"Housing first" in Berlin : Modellprojekt vermittelt Wohnungen an Obdachlose

Kassandra ist eine von 19 Dauer-Obdachlosen, die durch „Housing first“ eine Wohnung erhielten. Das Modellprojekt startete vor einem halben Jahr.

Kassandra war fünf Jahre lang obdachlos. Über das Modellprojekt "Hounsing First" konnte sie eine eigene Wohnung beziehen.
Kassandra war fünf Jahre lang obdachlos. Über das Modellprojekt "Hounsing First" konnte sie eine eigene Wohnung beziehen.Foto: Sandra Dassler

Die junge Frau mit den lockigen, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren, erzählt ihre Geschichte sehr eindrucksvoll: Wie sie der Mann, den sie zu lieben glaubte, immer wieder schlug, misshandelte und schließlich aus ihrer Wohnung warf. Wie sie mehr als fünf Jahre lang obdachlos war, „auch ganz offiziell“, wie sie sagt: „Da bekommt man in Berlin so einen Schniepel in den Personalausweis.“ Wie sie arbeitete, Behörden abklapperte und in einem betreuten Wohnprojekt unterkam. „Als ich mich dort nach zwei Jahren gerade wieder stabilisiert hatte, wurde ich mit einer offenen Wunde eiskalt rausgeworfen, weil ich krank und für einige Zeit ein Fall für den Pflegedienst war. Das hat mich völlig fertig gemacht.“

Als sie wieder gesund war, arbeitete Kassandra, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, oft sogar in Vollzeit, aber es reichte nicht für eine Wohnung. Sie landete in einer Notübernachtung für Frauen mit einer einzigen Dusche.

Niemandem fällt es leicht, mit so einer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Kassandra tut es, weil sie möchte, dass noch mehr Dauer-Obdachlose in Berlin eine Chance wie sie erhalten. Denn zufällig sah sie einen Flyer für das Projekt „Housing first für Frauen“. Der änderte alles.

„Ich war so skeptisch“, erzählt sie: „Aber es hat wunderbar geklappt. Am 7. Januar dieses Jahres hatte ich ein erstes Gespräch. Und schon am 15. März konnte ich in meine eigene Wohnung ziehen – ein unbeschreibliches Gefühl.“

Auch deshalb sprach Kassandra auf einer Pressekonferenz, zu der Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Mittwoch eingeladen hatte. Grund war die bislang überraschend positive Bilanz des im Oktober vergangenen Jahres gestarteten Modellprojekts „Housing first“ in Berlin.

Berliner Stadtmission als Träger

Das in den 90er Jahren in den USA entwickelte Konzept stellt langjährigen alleinstehenden Obdachlosen Wohnungen ohne Vorbedingungen zur Verfügung. Sie müssen lediglich in der Lage sein, über soziale Transferleistungen oder eigenen Verdienst die Miete aufzubringen. Sie können – aber müssen nicht – weitere Hilfe von Sozialarbeitern oder ehrenamtlichen Helfern erhalten, Therapien machen oder Wohlverhalten zeigen. In den USA, aber auch vielen europäischen Ländern, vor allem in den Großstädten, hat man damit gute Erfahrungen gemacht.

In Berlin setzte sich unter anderem die Stadtmission seit einigen Jahren für „Housing first“ ein, das nun von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales als Modellprojekt mit 143 000 Euro im Jahr 2018 und 580 000 Euro im Jahr 2019 unterstützt wird. Dadurch haben Vermieter zusätzliche finanzielle Sicherheiten und verlässliche Ansprechpartner durch die beiden Träger: Neue Chance gGmbH gemeinsam mit der Berliner Stadtmission sowie „Housing First für Frauen" hinter dem der Sozialdienst katholischer Frauen steht.

Die Träger haben trotz der prekären Berliner Situation tatsächlich insgesamt bereits 19 Wohnungen an obdachlose Frauen und Männer vermietet und weitere knapp drei Dutzend Wohnungen akquiriert. 80 sollen es Ende 2021 sein. Dann wird auch der Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Projekts vorliegen, um entscheiden zu können, ob es dauerhaft fortgeführt wird.

Kassandra wünscht sich das sehr. „Es ist immer noch wie ein Märchen, dass ich eine eigene Wohnung habe, aus der mich keiner mehr einfach rauswerfen kann“, sagt sie: „Dass es tatsächlich bedingungslos ist und ich keine Abmahnung wegen eines unangemeldeten Besuchs befürchten muss. Dass ich für mich sein und einfach mal zur Ruhe kommen kann.“

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Jetzt sei es ihr auch endlich möglich, eine langfristige Therapie anzugehen, freut sie sich. Beschäftigung hat sie schon: Zwei Stunden arbeitet sie täglich ehrenamtlich in einer Kita. „Das hilft mir, meinen Tag zu strukturieren“, sagt sie, und ihre Augen, die nur noch manchmal ängstlich schauen, blitzen vor Lebensfreude: „Und außerdem macht es totalen Spaß mit den Kindern.“

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