Hilfsprojekt in Berlin-Moabit : Ist die Krankenwohnung für Obdachlose zu teuer?

In einem ehemaligen Krankenhaus versorgt die Caritas seit November 2018 kranke Wohnungslose. Doch jetzt gibt es finanzielle Probleme.

Obdachlose sind oft krank. In einer Krankenstation der Caritas werden sie gepflegt.
Obdachlose sind oft krank. In einer Krankenstation der Caritas werden sie gepflegt.Foto: dpa

Die Patientin ist etwa 40 Jahre alt, ein Pflegefall wegen starker Arthritis. Deshalb liegt sie hier, in diesem Mehrbettzimmer, in dem ehemaligen Krankenhaus in der Turmstraße in Mitte. Sie kann sich hier erholen, sie lebt jetzt im geschützten Raum. Für wenige Wochen, zumindest das. Ein extremer Unterschied zu ihrem Alltag. Normalerweise lebt die Frau auf der Straße. Und natürlich ist sie nicht krankenversichert.

Genauso wenig wie der Mann, der sich bei einem Unfall die Unterschenkelknochen gebrochen hat, dem die Ärzte Drähte einsetzten. Die Wunden entzündeten sich. Jetzt sind die Drähte entfernt, der Mann erholt sich in der Turmstraße. Sein üblicher Alltag: die Straße.

Und auch jener 34-Jährige ist nicht versichert, der Diabetes hat, die aber nicht behandelt wurde. Er wird jetzt in der Turmstraße korrekt auf Insulin eingestellt, ihm bringt das Personal bei, wie er sich selber helfen kann. Auch er lebt sonst auf der Straße.

13 Menschen, elf Männer, zwei Frauen, werden derzeit in der Krankenstation für Wohnungslose versorgt. Träger ist die Caritas. Sie nennt die Einrichtung Krankenwohnung. Ein Modellprojekt, am 7. November 2018 wurde es eröffnet, die Einrichtung wird auch durch die Spendenaktion des Tagesspiegel „Menschen helfen“ unterstützt. 15 Plätze gibt es insgesamt, Pflegefachkräfte, Hilfskräfte, eine Sozialarbeiterin betreuen und versorgen die Patienten. Sie arbeiten mit externen ehrenamtlichen Ärztinnen und Ärzten zusammen. Die Krankenwohnung ist erstmal auf zwei Jahre angelegt, danach wird ihre Arbeit bewertet.

Die Finanzierung ist unsicher

Eigentlich könnte sich Frank Petratschek zufrieden zurücklehnen und sagen, dass alles gut läuft. Aber Frank Petratschek, Regionalleiter Berlin der Caritas, sagt: „Wir sind verwundert und erstaunt.“
Es geht ums Geld. Es geht darum, dass im Moment nicht klar ist, ob die Caritas so viel Geld bekommt wie sie bei der Senatssozialverwaltung beantragt hat, damit sie diese Krankenstation im gesamten Jahr finanzieren kann. Sie steht vor einer Lücke von 252.000 Euro.

„Wir sind verwundert wegen des Engagements, das die Sozialverwaltung bei diesem Projekt gezeigt hat“, sagt Petratschek. Elke Breitenbach (Linke), die Sozialsenatorin, kümmert sich extrem um das Schicksal obdachloser Menschen in Berlin. Ihr ist das eine Herzensangelegenheit, ihr Einsatz wird von Experten enorm gewürdigt. Auch Petratschek lobt die Politikerin, er hat noch im Ohr, wie sie beim zweiten Strategiegipfel zur Wohnungslosigkeit 2018 auch die Krankenstation der Caritas als wichtigen Beitrag zur Reduzierung der Probleme betrachtete.

Doch nun hat ausgerechnet die Sozialverwaltung der Caritas mitgeteilt, dass sie für die Krankenwohnung fürs laufende Jahr, Stand heute, nur 600.000 Euro beisteuern kann. Das Geld kommt aus einem Topf für Modellprojekte. Die Caritas hatte ihre Kosten aber mit insgesamt 852.000 Euro kalkuliert. Dazu kommen noch rund 50.000 Euro Spendengelder. „Diese Limitierung der Gelder“, das ist der Punkt, der Petratschek so verwundert. Fürs Jahr 2018 hatte die Sozialverwaltung 172.000 Euro bezahlt, genau der Betrag, den die Caritas beantragt hatte.

Die Senatssozialverwaltung erklärt dazu, dass die „finanziellen Vorstellungen des Trägers im Moment über die Plansumme von 600.000 Euro pro Jahr hinausgehen“. Ziel sei „die Förderung der Krankenwohnung bis zum Jahresende 2019 und darüber hinaus, sofern der Haushaltsgesetzgeber die dafür notwendigen Mittel bereitstellt“. Die Sozialverwaltung habe in diesem Zusammenhang auch die Verpflichtung, einen effizienten Mitteleinsatz sicherzustellen.

Es steht viel auf dem Spiel

„Der Kostenrahmen für ein derartiges ergänzendes Angebot darf naturgemäß die Kosten für einen regulären Aufenthalt im Krankenhaus nicht überschreiten. In diesem Rahmen strebt die Sozialverwaltung eine zeitnahe Einigung an.“ Mit der Caritas würden jetzt Gespräche zur Höhe und Deckung der Finanzierungslücke geführt.

Die Frage ist nun: Was passiert, wenn diese Lücke nicht gedeckt wird? Endet dann der Betrieb nach neun Monaten? Oder schießt die Caritas die benötigten Gelder selber nach? Oder reduziert sie intern die Kosten? Petratschek hat dazu im Moment keine konkrete Antwort. „Das ist dann eine Trägerentscheidung, das müssen wir intern besprechen. Es hat immer etwas mit Priorisierung zu tun.“

Es steht viel auf dem Spiel, nicht bloß aus humanitären Gründen. Der Aufwand, den die Caritas betrieben hat, damit diese Krankenwohnung betrieben werden kann, war ja groß. „Wir haben zum Glück Leute gefunden, die mit dieser speziellen Klientel umgehen wollen und können“, sagt Petratschek. Die Suche nach solchen Helfern ist wahrhaftig kein Kinderspiel. „Wir haben ein Projekt mit Pflegern und Pflegehilfskräften“, sagt der Regionalleiter, „also Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt immens nachgefragt sind.“

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