noch ungeklärter Ursache im Baustellenbereich der A24 überschlagen. Ein zuerst alarmierter Rettungswagen sowie ein Polizei- und ein Feuerwehrauto konnten den Unfallort noch über eine anfänglich gebildete Rettungsgasse auf den zwei schmalen Baustellenspuren erreichen. Doch als die Strecke nach Beginn der Rettungsarbeiten vollständig gesperrt wurde, stauten sich die Fahrzeuge derart dicht, dass sich ein nachalarmierter zweiter Sanitätswagen und der Notarztwagen nicht mehr durchschlängeln konnten.

„Das Problem waren in dieser Situation keine Schaulustigen, die uns blockierten, sondern die engen Verhältnisse der Baustellenumfahrung“, sagt Feuerwehrmann Müller. Gemäß der Straßenverkehrsordnung müssen Wagen im Stau "für die Durchfahrt von Polizei- und Hilfsfahrzeugen zwischen dem äußerst linken und dem unmittelbar rechts daneben liegenden Fahrstreifen für eine Richtung eine freie Gasse bilden". Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Unfall oder andere Ursachen den Stau auslösen. Auf Autobahnen und Bundesstraßen sollen die Fahrer also entsprechend der Spur, auf der sie gerade unterwegs sind, zum rechten oder linken Straßenbahnrand ausweichen, so dass die Retter dazwischen freie Bahn haben. Speziell für beengte Baustellenumfahrungen gibt die Polizei allerdings eine zweite, ganz andere Regel aus: Sie empfiehlt dringend, dass alle Fahrer dort nach rechts ausweichen sollen, egal auf welcher Spur sie sich befinden – weil so erfahrungsgemäß am linken Rand eine etwas breitere Rettungsgasse bleibt.

Laut Müller hielten sich die Fahrer auf der A24 aber nahezu alle an die erste allgemeine Regel, sie wichen also nach rechts und links aus – so dass die verbleibende mittlere Gasse auf der schmalen Baustellenumfahrung einfach zu eng für die Retter war. Außerdem begingen viele den Fehler, „im Stau viel zu dicht Stoßstange an Stoßstange aufzufahren“. Dadurch blockierten sie sich gegenseitig. „Sie hätten also gar keine Chance mehr gehabt, komplett nach rechts auszuweichen“, sagt Müller.

Etwa vier Kilometer legten die Retter zu Fuß zurück, bis sie die Unglücksstelle im Baustellenbereich erreichten. Dort hatten die ersten, noch durchgekommenen Sanitäter bereits eine Schwerverletzte versorgt. Um den schwerverletzten Mann, mit dem sie unterwegs gewesen war, kümmerte sich nun mit erheblicher Verspätung der Notarzt. Beide Unfallopfer wurden zur stationären Versorgung in eine Klinik gebracht.

Fehlende Rettungsgassen sind nach Unfällen häufig ein Problem für die alarmierten Helfer. In den meisten Fällen blockieren allerdings Schaulustige die Zufahrten, so beispielsweise im Juli 2017 nach einem Busunglück auf der A9 in Bayern, bei dem 18 Menschen starben. Unter dem Eindruck dieses Geschehens beschloss die Bundesregierung Ende 2017 für das Delikt wesentlich härtere Strafen : Bisher wurden Bußgelder in Höhe von 20 Euro verhängt, seit diesem Jahr kassieren die Ordnungsbehörden mindestens 200 Euro und können Fahrverbote aussprechen.

Dass dies keine leeren Ankündigungen sind, betont der Sprecher der Polizei in Brandenburg, Torsten Herbst. „Wir kontrollieren bei Staus seither wesentlich öfter, ob Rettungsgassen freigelassen werden“, sagt er. Zahlen, wie viele Bußgelder seit Jahresbeginn verhängt wurden, liegen allerdings noch nicht vor.

Zusätzlich starteten die Polizeibehörden von Brandenburg und aller anderen Bundesländer großangelegte Aufklärungskampagnen unter dem Motto „Rettungsgassen bilden – diese funktionieren nur, wenn alle Verkehrsteilnehmer sie beachten“. Zuletzt machten fehlende Rettungsgassen im Dezember 2017 in Brandenburg Schlagzeilen. Nach zwei Auffahrunfällen auf Autobahnen im Landkreis Potsdam-Mittelmark kamen die Retter nur langsam zu den Verletzten. Sie mussten sich mühsam durch den langen Stau schieben.

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