• Hilfe im Waldkrankenhaus Spandau: Wie man nach einem Oberschenkelhalsbruch wieder auf die Beine kommt

Hilfe im Waldkrankenhaus Spandau : Wie man nach einem Oberschenkelhalsbruch wieder auf die Beine kommt

Patienten über 70 haben ein erhöhtes Sterberisiko nach einem Oberschenkelhalsbruch. In Spandau arbeiten Chirurgen und Geriater eng zusammen, um das zu ändern.

Wieder Fit werden. Nach einem Oberschenkelhalsbruch ist es wichtig, die Armmuskeln zu trainieren, um eine Gehhilfe verwenden zu können.
Wieder Fit werden. Nach einem Oberschenkelhalsbruch ist es wichtig, die Armmuskeln zu trainieren, um eine Gehhilfe verwenden zu...Foto: Julia Bernewasser

Seit einigen Tagen hat Waltraud Richter (Name von der Redaktion geändert) einen neuen Freund: den Gehbock. Das Hilfsmittel zur Fortbewegung funktioniert ähnlich wie ein Rollator – nur ohne Rollen. Sie schwingt sich über die Bettkante, richtet sich auf und setzt einen Fuß nach dem anderen auf den Boden, wobei sie aufpassen muss, dass sie nur einen belastet.

Dann greift sie zum Gehbock und läuft einige Meter über den Klinikflur. „Damit fühle ich mich sicher", sagt die Frau mit den grauen Haaren und dem aufgeweckten Lächeln. „Das klappt ja auch schon richtig gut“, findet Physiotherapeutin Doris Middelhoff, die sie begleitet.

Zwei Wochen ist es jetzt her, dass Waltraud Richter in ihrem Haus die Kellertreppe hinunterstürzte. Die Diagnose: ein gebrochener Oberschenkel. „Ich habe richtig geschrien. Furchtbar waren die Schmerzen. Das war nicht mehr mein Bein“, sagt sie heute.

Nach der Operation im Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau ist die 81-Jährige nun Patientin im Alterstraumatologischen Zentrum.

Das Zentrum hat sich darauf spezialisiert, Patienten im höheren Alter (etwa ab 70 Jahren) nach einer Operation sofort geriatrisch weiter zu behandeln. Warum das so besonders und gleichzeitig so nötig ist, erklärt Ulrich Nöth, Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie im Waldkrankenhaus Spandau.

Es gebe zwei „Arten“ von Patienten. Die einen sind gesund, stehen mitten im Leben und sind jünger als 70. „Sie brechen sich den Oberschenkelhals, bekommen von uns ein künstliches Gelenk, Schrauben oder einen Nagel eingesetzt, bleiben vier bis fünf Tage im Krankenhaus und werden dann nach Hause oder in die Reha entlassen.“ Das ist jedoch die Ausnahme.

Die meisten Patienten leiden an Vorerkrankungen

Die Mehrheit ist über 70 Jahre alt, insgesamt gebrechlich und leidet an zahlreichen Vorerkrankungen. Hier kann nicht einfach die „Standard-Behandlung“ angewendet werden. Denn: „Diese Menschen haben nach einem Oberschenkelhalsbruch ein erhöhtes Risiko zu versterben", sagt Nöth.

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Eine ausschließlich unfallchirurgische Versorgung reiche da nicht aus, es brauche insbesondere eine umfassende geriatrische Behandlung. Parkinson, Demenz, Bluthochdruck, Herzinsuffizienz und viele andere Erkrankungen müssten mitberücksichtigt werden. Der eigentliche chirurgische Eingriff sei schnell gemacht, die Weiterbehandlung häufig herausfordernder.

In der Unfallchirurgie sind die Patienten falsch aufgehoben

„In anderen Kliniken bleiben diese Patienten eine Woche in der Unfallchirurgie. Da sind sie eigentlich falsch aufgehoben“, sagt Nöth. „Wir sind gar nicht auf die Vorerkrankungen spezialisiert. Das ist einfach nicht unser Fachgebiet. Wir verlegen in der Regel den Patienten innerhalb von 24 Stunden nach der Operation auf die Akutgeriatrie und machen ,nur noch’ regelmäßige Wundkontrollen.“

Das Waldkrankenhaus Spandau hat aus den Erfahrungen mit den Patienten gelernt und daher die Zusammenarbeit zwischen Unfallchirurgen und Geriatern ausgebaut. Man ziehe jetzt hier „an einem Strang“. Schon kurz nach der Einlieferung erhalten die älteren Patienten nun ein geriatrisches Assessment, in dem der Geriater Vorerkrankungen abgeklärt hat und mögliche Risikofaktoren für Komplikationen erörtert.

Der Geriater ist 24 Stunden vor Ort

Der Geriater ist im Übrigen 24 Stunden vor Ort, ist also immer zur Stelle – egal, ob der Patient morgens um 10 Uhr oder nachts um 3 Uhr in die Klinik kommt. Im Anschluss an die Operation geht es für die Patienten – im Durchschnitt 82 Jahre alt – direkt in die Akutgeriatrie, einer Station mit 120 Betten. Bei 90 Prozent der Patienten im hochbetagten Alter sei das laut Nöth notwendig.

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Der Oberschenkelhalsbruch zählt zu den gefürchtetsten Frakturen. Das Risiko im Jahr nach der Operation zu versterben, liegt bei 30 bis 40 Prozent. Der Grund: Die Fraktur trifft vor allem ältere Menschen. Aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen kommen sie nach einer Operation allerdings nur schwer wieder auf die Beine. Gar nicht zu operieren ist laut Paul Simon, Leitender Oberarzt der Unfallchirurgie, aber auch keine Alternative. „Dann versterben die Menschen aufgrund der Bettlägerigkeit oder sie bekommen eine Thrombose oder eine Lungenembolie.“

Es sterben viel weniger Patienten

Das Waldkrankenhaus Spandau hat es sich daher zum Ziel gemacht, den Patienten im Anschluss an die Operation auf interdisziplinäre Weise wieder fit zu machen. Erste Zahlen würden dem Krankenhaus recht geben, sagt Simon: „Normalerweise versterben im ersten Monat nach einem Oberschenkelhalsbruch zehn Prozent der Patienten. Bei uns sind es fünf Prozent.“

Genau diese geriatrische Anschlussbehandlung erhält gerade auch Waltraud Richter. Neben ihrem Oberschenkelhalsbruch leidet sie unter einem hohen Blutdruck und hat außerdem eine eingeschränkte Nierenfunktion.

Zunächst müssen die Armmuskeln gestärkt werden

Wie genau sieht ihre Behandlung aus? Auf der akutgeriatrischen Station gibt es einen sogenannten Therapieflur. Statt Geräte in einen separaten Raum zu stellen, hat man sich hier dafür entschieden, sie in einem breiten Teil des Flures zu platzieren – für alle zugänglich und um einiges geselliger. Ein Barren fürs Gleichgewichtstraining, eine Treppe mit verstellbarer Stufenhöhe, ein Laufband, ein Stepper (der im Sitzen zu benutzen ist) stehen hier.

Waltraud Richter darf aufgrund ihres Oberschenkelhalsbruchs das betroffene Bein nicht allzu sehr belasten. Daher geht es bei ihr zunächst darum, die Armmuskulatur zu stärken. Um Gehhilfen richtig nutzen zu können, braucht es ein paar „Muckis“. Sie setzt sich daher an ein Gerät, mit dem sie mit den Händen Radfahren kann. „Die haben hier viel Geduld mit mir“, sagt sie und lächelt. Am Nachbargerät sitzt Heinz Müller* und verkündet erste Erfolge: „Ich sollte zehn Minuten auf leichter Stufe trainieren, jetzt mache ich schon 15 Minuten die schwere Stufe.“

Viel Bewegung ist das oberste Gebot

Viel Bewegung – das ist für alle Patienten hier das oberste Gebot. Schon am ersten Tag nach der Operation sollen sie aufstehen, Laufübungen machen. Danach gibt es ein Programm mit einer Mischung aus Physiotherapie, Ergotherapie, Massage, Lymphdrainage und Schmerztherapie. 30 bis 60 Minuten Training am Tag – je nach körperlicher Verfassung – bekommen die Menschen hier auf der Station.

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„Ich kann jedem eine neue schöne Hüfte einbauen, aber wenn er diese nicht bewegt und mobil hält, dann bringt das alles nichts“, sagt Paul ­Simon. „Wenn wir ihn nicht aus dem Bett bekommen, haben wir versagt.“

Ein weiterer wichtiger Baustein der Therapie ist die Ernährung. Nicht selten liege bei den Patienten eine Fehl- oder Mangelernährung vor. „Viele Patienten leben alleine, versorgen sich schlecht, haben keine Lust zu kochen oder keinen Appetit“, sagt Simon. Dabei seien vor allem viel Proteine und Vitamin D und Kalzium wichtig – zum Knochenaufbau und damit auch zur Sturzprophylaxe. Mehrmals täglich bekommen die Patienten Getränke mit viel Eiweiß, ähnlich wie Energy-Drinks.

Die Patienten sollen wieder alltagsfähig werden

Das Ziel der Klinik: Die Patienten sollen wieder alltagsfähig werden. „Wir schauen uns an: Was braucht der Patient, um im Alltag wieder zurechtzukommen? Was war der Status Quo vor der Verletzung?“, sagt Sabine Bartels, Leitende Oberärztin der Akutgeriatrie. „Da wollen wir wieder hin. Wer vorher ins zweite Stockwerk laufen konnte, soll das auch hinterher wieder schaffen.“

In der Regel verbringen die Patienten auf der akutgeriatrischen Station 15 Tage. Danach ist die Behandlung aber noch nicht abgeschlossen. Für einige Patienten geht es in eine Reha, für andere zur ambulanten Therapie beim Physiotherapeuten und wieder andere besuchen die an das Waldkrankenhaus Spandau angeschlossene Tagesklinik, wo täglich zehn Männer und Frauen von morgens bis nachmittags Reha-Maßnahmen erhalten.

Für Richter geht es in einigen Tagen in eine Kurzzeitpflege – als Überbrückung. Danach hat sie einen Platz in der Reha, die sie wieder richtig fit machen soll. Wobei sie schon jetzt nicht müde wird zu betonen, dass das mit den Schmerzen ja bereits jetzt „viiiiel besser“ sei. 

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